Europameisteschaft: Bisweilen ein wenig Theorie

München - Das Runde muss ins Eckige, so viel steht beim Fußball fest. Über die Details sprechen vor und nach den Spielen der EM wieder die üblichen Experten bei ARD und ZDF.

Ein Quäntchen sprachliche Raffinesse muss schon sein. "Ich bin ein wenig entsetzt", formulierte Günter Netzer nach der ersten Halbzeit der Partie Griechenland gegen Schweden am Dienstagabend im Ersten. "Ein wenig" ­ das klingt irgendwie gut, nach elegantem Understatement angesichts des trostlosen Kicks auf dem Rasen. Aber dafür sind sie ja da, die Gurus, in Worte zu fassen, was die Zuschauer soeben selbst gesehen haben.

Im Ersten ist dafür seit zehn Jahren Günter Netzer zuständig. Von Sportjournalist Gerhard Delling befragt (und von keinem anderen, das hatte er seinerzeit zur Bedingung gemacht), analysiert der Ex-Nationalspieler mit der anachronistischen Frisur seit Jahr und Tag die Spiele der Deutschen und ihrer Gegner auf dem Rasen.

Das an und für sich Banale erhaben zu erklären ­ das ist die Kunst. Netzer, der dabei manchmal richtig schelmisch schauen kann, bemüht sich redlich vorzuführen, dass hier, hoch über dem Spielfeld, gedribbelt wird und nicht gegrätscht. Das gelingt nicht immer, und dann fallen Sätze wie "Statisch stehen sie (die Griechen) überall herum" oder "Die Hoffnung kann nur von den Schweden kommen". Klar doch ­ man weiß, was gemeint ist, man hat's ja miterlebt.

Keine Frage, dass das Zuspiel funktioniert und dass gefällig kombiniert wird, und doch wird man das Gefühl nicht los, dass das Duo gegen die allmähliche Erstarrung ankämpft, dass die Lorbeeren, die man dem Journalisten und dem ehemaligen Fußballer im Lauf der Jahre auf die Häupter gedrückt hat, zu welken beginnen. Der heuer verliehene "Medienpreis für Sprachkultur" ­ eigentlich eine gewagte Auszeichnung.

Aber das System Netzer und Delling wirkt nicht zuletzt deshalb leicht antiquiert, weil es drüben, beim ZDF, seit drei Jahren Johannes B. Kerner und Jürgen Klopp gibt. Klopp ist Trainer (und damit das Reden gewohnt), aber das ist es nicht allein, was ihn von Netzer unterscheidet. Der 40-Jährige mit den gepflegten Bartstoppeln steht für die Generation Wohngemeinschaft. Hier hat jeder Rederecht, hier wurde Rhetorik an langen Abenden geübt. Und wo Günter Netzer (63) "Die Spieler" sagt, sagt Jürgen Klopp auch schon mal "Die Jungs".

Die Open Air-Atmosphäre vor großem Publikum (diesmal auf der Seebühne in Bregenz) sorgt ebenfalls für Dynamik, für Frische. Aber der eigentliche Clou in diesem Team, zu dem auch noch der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier gehört, ist der Bildschirm, neudeutsch "Screen", auf dem Klopp ("So, und jetzt halt mal kurz an!") Spielzüge wirklich analysiert. Und damit elegant demonstriert, dass ein wenig Theorie bisweilen ganz gut ist, auch im Fußball. Ganz abgesehen davon, dass jenseits aller Formeln von "Man muss sie ständig unter Druck setzen" bis "Sie müssen jetzt die Räume eng machen" auch sportfernere Zuschauerschichten erreicht werden.

Aber Fernsehen, auch das öffentlich-rechtliche, lebt vom Kontrast, und so halten beide Sender an ihren Konzepten fest. "Die beiden sind derzeit in einer bestechenden Form", schwärmt prompt, ganz im Jargon der Fußballer, ARD-Sportkoordinator Karl-Günther Wollscheid, und auch ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz ist von seiner Mannschaft überzeugt: "Ich bin sehr zufrieden, Kerner, Klopp und Meier setzen nahtlos das fort, was sie bei der WM vor zwei Jahren geleistet haben." Eine vertraute Art zu reden in Zeiten einer EM.

Klopps Tage als Fußballexperte im Fernsehen sind allerdings gezählt. Der künftige Trainer von Borussia Dortmund hört auf und wird durch Ex-Nationaltorhüter Oliver Kahn ersetzt, auch Referee Meier ist künftig nicht mehr dabei. Kann schon sein, dass man in der ARD darüber nicht unfroh ist, weil Netzers Spiel mit dem Wort vielleicht schon bald wieder sehr elegant wirkt. Die Hoffnung kann kommen.

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