Der "Fernsehanarchist"

- Die Privaten können sich heuer über mehr Nominierungen als je zuvor freuen ­- allerdings wohl nicht wegen besserer Qualität, sondern wegen veränderter Kriterien bei der Vergabe des Adolf-Grimme-Preises. Weil es erstmals eine eigenständige Preiskategorie "Unterhaltung" gibt, kommen RTL und Pro Sieben-SAT 1 auf zwölf der insgesamt 62 Nominierungen für die renommierte Auszeichnung, die am 30. März im nordrhein-westfälischen Marl verliehen werden soll.

"Es war ein gutes Fernsehjahr mit solider Qualität, einigen mutigen Innovationen und einzelnen Glanzpunkten", resümierte am Donnerstag der Direktor der Grimme-Akademie, Uwe Kammann.

Während sich Regisseure, Dokumentarfilmer und Schauspieler zunächst nur Hoffnung auf einen der zwölf Grimme-Preise machen dürfen, steht schon ein Gewinner fest. Komiker Hape Kerkeling erhält eine der drei außerdem vergebenen Auszeichnungen, die "Besondere Ehrung" des Deutschen Volkshochschulverbandes (DVV). Kerkeling habe während seiner Karriere auf übliche Klamaukmuster verzichtet, sagte Verbandsdirektor Ulrich Aengenvoort zur Entscheidung des DVV. "Zu seinem Spektrum gehören der schnelle Witz, die tückische Freundlichkeit, die freche Aufdringlichkeit und die entwaffnende Respektlosigkeit", umschrieb Aengenvoort Kerkelings preiswürdige Vorzüge. Knapp umschrieb er dabei den 42-Jährigen als "Fernsehanarchist".

Kerkeling darf sich zusätzlich Hoffnung auf einen der regulären Grimme-Preise machen. Für seine Verwandlung in den heruntergekommenen Provinzjournalisten Horst Schlämmer ist der gebürtige Recklinghausener in der Kategorie "Unterhaltung" nominiert. "Das war unserer Meinung nach mit Abstand die größte Comedy-Leistung des Jahres", urteilte die Jury und führte als Paradebeispiel den Rollentausch von Schlämmer alias Kerkeling mit Günther Jauch im RTL-Quiz "Wer wird Millionär?" an. Für "Unterhaltung" wurden drei Pro Sieben-Formate nominiert, unter anderem "Schlag den Raab" als "die mit Abstand überzeugendste Showinnovation".

Bei den Filmen in der Kategorie "Fiktion" kamen Privatsender auf drei von 22 Nominierungen. Gelungen fand die Jury unter anderem "Meine verrückte türkische Hochzeit" (Pro Sieben) und den vom Sender selbst wegen geringer Quoten ins Nachtprogramm verlegten Vierteiler "Blackout" (SAT\x0f1). Die größte Diskussion habe es allerdings bei dem Fernsehfilm "Wut" (ARD) gegeben. Der ­ ebenfalls zu späterer Stunde als ursprünglich vorgesehen ausgestrahlte ­ Film um einen deutschen Jugendlichen, der durch den Anführer einer türkischen Gang bedroht wird, zeige für manche Juroren schon eine "unerträgliche Härte".

Domäne der öffentlich-rechtlichen Sender bleibt die Kategorie "Information" mit 22 von 23 Nominierungen. Als glänzend eingestuft wurde der Beitrag "Müllgeschäfte" aus der Reihe "die story" (ARD). Nominiert für den Grimme-Preis wurde auch Bundesligtrainer Jürgen Klopp für seine "erfrischenden" ZDF-Spielanalysen während ei der Fußballweltmeisterschaft.

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