Puzzlearbeit: CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes) ist eine Hauptfigur in „Homeland“.

„Eine ganz neue Form von Fernsehen“

Darum sind US-Serien so gut

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München - Die Geschichten sind zu komplex, die Figuren darin auch: US-Serien wie „House of Cards“ und „Homeland“ brechen alle herkömmlichen Regeln des Fernsehens. Aber die Zuschauer – vor allem die jungen – lieben das. Warum eigentlich?

Spricht da gerade Kevin Spacey, der geniale Schauspieler? Oder doch Francis Underwood, der Fiesling aus der Serie „House of Cards“? Der Mann auf der Bühne jedenfalls beugt sich übers Mikrofon, seine Stimme wird zum verschwörerischen Flüstern. „Das waren die Sender-Typen“, sagt er. Es klingt, als hätte er ein verbotenes Wort benutzt. Sender-Typen. Die haben ihm früher das Leben schwer gemacht. Am Anfang seiner Karriere, als er noch unbekannt war und bei TV-Sendern in herkömmlichen Serien mitspielte. Nicht wie jetzt, bei „House of Cards“, wo er der Star ist und keine Sender-Typen ihm mehr reinreden. Nur: An diesem Abend sitzen genau solche Sender-Typen in Anzügen vor ihm im Publikum.

Kevin Spacey soll den Fernsehmachern, die aus aller Welt nach Edinburgh gekommen sind, erklären, warum „House of Cards“ so erfolgreich ist. Eine Serie, die scheinbar gegen alle Regeln der Branche verstößt. Sie braucht lange, um in Schwung zu kommen. Die Handlung ist kompliziert, die Akteure sind vielschichtig – und verändern sich ständig. Und dann spielt das Ganze auch noch im angeblich stinklangweiligen Politikbetrieb Washingtons, dreht sich um den skrupellosen Abgeordneten Underwood. Was hier in Edinburgh kaum einer versteht: Das Publikum liebt es.

Die Serie, vor einem Jahr in den USA gestartet, hat inzwischen weltweit so viele Fans, dass die Verantwortlichen schon weitere Folgen bestellt haben, obwohl die zweite Staffel erst heute startet – in den USA und im deutschen Bezahlfernsehen.

US-Serien beliebt wie nie

Es ist nicht nur „House of Cards“. Es gibt eine ganze Reihe amerikanischer Autoren-Serien, die gerade ein junges Publikum begeistern. Mit viel medialem Rummel ist voriges Jahr „Breaking Bad“ nach der fünften Staffel zu Ende gegangen, die Serie über einen krebskranken Chemielehrer, der sich zum gewissenlosen Drogen-Boss wandelt. Und es gibt „Homeland“, in der Claire Danes als psychisch kranke CIA-Agentin herausfinden will, ob der als Kriegsheld gefeierte US-Soldat Nicolas Brody nicht in Wahrheit ein islamistischer Terrorist ist. In den USA lief gerade Staffel drei.

„Das ist eine ganz neue Form von Fersehen“, sagt der deutsche Erfolgsproduzent Nico Hofmann („Unsere Mütter, unsere Väter“) über die neuen Serien, die auf komplexe Geschichten setzen. „Wie bei diesen Serien über Jahre Charaktere entwickelt werden, wie sie für jede Staffel neu erfunden werden, ist am ehesten mit Literatur vergleichbar“, sagt er.

Macher der TV-Serien haben Freiheiten

Ein Geheimnis: Die Macher dieser Serien haben viele Freiheiten. Keine Sender-Typen, die sich in jedes Detail einmischen. Mit Abscheu erinnert sich Spacey an „die Typen in Anzügen, die um die Kameras herumstanden und fragten, warum ich die Haare so trug oder warum ich gerade so schauspielerte.“

Die gibt es bei „House of Cards“ nicht – die Serie wird von Netflix produziert, einem US-Internet-Videodienst. Spacey jedoch wüsste schon, was die Sender-Typen kritisiert hätten, wenn es sie gäbe. „Sie hätten gesagt: Wir sind ein kleines bisschen beunruhigt, dass Kevin in den ersten fünf Minuten einen Hund erwürgt. Wir fürchten, wir könnten die Hälfte unseres Publikums verlieren.“ Genau das passiert in der ersten Folge: Underwood erdrosselt einen angefahrenen Nachbarshund, der ihn schon immer genervt hat.

Das Problem: die Senderchefs

Doch bei „House of Cards“ hat das niemand bemängelt. „Wir wissen schon, was funktioniert“, sagt Spacey. „Das Einzige, was wir nicht wissen, ist: Warum es so schwer ist, Senderchefs mit der nötigen Hingabe und den nötigen Eiern zu finden, es auch umzusetzen.“

Die Suche nach einem Auftraggeber, der sich traute, dauerte auch bei „House of Cards“ lange. Obwohl es eigentlich keine besseren Voraussetzungen geben konnte. Der Kinostar und Oscar-Preisträger Spacey („American Beauty“, „Die üblichen Verdächtigen“) wollte die Hauptrolle übernehmen, Regie der oscar-nomminierte David Fincher („The Social Network“) führen. Doch die großen US-Sender sagten ab. Sie wollten, dass auch Spacey und Fincher nach den Regeln der Branche spielen und erst einmal eine Pilotfolge produzieren. „Es war keine Arroganz, dass David Fincher und ich das nicht machen wollten“, sagt Spacey. „Wir wollten einfach eine anspruchsvolle Geschichte erzählen mit komplexen Charakteren, die sich nach und nach entfalten.“ Unmöglich in 45 Minuten.

Netflix tickte anders. Der Internetdienst weiß, was seine Nutzer wollen. „Die sagten: Laut unseren Daten würden unsere Zuschauer die Serie ansehen“, erzählt Spacey. Und dann hätten sie gesagt: „Wir brauchen keine Pilotfolge, wie viele Folgen wollt ihr machen?“

"Breaking Bad": Schlechteste Idee aller Zeiten?

„Breaking Bad“ ist ähnlich entstanden. „Das ist vielleicht die schlechteste Idee aller Zeiten für eine Fernsehserie“, soll der Chef der Produktionsfirma gesagt haben. „Ich verstehe nur Bahnhof, aber wenn du leidenschaftlich dahinter stehst, dann mach’ mal.“ Vielen Zuschauern ging es zu Beginn der Serie genauso. „Wir wussten, dass ,Breaking Bad‘ kein Stoff für die Masse sein würde – und wir fanden das in Ordnung“, sagt Hauptakteur Bryan Cranston. „Oft, wenn man allen gefallen will, wird es genau der Massenware-Typ einer Serie: akzeptabel für alle, wirklich aufregend für niemanden.“

Auch in Deutschland waren die Quoten für die neuen Serien nicht berauschend. „Homeland“ und „House of Cards“ liefen am späten Sonntagabend bei Sat.1. „Das liegt daran, dass die Zielgruppe kleiner ist und die potenziellen Zuschauer die Serien in der Regel schon im Internet oder auf DVD geschaut haben, wenn sie in Deutschland ins Fernsehen kommen“, erklärt Produzent Hofmann. „Solange eine Serie wie ,In aller Freundschaft‘ oder ,Familie Dr. Kleist‘ jede Woche immer noch sechs Millionen Zuschauer anlockt, gibt es für die Sender – auch öffentlich-rechtliche – keinen Grund, dieses Programm aufzugeben.“

Doch Hofmann glaubt: „In Deutschland erleben wir jetzt gerade den Umbruch. Das wird eine extreme Marktveränderung.“ Seine Produktionsfirma UFA bekommt inzwischen auch Aufträge für komplexere deutsche Serien.Vor allem die Internet-Video-Dienste werden auch in Deutschland auf die neue Art Fernsehen setzen.

Hofmann glaubt, dass auch in Deutschland künftig mehr Kinostars in Serien mitspielen werden. Früher undenkbar. „Vor 15 Jahren hätte mir mein Agent niemals erlaubt, in einer Fernsehserie zu spielen, nachdem ich einen Oscar gewonnen habe“, gibt Spacey zu. Doch die Grenzen schwinden. „Ist es wirklich ein Unterschied, eine gut gemachte 13-stündige Serie oder einen Film anzuschauen, der zwei Stunden oder kürzer dauert?“, fragt er. Es komme auf die Geschichten und Drehbücher an. Hofmann glaubt: „Fernsehen ist für Schauspieler heute spannender als Kino, weil sie die Charaktere ganz anders entwickeln können. Was Kevin Spacey in ,House of Cards‘ zeigt, wird er im Kino nie zeigen können.“

Serien-Staffeln werden am Stück geschaut

Auch das Publikum macht keine Unterschiede mehr, das sieht man am „Bingeviewing“. So nennen die Amerikaner das Phänomen, dass ganze Serien-Staffeln am Stück verschlungen werden. Netflix hat sich bei „House of Cards“ angepasst – und veröffentlicht alle neuen Folgen an einem Tag. „Es wird viel über die angeblich verkürzte Aufmerksamkeitsspanne diskutiert“, sagt Spacey. „Wenn die Geschichte gut genug ist, können die Menschen Dinge anschauen, die dreimal so lange dauern, wie eine Oper.“ Das Publikum wolle die Kontrolle. „Gib den Leuten, was sie wollen, wann sie es wollen, in der Form, die sie wollen, zu einem vernünftigen Preis und sie werden es eher kaufen als stehlen.“ Netflix hat das kapiert.

Soweit sind die Deutschen noch nicht. Die zweite Staffel von „House of Cards“ wird monatelang nur für Sky-Kunden zu sehen sein. Erst gegen Jahresende soll es eine DVD-Box geben. Manch einer wird die neuen Folgen dann schon halblegal im Internet gesehen haben. Verbockt haben das dann, wie könnte es anders sein: die Sender-Typen.

Philipp Vetter

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