Fernsehkritik: Politisch korrekt

Der ARD-Zweiteiler "Die Flucht": - Mit dem zweiteiligen Spielfilm "Die Flucht" thematisieren Arte und ARD eine der größten deutschen Tragödien des Zweiten Weltkriegs. Im Januar 1945 brach ein Inferno über Ostpreußen herein. Soldaten der Roten Armee, die hier erstmals deutschen Boden betraten, brandschatzten, plünderten, vergewaltigten und mordeten.

Sie waren getrieben von Rachedurst für das unermessliche Leid, das die deutschen Besatzer über ihr Land gebracht hatten, enthemmt durch den überall vorhandenen Alkohol und das Triumphgefühl der Sieger, und ihre Vorgesetzten geboten ihnen erst nach Wochen Einhalt. Geblendet von der eigenen Durchhaltepropaganda hatte Gauleiter Erich Koch, ein nationalsozialistischer Massenmörder, die rechtzeitige Evakuierung verhindert. Als Mitte Januar die große Flucht begann, herrschten Panik und Chaos.

Idealisierter Adel

2100 Komparsen und 250 Pferde hat Regisseur Kai Wessel an 26 Drehtagen im winterlichen Litauen aufgeboten, um dem Fernsehzuschauer ein Bild dieses Geschehens zu vermitteln. Viele einstige Flüchtlinge werden in den Bildern der Trecks, der improvisierten Schlafplätze auf überfüllten Bauernhöfen und des Weges über das Eis unter Tieffliegerbeschuss Stationen des eigenen Schicksals wiedererkennen. Hier ist der Film sehr realitätsgetreu.

In vielem folgt er aber eher den Gesetzen des Unterhaltungsfilms als den Geboten historischer Aufklärung. Dass die Hauptfigur, Lena Gräfin von Mahlendorf (Maria Furtwängler), und der attraktive französische Kriegsgefangene François (Jean-Yves Berteloot) an einem Strang ziehen, um den Nachstellungen von Nazis und Roter Armee zu entgehen, entspricht der Spielfilmlogik -­ schließlich sollen sie einander am Ende ja kriegen. Dass sich Lenas kleine Tochter Vicky sogar in einem Wagen der heimlich flüchtenden Zwangsarbeiter des Mahlenberg‘schen Guts versteckt, als "Schutzengel", wie sie sagt -­ nun ja, im Spielfilm ist vieles erlaubt.

Dass aber die russischen Zwangsarbeiter in diesem Film stets panische Angst vor der Ankunft der Sowjettruppen haben und ihnen zu entkommen versuchen, ist eine Verzeichnung der historischen Realität. Tatsächlich wollten die meisten Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter, insbesondere die sowjetischen, lieber von der Roten Armee befreit als von ostpreußischen Adligen, gleich welchen Alters, "beschützt" werden. Dass manche den Befreiern mit gemischten Gefühlen entgegensahen und dass auch viele sowjetische Zwangsarbeiterinnen von eigenen Landsleuten vergewaltigt wurden, steht auf einem anderen Blatt.

Auch das Verhältnis zwischen Nazis und Adligen ist eher idealisiert dargestellt. Die Nazis in diesem Film sind entweder grenzenlos naiv wie Lenas Bedienstete und beste Freundin Babette (Gabriela Maria Schmeide) und ihr fanatisierter Sohn Fritz (Josef Mattes), oder sie sind grausame und stets ein bisschen schmierige Zyniker. Man fragt sich, wie solchen Leuten schon 1932 fast 40 Prozent der ostpreußischen Wählerstimmen zufallen konnten. Der Adel ist auch nicht ganz frei von Schuld. Er hat sich mit diesen Leuten "gemein gemacht", wie Lenas Vater (Jürgen Hentsch) sagt. Doch mit Ausnahme von Lenas Verehrer Heinrich (Tonio Arango) stehen alle Adligen im Film dem Nationalsozialismus distanziert gegenüber. Graf Rüdiger (Hanns Zischler), der es an dieser Distanz hat mangeln lassen, nimmt sich nach dem Krieg schuldbewusst das Leben.

Die prominente Journalistin Marion Gräfin Dönhoff, der die Figur der Lena nachempfunden ist, hat dieses Bild des grundsatztreuen ostpreußischen Adels zeitlebens propagiert. Neuere Forschungen haben es aber korrigiert: Einer Minderheit von adligen Widerständlern standen sehr viel mehr aktive Nationalsozialisten im Adelsrang gegenüber. Die Filmautoren hat diese Erkenntnis noch nicht erreicht. Anstößiges kann man ihnen indes nicht vorwerfen.

Versöhnung herrscht vor

Wer in der "Flucht" nach politischen Unkorrektheiten sucht, wird kaum fündig werden. NS-Verbrechen werden deutlich thematisiert und die Gewalttaten von Rotarmisten eher zurückhaltend dargestellt. Versöhnung herrscht vor. Die einst von Sowjetsoldaten vergewaltigte Babette findet am Ende gar einen russischen Freund, der ­- versteht sich ­- vor den eigenen Leuten geflüchtet ist.

Merkwürdig leicht wiegen hier die erlittenen Traumata und Verluste: Als die Flüchtlingsgruppe, ein französisches Liedchen trällernd, durch die blühende bayerische Landschaft wandert, sagt die Gräfin aus dem Off: "So ungewiss unsere Zukunft war, so sicher wusste ich, dass sie nichts mehr mit der Welt zu tun haben würde, aus der wir gekommen waren." Das sehen wohl nicht nur Historiker anders.

Der Autor, der diesen Beitrag exklusiv für unsere Zeitung schrieb, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte in München. Forschungsschwerpunkte u.a. Geschichte des NS-Regimes und der deutsch-sowjetischen Beziehungen.

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