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„KDD – Kriminaldauerdienst“ läuft zurzeit in der letzten Staffel (ZDF, freitags, 21.15 Uhr) – wohl weil die Quoten niedriger sind als erwartet. Dabei glänzt KDD mit viel Innovation, die dem angestaubten Freitagabendprogramm im Zweiten gut zu Gesicht stand. Links: Szene aus der kommenden Folge mit Jansen (Rainer Sellien), Enders (Götz Schubert, M.) und Kristin (Saskia Vester).

ZDF-Polizeiserie "Kriminaldauerdienst": Fesselnd, frisch – erfolglos

Hamburg - Da mag die ZDF-Polizeiserie „KDD“ noch so ausgezeichnet sein – die dritte Staffel, die seit Freitag läuft, wird die letzte sein. Warum, versuchte der ZDF-Verantwortliche Klaus Bassiner zu erklären.

Der Sender kämpft am wichtigen Freitagabend den alten Kampf: Qualität gegen Quote.

Eines kann man Klaus Bassiner sicher nicht vorwerfen: dass ihm die Leidenschaft fürs Fernsehen fehlt. Wenn der ZDF-Hauptredaktionsleiter Senderräume betritt, füllt sich die Luft mit Energie. Wenn der Serienverantwortliche über sein geliebtes Medium zu reden, ja zu schwärmen beginnt, zeigen die Worte Wirkung. Und wenn der Mainzer Krimiexperte mal sein Tun verteidigen muss, bleibt Widerstand oft zahnlos.

An diesem Abend in Hamburg hat Bassiner etwas zu verteidigen. Keine Sonntagsromanze oder Volksmusiksause, weder Forsthäuser noch Landärzte und auch nicht den nächsten Stromlinien-Kommissar, nein – echte Qualitätsware der an Güte so armen Serien aus Deutschland. Bassiner, der schlagfertige Mann mit der grauen Dirigentenwelle, er kämpft vor geladenen TV-Kritikern in der ZDF-Landeszentrale, hoch über der Medienstadt, für den „Kriminaldauerdienst“: „KDD“, das Beste, was hierzulande – da sind sich nicht nur die Anwesenden einig – in Reihe produziert wurde. Die Sendung läuft seit 2007.

Kein Wunder also, dass Bassiner diesmal nicht den Start eines Formats rechtfertigt, sondern sein Ende. KDD, die hochspannende, dramaturgisch fesselnde, filmisch innovative Studie des turbulenten Lebens in einer Berliner Polizeistation, geht nach gerade mal 24 Folgen vom Kanal. Am Freitag (21.15 Uhr) ist die dritte Staffel gestartet, dann ist endgültig Schluss – Grimme-Preis hin, Feuilleton-Lob her. Und weil das niemand außerhalb der Redaktion so recht versteht, sieht sich ihr Leiter in Erklärungsnot.

„Die Geschichten sind abgeschlossen“, sagt Bassiner über die vielschichtigen Milieustudien im Kreuzberger Kriminalalltag, deren Charaktere mit exzellenten Köpfen von Götz Schubert über Saskia Vester bis Barnaby Metschurat besetzt waren. Doch die Handlungen seien auserzählt. Man wolle keine „Vorabendromantik endloser Erzählungen“, nicht jede Serie „muss auf Dauer angelegt sein“. Bassiner verzichtet aufs Luftholen bei der Eloge auf den Abschied. Etwas Einmaliges, er nimmt einen tiefen Zug aus dem Weinglas und blickt kämpferisch in die Runde, „lässt sich eben nicht beliebig vervielfältigen“.

Doch genau das wirft die Frage auf, warum man es in Mainz mit dem Alltäglichen so beharrlich tut. Warum Konventionelles wie „Soko Leipzig“ auf die 200. Episode zusteuert. Warum Altbackenes wie „Ein Fall für zwei“ seit 29 Jahren die Anwälte an Matulas ergrauter Seite durchtauscht. Warum Durchschnitt am wichtigen Freitagabend unablässig durch baugleichen Durchschnitt ersetzt wird.

„Um seine Perlen zu pflegen“, wie es Bassiner ausdrückt, der bereits fast die Hälfte seiner 55 Lebensjahre Film beim ZDF verantwortet? Weil die Darsteller angeblich selbst für hochdotierte, marktwertsteigernde Formate wie dieses nicht ewig zur Verfügung stünden? Weil Fernsehen nun mal Tagesgeschäft ist?

Eher liegt der Verdacht nahe: Schuld sind (mal wieder) die Quoten. Sie waren bei KDD zwar selten miserabel, aber stets unter den Erwartungen, wie auch Bassiner einräumt. Zumal auch „Der Alte“ im Vorprogramm mehr Zuschauer erreichte, selbst beim jüngeren Publikum, der virtuellen Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Zu radikal sind offenbar die Geschichten im „Kriminaldauerdienst“, zu unruhig die Bilder, zu hintergründig Sound, Ästhetik, Dialoge. Die Kamerafahrten beim KDD arbeiten auch in der Schlussstaffel wie Bewegungsmelder, sie folgen dem Geschehen aus der Deckung und machen jeden Protagonisten gleichermaßen verdächtig, da schlummere irgendwas Düsteres in ihm. Die Schnitte scheinen sich bisweilen zu jagen, wirken aber nie zappelig, sondern affektiv und bleiben auch mal 20 Sekunden aus. Die Musik firmiert als vage Untermalung, nie als Handlungsersatz wie sonst im Krimi üblich. Alles fast revolutionär. „KDD hat die Bildsprache verändert“, sagt Bassiner. „Wir haben was angeschoben in der Branche.“ Sogar „Im Angesicht des Verbrechens“, Dominik Grafs vorab gefeierte ARD-Serie, sei von diesem ZDF-Format beeinflusst.

Umso beklagenswerter, dass man es nicht gerade deshalb fortführt. Dafür habe man ja andere „kleine Schweinereien im Köcher“, beruhigt Bassiner und nennt als Beispiel „Klimawechsel“, Doris Dörries aktuelle Serie über Frauen im Würgegriff der Menopause. Zugegeben: Diese ist brillant, leichtfüßig, ungewohnt, eine Perle der deutschen TV-Unterhaltung. Aber als Ersatz für schwere Kost der Marke KDD dann doch völlig ungeeignet.

Was also kann ihren Platz einnehmen? Er halte wenig vom „Fallschirmspringerprinzip, deutsche Drehteams über Venedig abzuwerfen und dort vor touristischer Kulisse arbeiten zu lassen“, meint die kreative Seele, die im Fernsehverwalter Bassiner steckt. Also doch wieder Importe aus Skandinavien und England. Zurzeit die zweite Staffel von „Lewis“. Ab Mai „Inspector Barnaby“, die vierte. Im Herbst Neues von „Kommissarin Lund“. Stieg Larssons Kinoerfolge Anfang 2011. Und zwischendurch alte Bekannte à la „Spezialeinheit Göteborg“. Koproduktionen meist und alles fraglos ansehnlich, aber eben keine Experimente wie der „Kriminaldauerdienst“.

Klaus Bassiner preist dennoch alles wie den nächsten großen Wurf. Wie gesagt: Mangel an Leidenschaft ist ihm nicht vorzuwerfen.

Jan Freitag

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