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Altkanzler Helmut Kohl: Eine Filmbiographie über das langjährige Staatsoberhaupt strahlt das ZDF jetzt aus.

Filmbiographie des Altkanzlers: Ohne jeden dunklen Fleck

Eigentlich ist „Der Mann aus der Pfalz“ ein sehr gelungenes Filmporträt. Hätte das ZDF nicht jede ernstere Kritik an Helmut Kohl, Bundeskanzler zwischen 1982 und 1998, ausgespart.

Filmbiografien beginnen gern mit dem Ende. Aus dem Herbst des Lebens blicken die Porträtierten auf ihren Frühling zurück und arbeiten sich dann chronologisch zur finalen Jahreszeit vor. So macht man Vergangenheit gegenwärtig, so entsteht Komplexität, so gewinnt eine Filmbiografie an Relevanz – und offenbart die Widersprüche einer Persönlichkeit. Ein zeitgeschichtlicher Koloss wie Helmut Kohl ist eine Persönlichkeit, an dem sch die Geister schieden und scheiden. Doch zeigt „Der Mann aus der Pfalz“ (ZDF, morgen, um 20.15 Uhr), Thomas Schadts lang vorbereitetes, heiß ersehntes, hart umkämpftes Fernsehmonument, den Altkanzler zu Beginn beim – Fischefüttern.

Das kann man so machen. Es endet – auch dies keinesfalls abwegig – mit der Wiedervereinigung. Und zwischendrin? Kohleklau in der schlechten Zeit, der Aufstieg in der Partei, Machtpolitik, politische Visionen, Regierungsjahre, die Wende, Legendenbildung. Aber Moment – war da nicht noch etwas? Es ist die absurde Leistung des Regisseurs und seines Produzenten Nico Hofmann, das filmische Denkmal eines Gegenwartspolitikers zu errichten, ohne auch nur einen einzigen seiner Abgründe auszuleuchten.

Der Vergleich Gorbatschows mit Goebbels, die Spendenaffäre, ein Blackout im Fall Friedrich Karl Flick, der Beratervertrag mit Leo Kirch, das Wahldebakel im Jahr 1998, das ganze Arsenal der Satire – all dies findet nicht statt in satten eineinhalb Stunden. Selbst seine weidlich verspottete Sprachmelodie – glatt gebügelt in ansonsten nuancierter Interpretation gleich zweier Schauspieler (Stephan Grossmann und Thomas Thieme). Und das hat seine Gründe. Sie liegen fünf bis viele Jahre zurück und prägen doch die televisionäre Gegenwart.

In den landespolitischen Aufstiegsjahren des jungen Kohl nämlich firmierte die marktbeherrschende „Rheinpfalz“ als journalistische Hofberichterstatterin, deren Bonner Korrespondent Klaus Hofmann zur bundespolitischen Machtsicherung im Jahr 1984 eine lobhudelnde Biografie namens „Kanzler des Vertrauens“ verfasste. Zwei Jahrzehnte später nun hielt der Geehrte zum 80. Geburtstag des dienstbaren Reporters eine Laudatio und erhob sich dafür vom Tisch Nico Hofmanns, dem Sohn des Jubilars, der seinen Freund Schadt, Regisseur in spe, gezielt neben dem Redner platziert hatte.

Das Ergebnis dieser kleinen Liaison sehen wir nun. Und es ist weiß Gott nicht alles schlecht am „Mann aus der Pfalz“. Im Gegenteil, Schadt hat das Porträt eines schwer Porträtierbaren fein gewoben. Stephan Grossmann gibt den lebenslustigen, jungen Helmut der Wirtschaftswunderjahre mit spielerischer Intensität, Thomas Thieme den machtbeflissenen Kohl der Kanzlerschaft in patriarchalischer Wucht. Jedes Zitat, jeder innere Monolog, die gesamte Zeitachse – alles belegt durch Film, Presse, Literatur, Zeitzeugen.

Aufmerksam beschreitet der Film Kohls Weg durch verstaubte Institutionen der Pfälzer Provinz bis an die Schalthebel der Macht. Mit großer Liebe zum historischen Detail kopiert der Regisseur dabei Kohls Wegbegleiter, vor allem optisch. Und wie sich der Politstratege vom Rowdy der jungen Union über den „King of Mainz“ zum trutzigen Staatsmann emporboxt, ist eher Psychogramm als bloß Charakterstudie, auch wenn Schadt keine wollte. „Das klingt so medizinisch“, sagt er.

Umso chirurgischer schneidet sein Drehbuch alle dunklen Flecken aus Kohls Vita. „Wir zeigen einen Weg voller Brüche“, redet sich Produzent Hofmann heraus und nennt Szenen wie die des herzkranken Fleischbergs vorm Parteitag im Unterhemd oder all die politischen Leichen auf seinem Weg. Nur – der angreifbare Mensch hinterm Alphatier ist kein Makel, sondern das Wesen geborener Leithammel, Voraussetzung von Führungskraft und somit absolut ehrenwert.

Wenn dann noch unablässig Reformen, Visionen, Stärken, auch Schwächen (Schokolade meist) betont werden, wenn Kohl behaupten darf, keine Angst zu kennen, weil ihm Mut wichtiger sei, und nach erfolgreicher Wiedervereinigung im Schlussbild mit Francois Mitterand übers Meer gen Horizont blickt, dann sehnen sich kritische Zuschauer nach Drehbuchfragmenten von „Ehrenwort“ bis „Untersuchungsausschuss“.

Der Film solle ja nichts kopieren, was schwer kopierbar ist, sagt Thomas Schadt. Er erhebe keine Anspruch auf Vollständigkeit. Warum der Filmemacher dann das Arbeitszimmer seines Protegés, pardon, Protagonisten eins zu eins nachbilden ließ, warum jedes noch so beiläufige Zitat belegt ist und Claus-Theo Gärtner offenbar allein wegen der Ähnlichkeit von Matula auf Geißler umbesetzt – das bleibt sein Geheimnis.

Ganz so geheimnisvoll ist die positive Grundhaltung dagegen nicht. Nur so dürfte der Dargestellte von Gegenwehr absehen. Kohl hat den Film nicht gesehen, der Star ignoriert sein Bildnis und sichert ihm doch Bestandsgarantie zu, weil kein Wort eines vielstündigen Exklusivinterviews mit dem Regisseur verwendet wird. Aus diesem Konvolut bastelt das ZDF gerade eine Dokumentation zum 80. Geburtstag des Altkanzlers am 3. April 2010. Man schätzt in halt immer noch sehr in Mainz.

Jan Freitag

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