Folklore statt Fakten

München - Korrespondenten von ARD und ZDF werfen den beiden öffentlich-rechtlichen Sendern Ignoranz vor.

Sie berichten aus den Hauptstädten und von den Brennpunkten dieser Welt, sind ganz nah dran am Geschehen in Paris, Moskau, Jerusalem oder Bagdad - die Auslandskorrespondenten von ARD und ZDF. In Nachrichtensendungen wie "Tagesschau" oder "heute" informieren sie mit dem Mikrofon in der Hand und Wind im Haar über die neuesten Entwicklungen in den USA oder in Afghanistan, im Kaukasus oder auf dem Golan. Neben den Moderatoren sind die Auslandsreporter die Gesichter der öffentlich-rechtlichen Fernsehnachrichten und verrichten normalerweise ohne öffentlich zu murren ihren Dienst. Doch in jüngster Zeit proben sie den Aufstand. Immer mehr Korrespondenten fühlen sich von ARD und ZDF unverstanden und werfen den Sendern Ignoranz, Oberflächlichkeit und mangelndes Vertrauen vor.

Eine Neuerscheinung dürfte jetzt für weiteren Zündstoff sorgen. In dem Buch "Deutsche Auslandskorrespondenten" schreiben sich einige Reporter den Frust von der Seele. So bemängeln sie, dass ihnen von den Redaktionen oft zu wenig Sendezeit zugestanden werde - auch und gerade bei der Erklärung schwieriger und komplizierter Sachverhalte. "Und bist du noch so fleißig, es werden nur Einsdreißig", reimt etwa die Studioleiterin des ZDF in Tel Aviv, Karin Storch, in ihrem Beitrag. "In einer Minute und dreißig Sekunden die neue Wendung im israelisch-palästinensischen Konflikt darzustellen, ist eine Herausforderung, an der man trotz langer Erfahrung im Verkürzen verzweifelt", schreibt Storch.

Angefangen hat alles mit Ulrich Tillgner. Der verdiente Außendienstler, der seit 28 Jahren aus dem Nahen und Mittleren Osten berichtet, hängte seinen Job als Leiter des ZDF-Studios in Teheran vor ein paar Monaten frustriert an den Nagel. Er fühle sich in seiner journalistischen Arbeit zunehmend eingeschränkt, weil er beispielsweise in Afghanistan nicht mehr frei über das Elend der Bevölkerung berichten könne, begründete Tillgner seinen Schritt. Statt einer wirklichen Auseinandersetzung mit den relevanten Themen sei beim ZDF "journalistische Folklore" gefragt, klagte der 60-Jährige, der jetzt hauptsächlich für das Schweizer Fernsehen arbeitet.

Schützenhilfe bekam Tillgner mittlerweile von anderen ZDF-Journalisten. Profis wie Uwe Kröger, der aus New York berichtet, Paris-Korrespondent Alexander von Sobeck oder der inzwischen emeritierte London-Berichterstatter Ruprecht Eser beklagten, dass politische Hintergründe und Zusammenhänge zunehmend weniger gefragt seien, stattdessen müssten den Heimatredaktionen immer häufiger oberflächliche Klatsch- und Tratschgeschichten - etwa über das turbulente Privatleben des französischen Präsidenten Sarkozy oder Skandale aus dem britischen Königshaus - geliefert werden.

Senderverantwortliche wie ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender halten dagegen und verweisen unter anderem auf einen Bedeutungsverlust westlicher Korrespondentenplätze, während Asien oder das östliche Europa für die Berichterstattung wichtiger geworden seien. Doch die Unzufriedenheit sitzt tief. Es sei schon erstaunlich, wie oft er mit Redakteuren darüber diskutieren müsse, "wie die Wirklichkeit wirklich ist", klagte unlängst ARD-Sonderkorrespondent Thomas Morawski.

Jörg Armbruster, von 1999 bis 2005 fürs Erste im Nahen Osten im Einsatz, berichtet in dem Buch gar von einem bizarren Vorfall. Demnach habe ihn eines Nachts in Kairo ein "Tagesschau"-Redakteur aus Hamburg angerufen und gebeten, in einer halben Stunde über einen gerade erfolgten Bombenanschlag in Sharm el Sheich zu berichten. "Mein Einwand, ich müsse mich erst einmal informieren, zählte nur wenig", schreibt Armbruster. "Hamburg gab mir die ersten spärlichen Informationen, die ich kurze Zeit später in einer nächtlichen ‚Tagesschau als ‚Jörg Armbruster live aus Kairo durchs Telefon nach Hamburg zurückberichtete."

Angaben zum Buch:

Oliver Hahn, Julia Lönnendonker und Roland Schröder: "Deutsche Auslandskorrespondenten". UVK Verlagsgesellschaft Konstanz; 534 Seiten, 45 Euro.

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