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„Er hat diese Frau regelrecht vorgeführt“: Ulrich Wickert sieht im Fernsehduell einen der Gründe für den deutlichen Ausgang der Wahl zugunsten Emmanuel Macrons.

Interview

Frankreich-Kenner Ulrich Wickert: „Macron hat großes Glück gehabt“

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München - Emmanuel Macron hat am Sonntag die Stichwahl um das Amt des französischen Staatspräsidenten klar gegen Marine Le Pen gewonnen. Der Journalist Ulrich Wickert war viele Jahre ARD-Korrespondent in Paris und schrieb mehrere Bücher über Land und Leute. Im Interview analysiert der 74-jährige ehemalige „Tagesthemen“-Moderator das Wahlergebnis.

Nicht nur Frankreich feiert seinen neuen Präsidenten, sondern, wie’s scheint, ganz Europa – nun sagen aber viele Experten, die Franzosen hätten Emmanuel Macron nur gewählt, um Marine Le Pen zu verhindern. Sehen Sie das auch so?

Ulrich Wickert: Ein solches Wahlverhalten ist ja nicht neu. François Hollande ist vor fünf Jahren nicht an die Macht gekommen, weil die Leute sein Programm so gut fanden, sondern weil sie Nicolas Sarkozy nicht mehr haben wollten. Aber Macron hat sowieso großes Glück gehabt, dass er so weit gekommen ist. Das hatte auch damit zu tun, dass die Sozialisten einen absolut unfähigen Kandidaten hatten und die Konservativen einen, der seiner Frau und seinen Kindern Staatsgelder zugeschanzt hat.

Das heißt, der Sieg ist gar nicht sein eigenes Verdienst?

Wickert: Es ist bei zweiten Wahlgängen immer so, dass es eine Art Koalition der Wähler gibt. Da wird dann nach dem Motto entschieden: Welcher von beiden ist der erträglichere Kandidat?

Was muss Macron jetzt tun, um Frankreich zu einen und voranzubringen?

Wickert: Vor allem muss er den Franzosen wieder Vertrauen in die eigene Stärke geben. Er muss dafür sorgen, dass die Konjunktur anspringt, dass Arbeitslosigkeit und Bürokratie abgebaut werden. Dass mehr in Bildung investiert wird.

Nochmal zurück zum Wahlergebnis. Warum wählen so viele Franzosen rechts?

Wickert: Dass es so viele sind, ist weniger ein Sieg für den Front National als für Marine Le Pen. Sie hat es geschafft, die Partei zu entdämonisieren. Dazu gehört, dass sie den weit verbreiteten Antisemitismus zurückgedrängt hat, den es aber zweifellos immer noch gibt. Und sie hat davon profitiert, dass Nicolas Sarkozy die Konservativen in die Nähe des FN gerückt hat, weil er glaubte, so den Rechten Stimmen wegnehmen zu können. Viele Franzosen haben dann lieber gleich das Original gewählt.

Das Fernsehduell zwischen Macron und Le Pen ist ja völlig aus dem Ruder gelaufen...

Wickert: Das war das erste Mal, dass das so eskaliert ist. Ich habe seit 1974 fast alle Duelle gesehen, das lief immer sehr zivilisiert ab. Macron war klug genug, ein Duell mit Le Pen zu akzeptieren, denn dadurch hat er, vielleicht ohne es zu wollen, diese Frau regelrecht vorgeführt. Plötzlich kam ihre alte, hässliche Seite zum Vorschein. Da gab es nur persönliche Angriffe, und immer wenn es um Sachthemen ging, hat sie dummes Zeug geredet. Da sind wohl viele ihrer Sympathisanten noch einmal ins Nachdenken gekommen.

Das Fernsehduell hat die Wahl entschieden?

Wickert: Macron hätte auch so klar gewonnen. Aber sicher hat Le Pens Auftritt dazu beigetragen, dass der Abstand so groß ist.

Im Duell hat Le Pen gespottet, Macron müsse sowieso alles, was er vorhat, von „Madame Merkel“ genehmigen lassen – glauben das die Franzosen?

Wickert: Das ist Wahlpropaganda – übrigens auch von links. Auch Jean-Luc Mélenchon hat stets unterstellt, Deutschland zwinge Europa seinen Sparwillen auf. Diese Art Populismus kommt gut an, weil die Menschen sehen, dass es Deutschland sehr gut geht, dass insbesondere die Arbeitslosigkeit viel niedriger ist als in Frankreich. Und dann ist es nicht weit zur Frage: „Warum geht’s den Deutschen so gut? Weil sie uns aussaugen!“

Sie haben neulich in einer Talkshow gesagt, viele Franzosen bewunderten Angela Merkel. Ist das so?

Wickert: Merkel wurde heftig kritisiert während der Griechenlandkrise, aber über ihre Flüchtlingspolitik hat hat das französische Wochenblatt „Le Point“ getitelt: „Warum ist Merkel keine Französin?“ Stärker kann man die Bewunderung nicht ausdrücken.

Nach der Solidaritätsadresse Merkels an Hollande nach dem Anschlag von Paris haben aber viele Franzosen in den Sozialen Netzwerken geschrieben, Merkel solle schweigen, sie habe die Terroristen doch erst nach Europa geholt.

Wickert: Na gut, das nehme ich nicht so ernst.

Weil es dem entspricht, was man auch bei uns im Netz lesen kann?

Wickert: Ja.

Die Masse der Franzosen ist ihr positiv gesonnen?

Wickert: Ich denke schon.

Wie fremdenfeindlich ist Frankreich?

Wickert: Ein starkes Wort. Sarkozys Vorfahren stammen aus Ungarn, die von Ex-Premier Manuel Valls aus Spanien. Sowohl in der Regierung Sarkozy als auch in der Regierung Hollande waren Minister mit maghrebinischen Wurzeln. Das spricht für die Fähigkeit, Migranten zu integrieren. Auf der anderen Seite ist es schon so, dass französische Väter nicht begeistert sind, wenn ihre Töchter algerischstämmige Männer heiraten. Und das kommt häufiger vor als bei uns, weil es einfach mehr davon gibt.

Wie ist das Verhältnis der Franzosen zu ihren Medien? Gibt es da auch den Begriff „Lügenpresse“?

Wickert: Das hat Le Pen natürlich behauptet und auf Donald Trump verwiesen, der sich ja auch permanent falsch verstanden und falsch beurteilt fühlt. Die französischen Medien sind nicht vergleichbar mit unseren. Es stimmt schon, dass sie zum Teil in der Hand des Kapitals sind. Der Sender TF 1 gehört einem Bauunternehmer, der „Figaro“ dem Rüstungsmagnaten Dassault.

Das klingt sehr nach der Gefahr einseitiger Berichterstattung.

Wickert: Nun ja, da setzt halt ein Eigentümer seine Interessen durch. Beim „Figaro“ ist das besonders lustig. Von dem wurde Sarkozy immer gelobt, bis es seinem Nachfolger gelang, Dassault-Kampfflugzeuge in gleich drei Länder zu verkaufen. Fortan war Hollande sehr beliebt beim „Figaro“.

Viele Beobachter fordern jetzt, dass Deutschland das seine tun müsse, um Macron zu unterstützen. Wie könnte diese Unterstützung aussehen?

Wickert: Auf jeden Fall muss Deutschland Frankreich die Luft zum Atmen lassen, damit sich die französische Wirtschaft erholt.

Das heißt, Merkel muss Wolfgang Schäuble bremsen, der ja als oberster Sparkommissar gilt?

Wickert: Möglicherweise kommt Schäuble ja selbst auf diese Idee.

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