"Für mich war das die letzte Chance"

München - Den spektakulären Ereignissen, die sich im Herbst des Jahres 1989 in der deutschen Botschaft in der Tschechoslowakei abgespielt haben, spürt RTL an diesem Sonntag in dem Fernsehfilm "Prager Botschaft" und der ergänzenden Dokumentation "Gefährliche Flucht in die Freiheit" nach (20.15 Uhr und 22.20 Uhr). Ihre Geschichte erzählt dort auch Claudia Räbiger. Was für Unbeteiligte wie ein Politthriller wirkt, war für sie dramatische Realität.

Wildfremde Menschen fallen einander schluchzend in die Arme. Tausende schreien ihre Freude heraus im Garten der bundesdeutschen Botschaft in Prag. Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat gerade einen Halbsatz gesprochen, der historische Bedeutung erlangen wird: "Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise . . ." Der Rest geht unter im Jubel von 17 000 Ostdeutschen. Für sie bedeuten diese Worte Erlösung von einem wochenlangen Martyrium.

Unter ihnen ist auch Claudia Räbiger, für die dieser 30. September 1989 der wohl wichtigste Tag ihres Lebens ist: "In diesem Moment wusste ich, dass die Flucht aus der DDR geglückt ist." Die Entscheidung ihres Lebens trifft Claudia Räbiger eine Woche zuvor, binnen weniger Stunden. Wie Tausende ausreisewilliger DDR-Bürger vor ihr sucht sie in der Prager Botschaft Hilfe. Fast alles hat sie schon versucht, um mit den beiden Kindern Juliane (5) und Johannes (7) zu ihrem Mann Thomas zu gelangen, der sich bereits ein Jahr zuvor in die Bundesrepublik abgesetzt hatte. Familienzusammenführung beantragt, um Ausreise nach Ungarn gebeten - vergeblich. "Ich durfte die DDR nicht verlassen und nicht mehr arbeiten. Für mich war das die letzte Chance."

Claudia Räbigers Bruder, ein erfahrener Bergsteiger, bietet an, sie und die beiden kleinen Kinder über die grüne Grenze in die Tschechoslowakei zu lotsen. Dort soll der Vater der damals 30-jährigen Sonderpädagogin mit dem Auto warten und sie nach Prag zur Botschaft bringen. Er kann den offiziellen Grenzübertritt riskieren, denn im Gegensatz zu Claudia Räbiger ist er nicht als Ausreisewilliger vermerkt.

Doch der Plan erweist sich als naiv. Aus Angst vor Grenzpatrouillen verzichtet die Familie auf Taschenlampen. Bei strömendem Regen tasten sich die Flüchtlinge Hand in Hand und Schritt für Schritt durch den stockdunklen Wald. Immer wieder müssen sich die vier vor den Scheinwerfern der Grenzer im Gebüsch verstecken. Quälend lange dauert es, bis tschechoslowakischer Boden erreicht ist - drei Stunden für zwei Kilometer Strecke. "Wir hatten eine Stunde eingeplant", erzählt Räbiger. "Als wir aber den Schlagbaum ewig nicht gefunden haben, war für mich klar, dass die Flucht gescheitert ist." Sie sollte sich irren.

Seit vier Jahren wohnt Claudia Räbiger nun im Münchner Stadtteil Großhadern. Von den Ereignissen von vor 18 Jahren erzählt die inzwischen 48-Jährige ganz ruhig. Aufgeregt ist nur Tommy, ihr Hund. Ihn hat sie fast so lange, wie sie im Westen lebt. "Ich wollte immer einen Hund", sagt sie. "Aber in der DDR habe ich mir keinen angeschafft, weil wir ja immer an Flucht dachten."

Ein treuer Hund hätte Claudia Räbiger vielleicht Sicherheit gegeben in dem Augenblick, als der Bruder sie am Übergang verabschiedet hat und der Vater nirgends zu sehen ist. "Ich war sicher, dass wir ihn verpasst haben", erinnert sich Räbiger. Doch der Vater kommt und bringt sie nach Prag. Mit einem Taxi nähert sich die Familie der deutschen Botschaft. Der Wagen hält vor dem Zaun auf der Rückseite des von Polizei umstellten Gebäudes - ein schier unüberwindliches Hindernis für Claudia Räbiger: "Mir kam das Gitter unglaublich hoch vor. Ich dachte, da kommen wir nie drüber."

Doch sie lässt sich nicht mehr aufhalten. Mit Hilfe des Vaters hievt Räbiger erst die Kinder, dann sich selbst über den Zaun. Zeit zum Abschied vom Vater bleibt nicht. Dass es eine Trennung für immer ist, fürchtet sie in diesem Moment nicht. "Erst, als wir sicher im Zug Richtung Westen saßen und dabei noch einmal durch meine Heimatstadt Dresden gefahren sind, wurde mir klar, dass ich meine Eltern vielleicht 30 Jahre lang nicht mehr sehe."

Dank des Mauerfalls dauert die schmerzhafte Trennung nur ein paar Monate. Mehrmals ist Claudia Räbiger inzwischen in die alte Heimat zurückgekehrt - immer nur zu Besuch. "Ich bin in München total glücklich", sagt sie. "Eine dauerhafte Rückkehr in den Osten kam für mich nicht in Frage - nicht nach alledem, was wir durchgemacht hatten."

Die sechs Tage in der Botschaft werden für die Flüchtlinge zur Strapaze. Wer Glück hat, erhält einen Platz in einem der Zelte im Garten. Andere müssen auf Treppen oder Baugerüsten schlafen. "Wer aufs Klo wollte, hat sechs Stunden lang angestanden. Zum Essen gab es eingeschweißtes Brot." Im Gedächtnis geblieben ist der Dresdnerin die unerschütterliche Hilfsbereitschaft und Solidarität unter den Flüchtlingen - einer Notgemeinschaft, die mit den erlösenden Worten Genschers ein glückliches Ende findet. Am 1. Oktober 1989 kommen Claudia Räbiger und ihre Kinder mit dem Zug im oberfränkischen Hof an. Dort wartet der Ehemann auf seine Familie. Claudia Räbiger weiß noch die exakte Uhrzeit des Wiedersehens. Es ist 6.14 Uhr, als sich die Familie in die Arme fällt.

TV-Kritik: Realität wird in den Hintergrund gedrängt

Stefan Herfurth (Christoph Bach) hat die Flucht mit seiner Familie aus der DDR akribisch geplant. Seine Hochzeitsreise nach Prag soll über die bundesdeutsche Botschaft in die Freiheit führen. Während Stefan zunächst zurück bleibt, um den kleinen Sohn nachzuholen, klettert seine Braut Bettina (Anneke Kim Sarnau) über den Zaun der Botschaft. Für sie beginnt ein Martyrium zwischen banger Hoffnung und bitterer Vergangenheitsbewältigung.

Regisseur Lutz Konermann, der in der Prager Botschaft drehen durfte, kann sich bei der Verfilmung seiner fiktiven Geschichte auf starke Darsteller verlassen, allen voran Hauptdarstellerin Anneke Kim Sarnau. In ihrem Gesicht spiegeln sich Wut, Verzweiflung, Angst und (Vor-)Freude stellvertretend für alle Flüchtlinge.

In manchen Momenten wirkt "Prager Botschaft" (RTL) allerdings arg konstruiert. Das ist schade, weil es genügend aufwühlende Einzelschicksale gibt, die dem Film als Vorlage hätten dienen können. So wird die dramatische Realität zugunsten der Filmhandlung in den Hintergrund gedrängt. Der Dauerstress in dem beengten Gebäude, die Folgen des Schlafentzugs und der drohende Ausbruch von Seuchen werden nicht oder nur am Rande dokumentiert. Auch über die fieberhaften Verhandlungen auf politischer Ebene gibt der Fernsehfilm wenig Aufschluss. 

Manuel Eser

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