Spanien droht WM-Aus! Rückt Italien nach?

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Wo man Fußball mit den Ohren sieht

Radio-Reportage: - "Heute im Stadion": Die Bundesligakonferenz im Radio hat auch nach mehr als 40 Jahren nichts von ihrem Reiz verloren. Höchste Zeit also für einen Studiobesuch. Ein Mann sitzt in einem schalldichten Glaskasten und wartet. Der vielleicht 20 Quadratmeter große Raum ist voller Medientechnik.

Um ihn herum flimmern kleine bunte Lämpchen. Im Blickfeld sind sieben Flachbildschirme für jede Menge abrufbare Informationen. Und davor laufen stumm die Bilder des unlängst gestarteten Pay-TV-Senders Arena.

"Noch eine Minute", dröhnt es aus dem Lautsprecher. Jetzt stülpt sich der Mann im Glaskasten den Kopfhörer auf, er schaut gespannt und konzentriert zu einer Wanduhr, auf der der Sekundenzeiger der Zwölf entgegen eilt. In diesem Augenblick ertönt vom Band eine Trillerpfeife wie beim Anpfiff eines Schiedsrichters, Jubel aus einem Stadion und zu Fanfarenklängen ruft eine Stimme: "Heute im Stadion, Liga live auf Bayern 1".

 Es ist exakt 15.04 Uhr an diesem Samstag in München, und wir sehen Christoph Deumling bei der Arbeit, den Moderator im Studio beim Bayerischen Rundfunk (BR). Der Sender gehört zum Verbund von neun ARD-Anstalten, die mit "Heute im Stadion" eine der wahrscheinlich populärsten Radiosendungen in Deutschland produzieren. Kein Krimi kann spannender sein als diese Präsentation von knapp drei Stunden Fußball, wie sie sich vor bereits über 40 Jahren beim Bundesligastart 1963 die legendären Sportchefs Fritz Hausmann vom Bayerischen Rundfunk und Kurt Brumme vom Westdeutscher Rundfunk ausgedacht haben.

 "Die 20 Minuten unserer Schlusskonferenz hören im Schnitt 8,6 Millionen Menschen", sagt Christoph Deumling, "darunter 50 Prozent Frauen." Ungefähr drei Millionen schauen zeitgleich am Fernseher im Pay-TV zu. Nirgends kommt der Fußball so fesselnd daher wie aus der Tiefe des guten, alten Radios. Wenn fünf oder sechs Reporter mit rhetorischen Doppelpässen von Rügen bis Reichenhall ein unsichtbares Netz über Deutschland spannen. Wenn plötzlich aus dem Hintergrund ein "Tor auf Schalke, Tor auf Schalke!" schallt, und der Moderator mit einem "Tor auf Schalke? Rasch nach Gelsenkirchen, was ist passiert?" weitergibt - dann ist das pure Dramatik!

 Im Tohuwabohu aus Toren, Titeln und Temperamenten sorgt einer wie Christoph Deumling für Klarheit, seit zehn Jahren und in nunmehr 350 Sendungen. Eine Rolle, die der Münchner mit bayerischer Bierruhe ausfüllt. Als Spielführer im Studio steht er für Fakten und solide Informationen.

 So eine Konferenzschaltung aus dem Improvisationstheater Fußball kann Komödie sein oder auch Drama des Sports. Und ganz besonders mitreißend sind immer die letzten Minuten. Wenn der Mensch am Mikrofon buchstäblich zum rasenden Reporter wird, und so schnell redet wie der Profi rennt. Wo dann alle noch einmal alles geben. Wie nun auch an diesem Spieltag bei der Schaltung zu Bayern 1, als nach dem Schlusspfiff um 17.15 Uhr ab Platz acht der Tabelle plötzlich zehn Mannschaften im Abstiegsstrudel stecken.

 Kein Wunder, dass deshalb dem Moderator Deumling die Emotionen buchstäblich um die Ohren fliegen: durch Rolf Rainer Gecks, der zum Spiel des Hamburger SV gegen den VfB Stuttgart rattert wie eine Nähmaschine; durch Armin Lehmann, der sich kaum einkriegen kann aufgrund des Auftritts einer erstaunlich erholten Dortmunder Borussia in Aachen. Oder durch Martina Knief, die in bewegten Worten aus Frankfurt das Schicksal von Christoph Preuß schildert, dem Spieler der Eintracht, der sich im Abstiegsduell mit Energie Cottbus im Kampf um den Ball schwer verletzt hat. Allein es schmerzt, wie Knief die Szene schildert. Wir hören, was wir später in der ARD-"Sportschau" sehen werden. Das Fernsehen am Abend aber ist nur laue Konserve gegen Liga live vom Nachmittag.

 Es gibt legendäre Sendungen, in denen Worte plötzlich Flügel wachsen. Wenn das dritte Wort eines Satzes über das zweite purzelt, bevor überhaupt das erste gesprochen ist. Es jagen sich Sprachfetzen, die wie Haken sind, an die gehängt wird, was gerade blitzschnell und flüchtig gesehen und darüber als Bild nach draußen transportiert wird. In denen der Reporter nur Pause macht, um Luft zu holen, weil er ahnt, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleibt - Augenblicke, in denen das Radio wieder unter Dampf steht!

 Millionen gehen dabei durch Himmel und Hölle. Wie in der Schlussschaltung beim Bundesligafinale 1998/99. "Tor in Rostock, Tor in Nürnberg, ich fass‘ es nicht, ich halt das nicht mehr aus, und er müsste schießen - Tooooooor, Tooooooor! Hallo, hier ist Nürnberg! Wir melden uns vom Abgrund, denn das Spiel hier ist aus!"

Das waren die letzten Worte von Günther Koch, damals als bekennender "Clubberer" leidgeprüft ("Toooor beim Köpke!"). Koch hatte an diesem Tag das Mikrofon mitten hineingehalten in sein offenes Herz, sich vor seinen Hörern mit Worten die Kugel gegeben. Und auf mindestens vier weiteren Plätzen sind Kochs Kollegen damals buchstäblich ausgeflippt.

 Günther Koch als wehmütig knarzender Reporter ist jetzt leider nur noch gegen Sonderhonorar und im Fernsehen zu hören, beim Bezahl-Sender Arena. Manche unterstellen ihm, zu seinem schöpferischen Talent sei das schröpferische Talent gekommen. "Ja mei", seufzt nun auch der Moderator Deumling, "das Geld." Nicht zuletzt deshalb sind in den vergangenen Jahren viele diesen Weg gegangen - nach dem Motto "Guck‘ mal, wer da spricht" aus der anonymen Kulisse des Radios hinein ins Scheinwerferlicht des Fernsehens. Als einer der ersten: Werner Hansch, es folgten Marken wie Hansi Küpper oder Tom Bayer. Und eben zuletzt Günther Koch - der es besonders meisterhaft verstanden hat, Bilder in Worte zu fassen.

 Der Verlust von Koch ist keine leichte Hypothek für dessen früheren Heimatsender BR. Dort versuchen Nachrücker gern, ihn zu kopieren. Das fällt auf bei Wolfgang Reichmann aus Nürnberg, wenn dieser "Achtung!" schreit, ein aufschreckendes Signal seines fränkischen Ziehvaters Koch, das dieser immer dann setzte, wenn es brenzlig wurde auf dem Platz. Am nächsten kommt Koch wohl Karlheinz Kas. Was dem einen sein 1. FC Nürnberg ("Allmächt!") ist dem anderen sein FC Bayern ("Herrschaftszeiten!"). Echauffiert sich "der Kasi" über seine Münchner, dann schlägt durchs Radio sein weiß-blaues Herz.

 Auf Ballhöhe sind auch Hochgeschwindigkeitsredner wie der routinierte Hamburger Sven-Alexander Bleick oder Edgar Endres. Wenn das Münchner Funkhaus an ihn abgibt, hören wir den Bericht eines präzisen Beobachters, der mit seiner Kritik hart am Mann sein kann. Als bei Bayer Leverkusen die Chemie nicht stimmte, packte er sich den Spieler Sergej Barbarez mit folgender Boshaftigkeit: "Er ist für mich ein Stehgeiger".

 So ein Satz auf Sendung könnte allerdings auch von dem lässig wirkenden und von der Hektik des Tages meist völlig unbeeindruckten Manni Breuckmann stammen, der "Stimme des Westens". Sie hat das unwiderstehliche, gepflegte Timbre eines Herrenausstatters. Breuckmann ist beim WDR - und dort nach Jahrzehnten seiner Tätigkeit längst Kult. Er kann "ein Spiel lesen". So nennen das die Experten, wenn jemand im Voraus sieht, wo es wie auf dem Platz lang geht. Breuckmann besitzt außerdem die seltene Kunst, Respektlosigkeit und unerschütterliche Menschenliebe zu beißendem Humor zu verbinden, ohne dabei zu verletzen. Ein Mann also, der immer gut ist für den tödlichen Kalauer.

 Den darf man von WDR-Hörfunkchefin Sabine Töpperwien nicht erwarten. Wer ihr zuhört, muss glauben, sie habe wohl alle Daten und Zahlen aus dem Fachblatt "Kicker" gleich einem Katechismus verinnerlicht. Fachlich und sachlich begleitet "Frau Töppi", die ARD-Frontfrau in der Männerdomäne, mit präzisen Worten den Ball.

Die bunte Mischung aus Sprache und Temperament ist es, mit der Koryphäen für das Kicken ein Kaleidoskop bilden. Jeden Samstag ab halb vier. Hier bannt eine Macht der Gefühle, die das Radio erzeugt, Sender und Empfänger. Fernsehen kann Fantasie ersticken, das Radio weckt sie - es ist wie Kino im Kopf. Mit dem Moderator als Regisseur eines Films, von dem keiner weiß, wie er ausgeht.

Wie auch heute auf Bayern 1. Viertel nach fünf: Abpfiff in den Stadien und ein wenig später im Studio. "Tolle Spiele", zieht Christoph Deumling Bilanz, "wir haben 28 Tore gesehen." Mit den Ohren.

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