Gehör gefunden nach sechzig Jahren

- "Diejenigen, die unser Schicksal im Fernsehen verfolgen, haben die Chance, den Apparat auszuschalten -­ wir hatten diese Gelegenheit nicht." Das sagt Heinrich Krenzler, der als kleiner Bub nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wie viele tausend aus Ostpreußen vertriebene, von ihren Eltern getrennte Kinder im benachbarten Litauen ziellos umherstreifte und um Lebensmittel bettelte.

"Wolfskinder" wurden sie genannt, und so heißt auch einer von drei Teilen der ZDF-Reihe "Die Kinder der Flucht". Sie startet heute mit "Eine Liebe an der Oder" und erzählt das Schicksal junger Menschen in der Nachkriegszeit.

Verantwortlich für das Programm ist der ZDF-Haushistoriker Guido Knopp, die Bücher schrieb Hans-Christoph Blumenberg, der auch Regie führte. Als Erzählform wählte Knopp das sogenannte Dokudrama und die "szenische Inszenierung". Zeitzeugen berichten, wenn irgend möglich werden Originalbilder eingespielt. In vielen Fällen, wie zum Beispiel bei den "Wolfskindern", fehlen naturgemäß Dokumentaraufnahmen. So mussten Kinder in die Rolle der entwurzelten Jugendlichen schlüpfen, allerdings wirken sie in den Szenen, als hätten sie bloß eine Stunde im Dreck gespielt.

Dennoch gehört der szenischen Inszenierung laut Knopp die Zukunft. "Wenn kein Originalmaterial zur Verfügung steht, stützen wir uns auf die Aussagen der Zeitzeugen, um ein Höchstmaß an Authentizität herzustellen, sagt der 58-Jährige. "Die Erlebnisse der Menschen sind die beste Basis." Damit antwortet er auch Kritikern, die die Aussagekraft solcher Produktionen in Frage stellen. Anders könne man solche Ausschnitte der Geschichte nicht mehr in den audiovisuellen Medien vermitteln, betont Knopp. Die Alternative wäre, diese Filme nicht mehr herzustellen.

Das ZDF schließt mit dem Dreiteiler an die Reihe "Die große Flucht" aus dem Jahr 2001 an. "Nach dem Krieg haben sich nicht wenige geschämt, darüber zu sprechen", weiß Knopp. Fast sechzig Jahre seien vergangen, bis die deutschen Opfer von damals wirklich Gehör gefunden hätten. "Die große Flucht" habe ihrer Geschichte erstmals ein breites Forum gegeben: "In Tausenden von Briefen haben wir erfahren, dass ihre Botschaft wohl verstanden worden ist : Versöhnung braucht Erinnerung."

Nicht alle Erinnerungen, so hat das ZDF herausgefunden, sind geprägt von Trauer. Immer wieder gab es in den Wirren des Krieges auch menschliche Begegnungen zwischen Deutschen, Polen und Russen. Wie etwa die Liebe zwischen der Deutschen Elvira und dem Polen Fortek. Nach ihrer gewaltsamen Trennung sollte es sechs Jahrzehnte dauern, bis die beiden sich wiederfanden und am Ende heirateten. Ihre außergewöhnliche Geschichte, gespielt von deutschen und polnischen Schauspielern, bildet den Auftakt der Trilogie. Die "Wolfskinder" folgen am 5. Dezember, den Abschluss bildet der Film "Breslau brennt!" am 12. Dezember.

ZDF, heute, um 20.15 Uhr.

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