Interview

„Es geht hier nicht um reale Ereignisse“

Désirée Nosbusch über den Film „Die Jahrhundertlawine“, Mensch und Natur sowie Serienrollen im Fernsehen

Zerstörte Häuser, viele Tote und Verschüttete – und viele Stunden lang keine ärztliche Hilfe für die Überlebenden, weil der Ort von der Außenwelt abgeschnitten ist. Am Sonntag zeigt RTL um 20.15 Uhr den Film „Die Jahrhundertlawine“ mit Désirée Nosbusch über eine verheerende Naturkatastrophe in den Alpen. Die Story ist nicht erfunden, der Zeitpunkt der Ausstrahlung nicht zufällig gewählt. Am 23. Februar jährt sich das Unglück von Galtür in Tirol, bei dem 38 Menschen starben, zum zehnten Mal.

-Frau Nosbusch, haben Sie selbst schon einmal einen Lawinenabgang erlebt?
Es gab tatsächlich einen während der Dreharbeiten in Tirol, der die einzige Zufahrtsstraße zum Drehort blockiert hat. Da waren wir für ein paar Stunden von der Außenwelt abgeschnitten. Das war aber überhaupt nicht damatisch.

-Dramatischer war wohl das Erdbeben, das Sie 1994 in Los Angeles miterlebt haben. Hilft eine solche Erfahrung, um einen Menschen, der durch eine Naturkatastrophe bedroht ist, glaubhaft spielen zu können?
Ein Moment der Todesangst hilft einem schon dabei, aber den kann man auch in anderen Situationen erleben. Das muss kein Erdbeben sein oder eine Lawine, es kann auch der Schock sein, den man erleidet, wenn man mit ansehen muss, wie das eigene Kind plötzlich auf die Straße läuft. Aber man muss nicht alles schon einmal erlebt haben, um es spielen zu können. Schauspieler müssen ja auch Mörder geben, ohne schon einmal in der Realität jemand erschossen zu haben.

-In dem Film klingt an mehreren Stellen an, dass der Mensch die Natur nicht respektiert, so in der Figur des Bürgermeisters, der eine Evakuierung des von Lawinen bedrohten Ortes ablehnt...
„Die Jahrhundertlawine“ ist ein Actionfilm – auch das hat mich übrigens gereizt, mitzuspielen. Es geht hier nicht um Politik oder um reale Ereignisse. Es war immer das Bestreben der Produzenten, eine fiktive Geschichte zu erzählen, mit fiktiven Charakteren. Und dass Naturkatastrophen ein idealer Rahmen für Filme sind, ist ja nicht erst seit gestern so.

-Die Parallele zu Galtür drängt sich auf...
Die drängt sich natürlich auf, aber es ist nicht so, dass wir das ständig im Hinterkopf hatten. Ich hätte gar nicht eine reale Person spielen wollen, die damals ein solches Schicksal erlitten hat. Aber – um auf ihre Frage zurückzukommen – natürlich passieren solche Dinge auch, weil die Menschen nicht mehr im Einklang mit der Natur leben. Das gilt auch für den Tourismus in den Alpen.

-Es gibt da einen Dialog zwischen dem Chef der örtlichen Bergwacht, der zur Evakuierung rät, und dem Bürgermeister...
...der das ablehnt, weil er sagt: „Jetzt ist unsere Saison, davon leben wir.“ Aber ich möchte nicht wissen, wo und wie oft auf der Welt solche Diskussionen geführt werden, ob es da um drohende Naturkatastrophen geht, um Flugzeuge, die man seltener wartet, um Geld zu sparen, oder um Banken, die riskant wirtschaften. Es geht immer um die Frage, was man den Menschen gegenüber verantworten kann. Nicht alle kommen da zu den gleichen Antworten.

-Es kommen auch andere auf die Idee, Vergleiche zu ziehen zwischen diesem Film und der Realität. In der Gemeinde Vent in Tirol, wo Sie gedreht haben, ist man sauer, dass der Ort mit einer solchen Katastrophe in Zusammenhang gebracht wird, weil das dem Tourismus schade.
Ich habe das auch nur den Medien entnommen. Da hat es aber doch sicher Verträge gegeben, die das regeln. Ein Filmteam kann nirgendwo ohne Erlaubnis und ohne klare Absprachen drehen. Insofern kann ich die Diskussion jetzt nicht verstehen, zumal wir in Vent sehr herzlich aufgenommen wurden. Ich hatte nicht eine Sekunde lang das Gefühl, da nicht willkommen zu sein.

-Sie sind mit Mehmet Kurtulus liiert, der sich als neuer Hamburger „Tatort“-Kommissar Cenk Batu möglicherweise auf Dauer etablieren könnte. Beneiden Sie ihn darum?
Ich beneide ihn um diese schöne Rolle und um die Möglichkeit, die Figur des Cenk Batu von Film zu Film weiterentwickeln zu können. Ich beneide ihn nicht um die Tatsache, dass er sich um seinen Job erstmal keine Sorgen machen muss. Ich bin seit 30 Jahren im Geschäft und war nie durch eine Serienrolle abgesichert. Aber ich lebe sehr gut damit. Und es kann ja auch immer noch der Anruf kommen, der alles verändert.

-Und wenn man Sie fragen würde, ob Sie an der Seite Ihres Lebensgefährten eine durchgehende Rolle im Hamburger „Tatort“ spielen wollen?
Dann würde ich das nicht so gut finden. Uns da als Pärchen zu installieren – das möchte ich nicht. Es ist gut, dass beruflich jeder seine eigene Baustelle hat. Das schließt aber eine Episodenhauptrolle nicht aus. Es ist ja nicht so, dass wir nicht gerne zusammenarbeiten.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

Im Anschluss an den Film

zeigt RTL um 21.55 Uhr die Dokumentation „Die Lawine – Wir haben überlebt“.

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