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Götz George wird 75 – und spielt in einem Film seinen Vater, den großen Schauspieler Heinrich George.

Zum 75. Geburtstag auf Arte und in der ARD

Rolle seines Lebens: Götz George spielt seinen Vater

Götz George wird 75 – und spielt in einem Film seinen Vater, den großen Schauspieler Heinrich George (am Montag auf Arte, am Mittwoch in der ARD). Darin verneigt sich der Sohn vor dem Senior – aber nicht vor den Opfern des NS-Regimes, dem sein Vater diente.

„Sie können mir alles nehmen, was ich habe; aber wenn sie mir verbieten zu spielen, dann sterbe ich.“ Gänzlich unpathetisch, unaufgeregt sagt Götz George diesen Satz im Film – so, als würde es tief aus dem Unterbewusstsein heraus aus ihm sprechen. Dies ist ein Moment absoluter, erschütternder Identität des Schauspielersohnes Götz mit seinem Schauspielervater Heinrich George, mit jener Bühnen- und Kinolegende der 20er- bis 40er-Jahre also, die er in dem Doku-Drama „George“ selbst verkörpert.

Der Vater, Heinrich George (1893 bis 1946), spielte immer um sein Leben. Ein Spieler aus Leidenschaft war er seit jeher – ob zur Zeit der Weimarer Republik als Sympathisant der Kommunisten oder ab 1933 sehr bald im Dienste der Nationalsozialisten. Am Ende seines Lebens aber, 1945/46 in den sowjetischen Speziallagern, ging es wirklich ums blanke Überleben. Existenzieller dürfte sein Spiel nie gewesen sein als in Berlin-Hohenschönhausen, als Gefangener des russischen Geheimdienstes NKWD, wo er Goethes Faust inszenierte und spielte. Oder im Konzentrationslager Sachsenhausen unweit Berlins, das nach den Nazis die Russen als Gefangenenlager weiter betrieben.

Im KZ führte Heinrich George Szenen aus Puschkins „Postmeister“ auf, und zwar auf Russisch, das er eigens dafür lernte; denn nur unter dieser Bedingung gestattete die sowjetische Administration dieses Spiel, das sie als Unterhaltungsangebot für ihre Offiziere nutzte.

Die körperliche Kraft des großen Menschendarstellers war geschwunden, 80 Pfund hatte der einst schwergewichtige Sohn des Stettiner Marineoffiziers August Schulz in den Monaten der Haft verloren. Doch seine schöpferische Vitalität, die Suche nach Vollendung seines Menschseins im Spielen und somit die Lust auf Leben waren ungebrochen.

Aber Sachsenhausen war nicht fürs Leben geschaffen – nicht von den Nazis, die dort seit 1936 mehrere zehntausend Häftlinge ermordeten, darunter 18 000 sowjetische Kriegsgefangene; und nicht von den Russen, die hier etwa 60 000 Deutsche inhaftiert hatten, niedere NS-Chargen, Mitläufer, andere politisch Missliebige, willkürlich verhaftete, von Nachbarn oder Kollegen denunzierte Bürger. 12 000 Menschen starben in Sachsenhausen nach 1945 an Unterernährung und daraus resultierenden Krankheiten. Einer von ihnen war Heinrich George.

Gustaf Gründgens, Heinz Hilpert, Wilhelm Furtwängler, Veit Harlan und so viele andere, die als Protagonisten ihre Kunst in den Dienst des NS-Staates gestellt hatten, konnten nach 1945 ihre Theater-, Dirigenten- und Filmaktivitäten fast unterbrechungslos im Nachkriegsdeutschland fortsetzen. Warum nur musste Heinrich Georges Leben nach 15 Monaten qualvoller Haft tödlich enden? War er als Galionsfigur von Goebbels’ Kulturpolitik und seit 1938 als Intendant des Berliner Schillertheaters mehr Faschist als seine Kollegen Gründgens am Preußischen Staatstheater und Hilpert am Deutschen Theater? Hat er weniger Juden und Kommunisten vor der Verhaftung bewahrt als Gründgens oder Furtwängler, der Leiter der Berliner Philharmoniker? Wohl kaum.

Lag es an Georges ungeheurer Popularität und Volkstümlichkeit, seinem fast schon als außerirdisch geltenden Schauspielertum, die ihn zur Beute jeglicher Machthaber und so vieler beruflicher Neider werden ließen? In den Augen seiner Söhne Jan (geboren 1931) und Götz (geboren 1938) waren es Denunzianten, die das Idol ans Messer lieferten und dafür sorgten, dass der Name ihres Vaters bis heute in erster Linie mit Propaganda- und Durchhaltefilmen wie „Hitlerjunge Quex“, „Jud Süß“ und „Kolberg“ verbunden ist.

Götz George hätte sich kaum ein schöneres Geschenk zum 75. Geburtstag am Dienstag machen können. Mit dem Film „George“ in der Regie von Joachim A. Lang (am 22. Juli 20.15 Uhr auf arte und am 24. Juli 21.45 Uhr im Ersten) setzt er seinem Vater, an den er sich vor allem aus Erzählungen seiner Mutter, der Schauspielerin Berta Drews (1901 bis 1987), erinnern kann, ein sehr persönliches Denkmal. Indem er dem Leben und Sterben seines Vaters nachspürt, nie politisch, sondern immer nur aus der liebenden und verehrenden Haltung des Sohnes gegenüber dem unerreicht bleibenden schauspielerischen Vorbild, rückt er sich mit einer sympathischen Geste der Demut künstlerisch ins Hintertreffen – und damit doch zugleich selbst ins rechte Licht.

Der Film hat keine durchgehende Spielhandlung. Regisseur Lang mischt hier raffiniert und virtuos dokumentarisches Material wie Ausschnitte aus alten Wochenschauen und Spielfilmen mit nachempfundenen Spielszenen, in denen Sohn Götz als geselliger Gastgeber oder bußbewusst im Verhör durch den russischen Oberleutnant Bibler in die Rolle seines Vaters schlüpft; das Ganze versetzt mit Statements und Erinnerungen früherer Kollegen Heinrich Georges.

Hinzu kommen Situationen am Drehort, sozusagen das Making-of, wenn beispielsweise Götz George sich schminken lässt für jene Szene, in der er gleich als Heinrich George dessen Leib- und Magen-Part, den Götz von Berlichingen, geben wird. (Der Vater übrigens ließ sich nicht ungern auf der Straße die volkstümliche Anerkennung „Götz, leck’ mich am Arsch“ zurufen.) Und es fehlen auch nicht die authentischen Aufnahmen, in denen die Brüder Jan und Götz die ehemalige Villa der Eltern am Kleinen Wannsee in Berlin besuchen oder die heutige KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, wo vor 67 Jahren der Vater gestorben ist. „Götz“ soll sein letztes Wort gewesen sein. Da rührt es schon, wenn das der nun 75-jährige Sohn Götz George in aller Bescheidenheit als seine Lebensaufgabe interpretiert: Vielleicht habe der Vater ihm damit den Atem gegeben weiterzumachen, ihm keine Schande zu bringen. Sein Fazit: „Hilft nichts. Du warst halt immer besser. Besessener.“

„George“, der Film, wirft Fragen auf. Antworten gibt er nicht. Er stellt Fakten, tatsächliche und fiktive, nebeneinander, der Zuschauer kann seine Schlüsse daraus ziehen. So ist Heinrich George zuzustimmen, wenn er etwa sagt: „Was das Theater braucht, ist die Persönlichkeit. Sie trägt die Verantwortung, sie allein ist schöpferisch.“ Oder er bekennt: „König Lear – das ist nun wirklich die Vollendung für einen Schauspieler.“ Eine Rolle übrigens, die Heinrich George nie gespielt hat, die er aber auch nicht dem großen Paul Wegener zugestehen wollte. Der verließ daraufhin das Schillertheater, wechselte zu Gründgens und hat George, dem früheren Freund, diese Rollen-Verweigerung nie verziehen. Auch nicht, als er der von den Russen eingesetzte Präsident der „Kammer der Kulturschaffenden“ war, eine Funktion, in der Wegener vermutlich für Heinrich George hätte positiv wirken können.

Fassungslos aber wird der Zuschauer die Ergebenheitsadressen zur Kenntnis nehmen, die Heinrich George an Goebbels und Hitler selbst noch in den letzten Kriegstagen abgab. Doch wer von uns Heutigen, die ein solches politisches System nie durchlebt haben, wollte da den ersten Stein werfen? Ein Blick auf die verbrecherische DDR-Diktatur genügt. Da war auch für uns zu erfahren, wie Schauspieler, Sänger, Regisseure, Dirigenten politisch instrumentalisiert wurden, wie selbst die Besten unter ihnen sich vor den Propaganda-Karren spannen ließen. Und dennoch haben wir sie in ihrer Kunst bewundert, tun es ja zum Teil immer noch.

Darüber etwas zu erfahren, über den Dualismus des großen Schauspielers und seine gesellschaftliche Ambivalenz, macht den Wert des Films von Joachim A. Lang aus. Von den Brüdern Jan und Götz George allerdings hätte man sich in dieser sehenswerten Hommage an den Vater aber doch auch eine kleine filmische Verneigung vor den Millionen von Opfern der nationalsozialistischen Ideologie erwartet.

Wir wissen heute nicht, wie gut Heinrich George wirklich war. Wir haben ihn als Peer Gynt oder als Götz von Berlichingen, als Falstaff, Othello oder Geßler auf der Bühne nicht erlebt. Und die Filme – „Metropolis“, „Berlin Alexanderplatz“ oder „Der Postmeister“ – muten inzwischen vielleicht ein wenig altmodisch an. Wir kennen nur die Rezeption seiner Menschenkunst. Ob nun die mündlichen wie schriftlichen Bekenntnisse Heinrich Georges zu seinen Arbeitgebern, den Nazis, aus Überzeugung, aus Taktik oder aus Hilflosigkeit erfolgten, eines dürfte gewiss sein: Seine Kunst der Menschengestaltung blieb davon unberührt; sie war offenbar so phänomenal – manche mögen es göttlich nennen –, dass sie ihn im Moment des Spielens verwandelte und als Schauspieler frei machte für die Figuren Shakespeares, Goethes oder Schillers – fern jeglicher Ideologie.

Sabine Dultz

Lesetipps

Joachim A. Lang: „Heinrich George – Eine Spurensuche“; das Buch zum Film, darin Gespräche mit Götz und Jan George sowie Zeitzeugen; viele Bilder, umfangreicher Anhang. Henschel Verlag, 223 Seiten, 24,95 Euro.

Berta Drews: „Mein Mann Heinrich George“; Neuauflage der 1986 erschienenen Lebenserinnerungen, erweitert um ein Vorwort von Götz George und ein Nachwort von Jan George und den Briefwechsel zwischen Berta Drews und Heinrich George während seiner Haft, dazu 49 Abbildungen, Dokumente und ein Register; Verlag Langen Müller, 286 Seiten, 19,99 Euro.

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