Viele Menschen haben den Eindruck, als wird unsere Gesellschaft immer gewalttätiger. Entspricht diese These der Wahrheit?
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Viele Menschen haben den Eindruck, als wird unsere Gesellschaft immer gewalttätiger. Entspricht diese These der Wahrheit?

Multimediale Dauerbeschallung

Wird unsere Gesellschaft immer gewalttätiger? Ein Experte antwortet

  • Astrid Kistner
    VonAstrid Kistner
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Die aktuelle Nachrichtenlage vermittelt den Eindruck, als stehe es um den Weltfrieden nicht gut. Doch wie sieht die Wahrheit aus? Wir haben uns mit Wissenschafts-Journalist Harald Lesch unterhalten.

München - U-Bahn-Schlägerei mit tödlichem Ausgang, Massenvergewaltigung in Freiburg, Übergriffe auf Rettungskräfte – wer sich einen Überblick über die tägliche Nachrichtenlage verschafft, bekommt es mit der Angst zu tun. Unsere Gesellschaft, so scheint es, wird immer gewalttätiger. Aber stimmt das wirklich? Und wenn ja, wohnt in jedem Menschen ein Monster – oder schlummert in uns nur ein harmloses Biest?

Wissenschaftsjournalist Harald Lesch hat sich auf die Spuren von Gewalt und ihren Wurzeln gemacht. In der ZDF-Sendung Leschs Kosmos beleuchtet er kritisch die Frage, ob früher wirklich alles besser war. „Ein trügerisches Gefühl, das sich wissenschaftlich überhaupt nicht belegen lässt“, sagt der 58-jährige Wahlmünchner im Gespräch mit uns. „Allerdings vermitteln uns Fernsehen, Internet und Politik oft den Eindruck, dass unser Land im Chaos versinkt. In Krimis, Talk­runden und ­Medien sind Mord und Totschlag beliebte Themen.“  

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Wissenschafts-Journalist Leschs Kosmos genießt unter seinen Fans Kultstatus.

In der Antike hatte Gewalt durchaus noch Unterhaltungswert

Rund 30 Prozent der Deutschen, das ergab eine Umfrage, fürchten, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. „Zu Unrecht: Die Statistik belegt, dass die Gewalt in unserer Gesellschaft rückläufig ist“, so Lesch.

In der Antike hatte Gewalt durchaus noch Unterhaltungswert. Zur Belustigung des Volkes kämpften Gladiatoren in großen Arenen um ihr Leben. Im Mittelalter wurden die Menschen auf dem Marktplatz gefoltert oder zur Strafe an den Pranger gestellt. ­„Allerspätestens mit Ende der Französischen­ ­Revolution aber war ­Gewalt ein Thema, das man in der Öffentlichkeit nicht mehr sehen wollte“, erklärt Lesch.

Heute leben wir friedlicher denn je. Noch nie gab es so wenige Kriege und Morde und so wenig Kriminalität. Und dennoch entsteht der Eindruck, dass es in unserer Gesellschaft immer brutaler zugeht. Wie kommt es, dass persönliches Empfinden und Realität so weit auseinander klaffen? „Ein Faktor ist sicherlich die Masse an Informationen, mit der wir tagtäglich konfrontiert werden“, sagt Harald Lesch. „Mord, aber auch Sexualverbrechen tauchen in der Medienberichterstattung um ein vielfaches häufiger auf als im Polizei­bericht.“

Die Dauerberieselung durchs Internet, aber auch die Fernsehunterhaltung in Krimis sorge dafür, dass in unseren Köpfen ein diffuses Bild entstehe. Eines, das Harald Lesch geraderücken will. Seit zehn Jahren erklärt er komplizierte Sachverhalte klar und anschaulich. Und auch zum Jubiläum – Harald Lesch sendet seit zehn Jahren – liefert er Antworten auf die Frage, wie brutal der Mensch wirklich ist. Die nächste Sendung wird am Dienstag (20. November) um 23 Uhr ausgestrahlt.

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Astrid Kistner

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