Das Gesicht der deutschen Mitte

München - Ulrich Tukur - keiner scheint prädestinierter zu sein für die Rolle eines Bieermanns, der zum Mörder wird. In Walter Harrichs und Danuta Harrich-Zandbergs Film "Der Mann, dem die Frauen vertrauten" (ARD, heute, 21.45 Uhr) spielt der Schauspieler den Malermeister Horst David, der Wohnungen renovierte - und manchmal nach getaner Arbeit seine Kundinnen umbrachte.

Hätte die deutsche Mitte ein Gesicht, im Fernsehen sähe es aus wie Ulrich Tukur. Um seine schmalen Lippen wächst der Wohlstandsspeck, die Haut darüber glänzt fahl, über hellen Augen frisst sich der blonde Haaransatz stetig nach oben. Halsaufwärts betrachtet, ist Tukurs Erscheinung wenig schillernd, doch eben damit legt der Schauspieler die Tristesse bürgerlicher Fassaden offen wie kein Zweiter.

Wer also könnte den netten Serienkiller von nebenan besser verkörpern als er? Zum Beispiel den Mörder Horst David, "Der Mann, dem die Frauen vertrauten", wie die ARD ein dokudramatisches Porträt dieses Mannes nennt. Tukur verleiht dem Familienvater, der nach getaner Malerarbeit erst seine Kundinnen tötet und dann seine Briefmarken sortiert, eine Glaubwürdigkeit, die schmerzt.

Es ist Tukurs Paraderolle. Auf der Bühne seit jeher entfesselt, hat er das Abgründige hinter dem Normalen im Film zur Vollendung gebracht. "Böse Charaktere sind natürlich die interessanteren", sagt Tukur und spielt sie entsprechend oft - so wie 1995 in Matti Geschonnecks "Der Mörder und sein Kind" oder acht Jahre später im "Tatort" mit dem bezeichnenden Titel "Das Böse". Ob als Stasi-Leutnant oder als SS-Scherge - stets balanciert er gekonnt zwischen fiesem Sein und biederem Schein. "Aber spielen Sie mal einen Liebhaber - uaaahhh, interessiert doch keinen!"

Ob seine Optik diese "Dualität des Bösen" unterstützt? Tukur lächelt und schweigt. Mag er vom Typ her schlicht wirken, ästhetisch geht er dagegen an. Vor drei Jahren etwa zupfte er sich im Interview großspurig am Bärtchen und rückte die Melone schief. Es war zwar nur das Kostüm eines eleganten Ganoven der Zwanzigerjahre, die er damals allabendlich spielte. Doch ein wenig "Lord von Barmbek" steckt auch in Tukur.

Stilistisch verharrt er in der Weimarer Republik. Ist er also ein Nostalgiker? "Das hört sich so rückwärtsgewandt an", wehrt er ab. Seine Sehnsucht sei die nach einem "Feiern des Lebens kurz vorm Untergang - Expressionismus, Drogen, Frauen schneiden sich die Haare ab, Männer werden zu Frauen." Tukur spricht wie im Rausch: "Was für eine Wirrnis, was für ein Wahnsinn." Weil danach alles furchtbar wurde und in den Fünfzigern dann furchtbar spießig, konserviert er jene goldene Ära in seinem Geschmack.

Und so tritt er auch beim Gespräch zum sehr gegenwärtigen Drama über einen Serienkiller aus Bayern auf, als hätte er sich in der Epoche geirrt - mit Hut auf dem Kopf und Ringelshirt unterm Anzug. Tukur liebt Salongehabe, deshalb interpretiert er mit seiner Kapelle - den "Rhythmus Boys" - die Schlager der Zwanziger, Dreißiger, ohne sie zu modernisieren. Deshalb heißen seine Töchter aus erster Ehe Lili und Marlene, deshalb lebt er mit seiner zweiten Frau im Ort antiquierter Reiseträume schlechthin - in Venedig. Eine Stadt, so schwärmt er, "die das Privileg hat, sich nicht verändern zu müssen".

Vor neun Jahren wollte der gebürtige Hesse durch seinen Wegzug aus der Wahlheimat Hamburg den radikalen Ortswechsel. Nun hat der 51-Jährige auch einen zweiten vollzogen - seinen Abschied vom Theater, das ihm 1986 die Ehre bescherte, Bühnenschauspieler des Jahres zu sein.

Nun macht er nur noch Film. Steven Soderberghs "Solaris" brachte ihn nach Hollywood, "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck zum Oscar - die zweite große Ehrung nach dem Goldenen Bären für "Stammheim" (1986), wo er nur vier Jahre nach seinem Debüt in Michael Verhoevens "Die Weiße Rose" einen entfesselten Andreas Baader gab. Tukur sucht sich sperrige Rollen - Herbert Wehner, Dietrich Bonhoeffer, Helmut Schmidt, seriös aber unsexy. Ab und zu ist zwar ein Blockbuster wie "Die Luftbrücke" dabei, "aber jede Korrumpierbarkeit hat ihre Grenzen", beteuert er.

Auch deshalb meidet ihn der Boulevard, und daran dürfte ein Frauenmörder wenig ändern, den er - über die Rolle hinaus - verstehen will. Horst David, sagt Tukur, sei sein ganzes Leben lang fremdbestimmt gewesen. Immer hätten andere ihn dominiert, seine herrschsüchtige Frau, seine abgehauene Mutter, die Armut. Dass er da, Tukur haut auf den Tisch, "ein" - bumm - "Mal" - bumm - "das Heft" - bumm - "in die Hand nehmen will" - bumm -, "kann ich nachvollziehen!"

Also auch wie ein Charakter "knackt", dessen Existenz so katastrophal verlaufen ist wie der des 1995 zu lebenslanger Haft verurteilten Regensburgers. Und nirgends könnte es hörbarer knacken als bei Tukurs Interpretation. Wenn er Horst David verzweifeln lässt, ist die Verzweiflung echt. Wenn im Verhör der Kopf zu platzen droht, verwischen die Grenzen zur Dokumentation, wenn er beiläufig Untat für Untat zu Protokoll gibt, die zur Realität. In der Justizvollzugsanstalt Straubing, so heißt es, habe sich David sehr gefreut, von Ulrich Tukur gespielt zu werden. Dass bei dem das Böse im Normalen liegt, weiß eben auch das Böse selbst.

 Die Opfer des Serienmörders

Waltraud Frank ­ Die 24-jährige Prostituierte stirbt am 22. August 1975 in ihrer Wohnung in München-Schwabing. David erdrosselt sie mit ihrem Hausanzug, durchwühlt die Wohnung. Im Todeskampf zerkratzt sie ihm den Rücken, was der damaligen Ehefrau nicht verborgen bleibt.

Fatima Grossart ­ Nur zwei Tage später ermordet David eine weitere Münchner Prostituierte, ebenfalls in deren Wohnung. Die Bilder gleichen sich, auch Grossart (23) wird mit einem Kleidungsstück erdrosselt, auch in diesem Fall wird anschließend nach verstecktem Bargeld gesucht.

Barbara Ernst ­ Die 59-Jährige ist Angestellte beim Arbeitsamt Regensburg. Hier lernt sie David kennen, als er Malerarbeiten in dem Gebäude ausführt. Sie engagiert ihn zur Renovierung ihrer Wohnung. Vorher besucht er sie mehrere Male. Als sie es ablehnt, ihm einen Vorschuss zu geben, erwürgt er sie am 12. April 1981.

Martha Lorenz ­ Die 67-jährige alleinstehende Beamtin stirbt am 26. Januar 1983. David renoviert ihre Wohnung im Auftrag der Firma, für die er arbeitet. Als sie sich später zufällig wieder treffen, lädt sie ihn zum Kaffee zu sich nach Hause ein. Das wird ihr zum Verhängnis. Erstmals ermittelt nun die Kriminalpolizei Regensburg gegen ihn. Weil sein Alibi nicht überprüft wird, bleibt der Mörder auf freiem Fuß.

Maria Bergmann ­ Auch sie lernt David kennen, als er Malerarbeiten in ihrem Haus erledigt. Er tötet sie am 27. Oktober 1984 nach dem üblichen Muster, entkleidet sie und legt sie mit gefalteten Händen ins Bett. Das Tötungsdelikt wird nicht erkannt.

Kunigunda Thoss ­ Die 84-Jährige leiht ihm immer wieder Geld, insgesamt mehr als 20 000 Mark. Als sie es zurückfordert, bringt er sie am 12. Januar 1992 um, durchwühlt danach ihre Wohnung.

Mathilde Steindl ­ Sie ist am 7. September 1993 das letzte Opfer des Serienmörders. Die 85-Jährige behandelt ihn wie ihren eigenen Sohn, er nennt sie "Muttl". Als sie ihm kein Geld mehr leihen will, ist das ihr Todesurteil. David erwürgt sie, zieht der Toten anschließend die Strumpfhose herunter und täuscht so ein Sexualdelikt vor.

rog

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Gefährlichster Recall aller Zeiten: DSDS-Jury muss mit Waffen bewacht werden
In der neuen Staffel von DSDS reisen Jury und Nachwuchssänger nach Südafrika. Nicht nur gesanglich eine große Herausforderung.
Gefährlichster Recall aller Zeiten: DSDS-Jury muss mit Waffen bewacht werden
Teilnehmerfeld von Dschungelcamp 2018 steht: Ex-Bundesligastar dabei  
Und jährlich grüßt das Känguru: Auch im Januar 2018 werden wieder so genannte Stars ins Dschungelcamp einziehen, zum Beispiel ein Schlagerstar, ein Model und ein …
Teilnehmerfeld von Dschungelcamp 2018 steht: Ex-Bundesligastar dabei  
Drama: „Rote Rosen“-Star auf Fahrt zum Dreh aus Zug geschubst
Johanna Liebeneiner (72) ist einer der Stars der kommenden Staffel von „Rote Rosen“. Das erste Drama ereignete sich aber schon vor Drehbeginn.
Drama: „Rote Rosen“-Star auf Fahrt zum Dreh aus Zug geschubst
Thomalla schießt bei „Maischberger“ zurück
Sandra Maischberger wollte in der letzten Talk-Sendung des Jahres eine politische Bilanz ziehen. Für den Aufreger des Abends sorgt aber eine Schauspielerin.
Thomalla schießt bei „Maischberger“ zurück

Kommentare