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Vor der Lambertikirche in Münster posier1en die beiden „Tatort“-Ermittler Pathologe Professor Karl-Friedrich Boerne ( Jan Josef Liefers, l.) und Hauptkommissar Frank Thiel ( Axel Prahl).

Professorin untersuchte ARD-Reihe

Wie viel Religion steckt im „Tatort“?

Claudia Stockinger, 42, ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Göttingen – und hat über einen Zeitraum von zwei Jahren das Thema Religion in der ARD-Reihe „Tatort“ erforscht.

Dazu sah sie sich über 400 Folgen aus vier Jahrzehnten an. Heute Abend hält sie darüber ab 19 Uhr in der Katholischen Akademie Bayern an der Münchner Mandlstraße 23 einen Vortrag. Der Eintritt kostet acht Euro, ermäßigt vier Euro. Wir sprachen vorab mit ihr.

-Sie haben für Ihr Projekt 411 „Tatort“-Folgen untersucht. Können Sie die Anfangsmelodie noch hören?

Nein, die überspiele ich immer. Obwohl ich absolut für den bewährten „Tatort“-Vorspann bin. Schreiben Sie bitte nicht, ich hätte was gegen die Eingangsmelodie.

-Wie religiös ist der „Tatort“?

So religiös wie die Bundesrepublik. Er ist eine Art Spiegel. Das äußert sich in Details, wenn zum Beispiel die Konstanzer Kommissarin Klara Blum aus der Messe kommt und zu ihrem Chef sagt: „Heute nicht, heute ist Sonntag.“ Auf so etwas muss man beim „Tatort“ nicht bewusst achten, aber es ist vorhanden.

-Wieso ist es interessant, den „Tatort“ auf religiöse Motive hin zu untersuchen?

Im „Tatort“ werden immer existenzielle Themen erörtert: Schuld, Vergebung, Gerechtigkeit, das Böse. Dinge, die eine interessante Nähe erzeugen zwischen Ermittlern und Vertretern der Kirche.

-Aber die Ermittler vergeben nicht, sie stecken den Täter ins Gefängnis.

Ja, völlig richtig. Jemand hat gegen das Gesetz verstoßen, der Ermittler bringt ihn ins Gefängnis. Das ist aber das Klischee. Viele „Tatorte“ weichen davon ab, und dann wird es interessant.

-Wo zum Beispiel?

Also, meine Lieblingsermittler sind Batic und Leitmayr aus München. Sie entsprechen nicht diesem Stereotyp. Zum Beispiel, wenn sie die Mörderin nicht ins Gefängnis bringen, sondern in ein Flugzeug nach Thailand setzen und sie dadurch im Grunde retten („Frau Buh lacht“, 1995, Anm. d. Red.). Oder Klara Blum. In der ersten Folge hat sie ihren Ehemann verloren („Schlaraffenland“, 2002). Jahre später will der Mörder ein Gespräch mit ihr führen, um ihre Vergebung zu erlangen („Gebrochene Herzen“, 2006).

-Hat sich das Thema Religion in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Die Auseinandersetzung mit Religionen nimmt ab Mitte der Neunzigerjahre stark zu. Von da an wird Religion nicht mehr als Ornament, sondern auch als eigenes Thema behandelt. 2007 geht es im Hannoveraner „Tatort“ „Wem Ehre gebührt“ um innerislamische Konflikte. Da kämpfen Aleviten gegen Sunniten. Diese Folge wird übrigens nicht mehr ausgestrahlt, weil die alevitische Gemeinde monierte, dass im Film sunnitische Vorurteile übernommen worden seien.

- In einer Zeit, in der sich Menschen von der Religion entfernen, nehmen also religiöse Motive zu.

Ja. Vielleicht wird Religion gerade deswegen wieder thematisiert, weil etwas fehlt, weil eine gewisse Leere entstanden ist. Die Leute bleiben aber trotzdem mit Krankheit, Tod und Leid konfrontiert. Da gibt es auch metaphysische Erfahrungen, das kann man ja nicht einfach wegdiskutieren. Haben Sie 2009 diese wunderschöne Folge gesehen, wo Batic und Leitmayr mit Esoterikern konfrontiert werden, „Gesang der toten Dinge“ hieß sie? Darin sind alle Spinner, aber diese eine Dame, eine Hellseherin, hilft bei den Ermittlungen. Nur, weil Batic sich darauf einlässt, kann der Fall gelöst werden.

- Sie beziehen sich viel auf BR-Produktionen. Sind diese religiöser als andere?

Nein. Aber sie fallen mir sofort ein, weil der bayerische „Tatort“ großartig ist. In anderen wird Religion genauso thematisiert.

-Gibt es Religionen und Weltanschauungen, die besonders häufig vertreten sind?

Das Christliche spielt eine dominante Rolle, obwohl der Islam, das Judentum und auch Voodoo darin vorkommen. In einer Folge des Münsteraner Teams wird der Zölibat und die Liebe eines Priesters zu einer Frau behandelt. Aber ohne dabei den Glauben bloßzustellen oder lächerlich zu machen, es wird nur gezeigt.

-Die Öffentlich-Rechtlichen könnten es sich wahrscheinlich nicht leisten, Religionen stark zu kritisieren.

Ein wichtiger Punkt. Hab’ ich mich auch gefragt. Sie tun es aber dann umso problemloser, wenn so etwas wie Sekten behandelt werden. Das wird immer negativ dargestellt. Esoterisches wird oft auch lächerlich gemacht, ins Komische gezogen. Das geschieht mit den etablierten Religionen nicht. Der „Tatort“ beschreibt das, was Konsens ist.

- Sind Sie „Tatort“-Fan?

Eine Wissenschaftlerin will nie Fan sein.

Das Gespräch führte Patrick Wehner.

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