Die grausige Odyssee der "Landshut"

Mainz - Für 91 Menschen an Bord der "Landshut" waren diese vier Tage im Oktober des Jahres 1977 die schlimmsten ihres Lebens. Vier palästinensische Terroristen hatten den Jet gekapert, um Mitglieder der deutschen "Rote Armee Fraktion" (RAF) freizupressen. Das ZDF widmet diesem Ereignis die Dokumentation "Das Wunder von Mogadischu", zu sehen heute um 20.15 Uhr.

An Bord herrschten quälende Hitze bis 60 Grad und katastrophale hygienische Zustände. Hinzu kam der Psychoterror der Entführer. Es dauerte genau 105 Stunden, bis die Antiterrortruppe "GSG 9" dem Alptraum in der somalischen Hauptstadt ein Ende bereitete und die 86 Passagiere sowie vier Besatzungsmitglieder befreite. Pilot Jürgen Schumann überlebte das Drama, das vor fast 30 Jahren die Welt in Atem hielt, allerdings nicht. Er wurde von den Geiselnehmern erschossen.

In der Dokumentation von Stefan Brauburger, Oliver Halmburger und Stephan Vogel schildern viele damalige Geiseln das Grauen an Bord. Nachgespielte Szenen vergegenwärtigen die Schreckensstunden unter dem Kommando der palästinensischen Terroristen.

Politische Zeitzeugen wie der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher oder der damalige Sonderbeauftragte der Bundesregierung, der inzwischen verstorbene Hans-Jürgen Wischnewski, berichten über das internationale diplomatische Ringen in Zeiten des Kalten Krieges. "Auch 30 Jahre danach fördert der Film noch einige neue Erkenntnisse zutage", betont der Mainzer Sender. Erstmals freigegebene Akten bestätigen, dass auch die damalige DDR und die Ex-Sowjetunion die Regierung um Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) stützten, sagt ZDF-Haushistoriker Guido Knopp.

Die Terroristen der militanten palästinensischen Gruppe PFLP hatten die Maschine in Absprache mit der RAF in ihre Gewalt gebracht, um inhaftierte RAF-Mitglieder freizupressen. "Wir haben den Terroristen in Dubai angeboten, dass sie Frauen und Kinder als erste rauslassen sollen und ich dann in die Maschine reinkomme. Dann sollten die Männer freigelassen werden. Sie haben sich nicht darauf eingelassen", erinnert sich Wischnewski. Eine grausige Odyssee führt die Passagiere nach Rom, Lanarka auf Zypern, Dubai, Aden (Südjemen) bis in Somalias Hauptstadt Mogadischu.

"Es waren an die 60 Grad in der Maschine, hundert Passagiere, und die Toiletten waren verstopft. Es hat bestialisch gestunken", erzählt Passagierin Diana Müll. "Als wir mit Alkohol übergossen und gefesselt wurden, da hatte ich das Gefühl, jetzt schreist du einfach los, dass er dich erschießt, damit du nicht verbrennst", schildert Jutta Knauff. Der Anführer der Gruppe sei neurotisch und brutal gewesen, sagt die damalige Stewardess Gabriele von Lutzau. Co-Pilot Jürgen Vietor berichtet von Scheinexekutionen an Bord. Das Schlimmste war die "Hinrichtung" von Flugkapitän Schumann, bei der alle Geiseln zusehen mussten.

Die Entführung des Flugzeugs war Teil einer blutigen Terroroffensive, mit der die RAF die Bundesrepublik 1977 überzogen hatte. Im April waren Generalbundesanwalt Siegfried Buback mit zwei Begleitern und Ende Juli der Chef der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, ermordet worden. Am 5. September entführte die RAF Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer, einen Tag nach der "Landshut"-Befreiung wurde seine Leiche im Kofferraum eines Autos im französischen Mulhouse gefunden.

Wer den Anstoß zu der Kaperung gab, ist laut ZDF offen. In dem Film sagt der frühere RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock, die Initiative sei vom Kopf der PFLP, Wadi Haddad, ausgegangen. Ein Ex-Sprecher der Organisation verweist dagegen auf die RAF, die auf die Aktion gedrungen habe. Erstmals kommen laut ZDF zudem an der Operation beteiligte Mitglieder der GSG 9 zu Wort. Dass sie das Drama für die Geiseln unblutig beenden konnten - es gab zwei leicht verletzte Passagiere, einen verletzten GSG-Mann, drei Terroristen wurden erschossen - hatte im Krisenstab niemand zu hoffen gewagt.

Wischnewski hatte den Entführern die Freilassung der Terroristen angedeutet - eine "Kriegslist", um sie in Sicherheit zu wiegen. Dann erfolgte der Zugriff. "Ich sage heute, dass der Einsatz zu 50 Prozent aus Können und zu 50 Prozent aus Glück bestand", erklärt der beteiligte Elitepolizist Dieter Fox. Der damalige Regierungssprecher Klaus Bölling fasst zusammen: "Das Ganze grenzte an ein Wunder".

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