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Ungewohnte Umgebung: Jürgen Vogel (r.) mit „Maddin“ Schneider in der „Schillerstraße“.

Comedy

Mit größtmöglichem Getöse

Das Fernsehen muss Millionen von Stunden füllen. Deswegen erzeugt es Präsenz im Akkord. Kein Tag vergeht ohne Geissen, Pilawa, Kerner oder Raab. Die Show muss immer weitergehen. Da überrascht es umso mehr, dass Jürgen Vogel zum Inventar derlei Entertainments wurde.

Kein Ulkformat, kein Hitrecycling, keine Castingjury, kein noch so doofes Stück Unterhaltung scheint sicher vorm Schauspieler aus Hamburg.
Und doch schlagen, ach, zwei Herzen in seiner Brust, um mit Goethe zu sprechen. Denn eigentlich ist der 40-Jährige ein Charakterdarsteller, vielfach ausgezeichnet, ein Garant hoher Quoten und klingelnder Kassen. Ein Mann mit Ausstrahlung und dem Mut, auch schwierige Themen anzupacken. Wie in "Der freie Wille". Vogel spielt in Matthias Glasners schwer verdaulichem Porträt eines notorischen Vergewaltigers so ungeniert, unzensiert und (auch sich selbst gegenüber) unbarmherzig, dass es einen schaudert.

Das erklärt vielleicht auch, warum er nun ein Format übernimmt, das ihn (noch) überfordert. Vogel zieht in die "Schillerstraße" (Sat.1, ab heute jeweils freitags um 20.15 Uhr). Und das ist alles andere als witzig. Seine Vorgängerin Cordula Stratmann hatte unter Beweis gestellt, dass Improvisationstalent auf offener Bühne eine große Kunst ist - die sich allerdings mit der Zeit zu erschöpfen scheint. Die Insassen und Gäste der gutbesuchten Sat.1-Wohngemeinschaft, die Pochers, Friers, Profitlichs, Hoëckers, ja Stratmann selbst, beantworteten die eingeflüsterten Regieanweisungen der Produzentin Maike Tatzig ("Tetje, du hast Zahnweh") zusehends mit größtmöglichem Getöse.

So gesehen schlägt sich Jürgen Vogel zum heutigen Auftakt sogar recht tapfer. Für die versierte Teilnahme an der Verbreitung ungeübter Scherze ist er ohnehin noch zu scheu. Und so duckt sich der Comedy-Neuling nach einem homophoben Einstiegsscherz bald hinter "Maddins" (Martin Schneider) Riesenklappe weg. Dennoch - "Nee, is klar!" als Ersatz für echte Pointen reicht langfristig bestenfalls fürs willfährige Saalpublikum.

Hat er so etwas nötig? Seit seinem Durchbruch in "Kleine Haie" (1992) hat Vogel viele gute Filme gedreht. Fragt sich, warum er dann so wahllos über die Showbühnen der Republik hechelt. "Weil ich mir über Zielgruppen und Political Correctness keine Gedanken mache", antwortet er trotzig. "Ich mache, wozu ich Lust hab."

So tickt er, ein großer Junge, der mit seinen vier Kindern in Berlin lebt und seine Jugend kultiviert. Das fing schon an, als er - längst nicht volljährig - beim Kollegen Richy Müller einzog, der den "Bengel", wie Vogels Ersatzvater das Arbeiterkind mit der markanten Zahnlücke nennt, "aufgenommen hat, bis er flügge wurde". Und das ging fix.
Seinen ersten Film, "Kinder aus Stein", drehte Vogel mit 16, schmiss die Schauspielschule am ersten Tag, weil er sie "unsexy" fand und machte fortan etwas, was sehr "sexy" ist - Karriere. Sie dürfte auch die Comedy überstehen, improvisiert oder nicht.

Jan Freitag

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