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Starkbierprobe auf dem Nockherberg: Antonia von Romatowski als Angela Merkel und Wowo Habdank als Anton Hofreiter, aufgenommen am 24. Februar 2016.

Großer Nockherberg-Rückblick 

Schlimmer als derbleckt zu werden, ist nur, gar nicht vorzukommen

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Beim Salvator-Anstich an diesem Mittwochabend auf dem Nockherberg müssen die Politiker wieder Humor beweisen. Die Zuschauer dagegen verlangen saftige Wort-Watschn. Ein Spagat, der auf dem Nockherberg für Ratlosigkeit sorgt.

München – Seit elf Jahren ist Paulaner-Chef Andreas Steinfatt, 48, Gastgeber auf dem Nockherberg – Herr über Salvator und Satire beim Politiker-Derblecken. Und normalerweise hält er sich zurück, wenn „Mama Bavaria“ Luise Kinseher und Singspiel-Autor Marcus H. Rosenmüller einige Tage vor dem Spektakel erzählen, wovor sich die Großkopferten fürchten dürfen. Normalerweise. Nicht heuer. Gegen Ende der Pressekonferenz schiebt er plötzlich die Schultern in seiner Trachtenjoppe vor und die blonden Brauen zusammen: „Hier sitzen ganz tolle Künstler und Partner“, hebt er ernst an. „Es ist nicht nur für uns als Brauerei jedes Jahr eine besondere Belastung, sondern für das ganze Team. Immer wieder neue Ideen zu entwickeln – auch den Mut dafür zu haben – und das auszuhalten, was nachher mit einem passieren kann.“ Das hat gesessen.

Die überraschend deutliche Ansage zeigt, was für ein Druck auf den Beteiligten lastet. Es geht um die Erwartungen, die mittlerweile an den Nockherberg gestellt werden. Von einer Öffentlichkeit, die vom Derblecken ein satirisches Feuerwerk erwartet einerseits. Und andererseits von Politikern, die sich immer dünnhäutiger zeigen, wenn sie derbleckt werden. (Lesen Sie hier, wie Sie das Derblecken live im Fernsehen und Live-Stream sehen.)

Nockherberg 2017: Schlimmer als derbleckt zu werden, ist: gar nicht vorzukommen

Eigentlich ist ehernes Nockherberg-Gesetz: Schlimmer als derbleckt zu werden, ist nur, gar nicht vorzukommen. Doch die CSU-Granden regten sich 2016 maßlos über die Fastenpredigt auf – für viele neutrale Beobachter grundlos: Mit eisiger Miene ließ Ministerpräsident Horst Seehofer über sich ergehen, wie Luise Kinseher seine Flüchtlingspolitik abkanzelte. Dass „Mama Bavaria“ ihrem Buben Markus Söder „moralische Legasthenie“ attestierte, fand der Finanzminister demonstrativ nicht lustig. Und hinterher beschwerte sich die eigentlich humorbegabte Landtagspräsidentin Barbara Stamm, Kinsehers Rede sei frauenfeindlich gewesen, weil sie extra viele Mandatsträgerinnen aufs Korn genommen habe.

Eigentlich räumt in solchen Fällen der Diplomat Steinfatt die Scherben auf. Der Paulaner-Boss mit seinen gewinnenden Skilehrer-Lachfalten muss am Tag nach dem Derblecken jedes Jahr einige therapeutische Telefonate führen. „Ich habe da schon eine gewisse Souveränität“, sagt er. Auch mit Barbara Stamm telefonierte er, obwohl er die Aufregung nicht ganz verstand. Für Steinfatt war die Sache geklärt: „Wir sind im Guten auseinandergegangen.“ Doch Mitte Januar legte Stamm in der Bild nach und kündigte an, dem Nockherberg fernzubleiben. Sozialministerin Emilia Müller, 2016 von Kinseher als „blindes Huhn“ bezeichnet, sekundierte: „Ich wünsche mir mehr Niveau, Sensibilität und Frauen, die etwas für Frauen übrighaben.“ Dass Kinseher beteuerte, nichts liege ihr ferner als Frauenfeindlichkeit, verpuffte.

Steinfatt seufzt. „Man übernimmt mit diesem Job schon einen Rucksack.“ Dabei hat er weiß Gott schon Schlimmeres durchgestanden. „Als ich hier angefangen habe, war Django Asül – mehr brauche ich ja wohl nicht zu sagen.“

2007 war das, und der niederbayerische Kabarettist als neuer Fastenprediger war ein Politikum. Seit Max Grießer 1992 dem ermordeten Walter Sedlmayr nachfolgte, war es Tradition, dass der Redner dem Publikum in Mönchskutte die Leviten las. Jetzt trat – ganz in zivil – ein Deutschtürke auf, und seine Sätze wirkten wie Handgranaten. Nur ein Beispiel: „Wie nah Sekret und Sekretär einander sind, zeigt die Schleimspur, die Söder hinterlässt.“ Asül derbleckte nur ein Mal auf dem Nockherberg. An diesem Mittwoch ist er ausgerechnet bei Söder angestellt – als Redner beim alljährlichen Maibockanstich des Finanzministers.

Bei Paulaner wünschte man sich Asül wohl schon 2010 wieder zurück. Denn sein Nachfolger Michael Lerchenberg, ein messerscharf moralisierender Barnabas, zog zusammen mit Autor Christian Springer einen folgenschweren Vergleich. In einer Passage der Rede ließen sie FDP-Chef Guido Westerwelle durch die Lande ziehen und Hartz-IV-Empfänger in Lager sperren. Über deren Ausgang der damalige FDP-Slogan: „Leistung muss sich wieder lohnen.“ Der KZ-Vergleich wurde zum Bumerang. Charlotte Knobloch, damals Chefin des Zentralrats der Juden, sah die Holocaust-Opfer verhöhnt. Westerwelle teilte Steinfatt auf offiziellem Briefpapier des Außenministers mit, dass er sich künftig alle Einladungen auf den Nockherberg verbitte – das „persönliche“ Schreiben ging vorab an die Medien. „Ich habe einiges erlebt“, sagt Steinfatt.

Vor allem die Künstler selbst machen was mit: Luise Kinseher hat viele Jahre Prügel bezogen, weil sie manchen zu zahm war. 2016 schlug der empfindliche Seismograf der „political correctness“ in die andere Richtung aus. An die Unvorhersehbarkeit gewöhne man sich, sagt die Kabarettistin. „Das sind die großen Rätsel des Nockherbergs.“

Für Steinfatt ist es ein Dilemma – er kann es nicht jedem recht machen. Paulaner ist Teil der CSU-nahen Schörghuber-Gruppe und Gastgeber einer gigantischen Werbeveranstaltung, die ohne die politische Prominenz nicht funktioniert. Die wiederum bekommt kostenlose Publicity, der BR überträgt live, mit Sondersendungen drum herum. „Du kannst nur schauen, wie es läuft“, sagt Steinfatt. „Und was am nächsten Tag dabei rauskommt.“ Am nächsten Tag steht womöglich der Zentralrat der Juden auf der Matte oder der Innenminister ruft von einer Konferenz in Peking aus an, um zu schimpfen.

Erinnern Sie sich noch an den Eklat unter Walter Sedlmayr?

Insgeheim sehnt sich Steinfatt womöglich nach der guten alten Zeit des Roider Jackl. Der Volkssänger war der erste Nockherberg-Redner, der es den Großkopferten so richtig zeigte – und die ließen ihm seine Frechheiten samt Nazi-Vergleichen durchgehen. 1958 dichtete er auf den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß: „Der Herr Verteidigungsminister / geht schwer auseinand’ / und wenn er so weitermacht, / passt ihm bald dem Göring sein Gwand.“ Selbst unter dem jovialen Publikumsliebling Walter Sedlmayr gab es einen Eklat: SPD-Landeschef Helmut Rothemund war 1982 beleidigt, weil Sedlmayr ihn die ganze Zeit „Herr Dings“ nannte. Er verließ noch während der Veranstaltung den Saal und nannte Sedlmayr ein „Arschloch“. Das gefällt freilich den Zuschauern. „Das Volk wünscht sich noch mehr Härte“, glaubt Steinfatt. Doch es braucht eben auch Fingerspitzengefühl. Auch wenn man es damit mitunter übertrieben hat.

Der langjährige Redenschreiber Hannes Burger etwa wollte der CSU nie wehtun. In seinem Buch „Politiker derblecken beim Salvator“ gibt er zu, „dass wir Strauß wie beim Billard über die Bande gespielt und geärgert haben“ – nie aber offensiv verspottet. Im Jahr 2000 hatte der BR Skrupel: Schauspieler Norbert Heckner sollte Erwin Huber beim Singspiel als „Hadschi Halef Huber Ibn Hadschi Abu Stoiber Ibn Hadschi Abu Streibl Ibn Hadschi Hadschi Hadschi Franz Jussuf“ darstellen – doch der Sender bekam kalte Füße: Werden da religiöse Gefühle verletzt? Sogar ein Islam-Experte wurde befragt. Letztlich riskierte man’s – und keiner regte sich auf. Nur Huber musste in der Staatskanzlei ein halbes Jahr mit dem neuen Spitznamen leben.

Man muss dem Unternehmen Nockherberg zugutehalten, dass Zensur wohl kein Thema mehr ist. Schörghuber, Paulaner und BR kennen im Vorfeld Rede und Singspiel – strittige Fälle löse man im Dialog, beteuert Steinfatt. „Die Künstler haben ihre Freiheit.“

Und so kündigt Kinseher auch an, die CSU an diesem Mittwoch nicht zu schonen – selbst wenn hinterher gemotzt wird: „In einer Zeit, in der in der CSU alle Oberwasser haben und es ihnen gut geht, da kann eine Rede schnell mal zu zahm sein. Aber in einer Zeit, in der ihnen das Wasser bis zum Hals steht, kann eine Rede auch ganz schnell mal zu scharf sein.“ Ob sie bei dem ganzen Ärger nächstes Jahr noch Lust auf die „Mama Bavaria“ hat? „Warten wir’s ab. Man wird ja immer wieder überrascht.“ Auch Marcus H. Rosenmüller, der mit seinem Singspiel eigentlich wenig aneckt, legt sich nicht fest: „Unsere sehr spezielle Art zu erzählen ist irgendwann mal an einem Ende angelangt. Ein anderer Regisseur bringt da sicher auch einen anderen Schwung rein. Ich merke schon, dass ich mich mitunter wiederhole.“ Aber Spaß macht’s halt auch, sagt er.

Steinfatt klopft gegen die Holzvertäfelung im Salvatorkeller: „Ich hoffe, sie machen alle weiter.“ Und ob das Derblecken nun ankommt oder nicht: „Am Mittwochabend wissen wir alle mehr – oder am Donnerstag dann.“ Es bleibt sein Geheimnis, ob daraus Vorfreude oder Furcht spricht.

Nockherberg 2017: Alle Infos zu Fastenpredigt, Derblecken und Singspiel

Die fünfte Jahreszeit in München beginnt: Am Mittwoch, 8. März, wird mit der Starkbierprobe auf dem Nockherberg das Starkbierfest eröffnet und die Politiker derbleckt. Hier finden Sie alles, was Sie zum Nockherberg 2017 wissen müssen.

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