Grünwald ist längst leergeschossen

- Das ZDF spricht von einer "Novität" auf diesem Sendeplatz. Die neue Freitagskrimireihe "Der Kriminalist" sei "sehr zeitgemäß" -versichert Hans Janke, Fernsehspielchef des Mainzer Senders. Der Berliner Kommissar bediene sich aller Recherchemittel, über die eine moderne Metropolenpolizei heute verfüge. In der Rolle des Kommissars Bruno Schumann ist Christian Berkel (49) zu sehen.

Dem vielbeschäftigten Schauspieler mit dem Hang zu abgründigen Figuren stehen Anna Schudt und Frank Giering als Assistenten Anne Vogt und Henry Weber zur Seite.

Der Titel ist ein Zungenbrecher, finden Sie nicht?

Christian Berkel: Wir haben kaum mit einer Sache so viel Zeit verbracht wie mit der Titelfindung, weil das in diesem Genre schwer geworden ist. Es gibt so viele Krimiformate.

Da hat es Rudolf Kowalski, Ihr neuer Kollege am Freitagabend, leichter. Dessen Reihe heißt schlicht und ergreifend "Stolberg" wie der Name seiner Figur.

Berkel: "Schumann" war auch im Gespräch, genauso wie "Kommissar Schumann" und 200 andere Filmtitel. Aber der Titel passt zu meiner Figur, lässt ahnen, wie sich jemand an einem Problem festbeißt und nicht locker lässt, bis er den Fall gelöst hat.

Wie ist Regisseurin Sherry Hormann ins Boot gekommen, die ja eher durch Komödien wie "Irren ist männlich" bekannt wurde?

Berkel: Ich hatte sie vorgeschlagen, ich wollte gerne mit ihr die Reihe anfangen, weil ich großes Vertrauen zu ihr habe. Sie hat ein feines Gespür für Dramaturgie, steht für hohe Bildästhetik, ist sehr musikalisch ­ und sie versteht Schauspieler.

Und sie soll, ähnlich wie Sie, im Vorfeld eines Films akribisch recherchieren...

Berkel: Sherry Hormann schaut sich erst einmal genau um in der Welt. Sie taucht ab und kommt mit einem Korb voller Geschichten zurück. Egal ob es um schwule Fußballer geht, um Psychotherapeuten oder wie jetzt um Kriminalfälle. Uns hat beide interessiert, wie Verbrechen heute aussieht und welcher Aspekt der polizeilichen Ermittlungsarbeit in Serien noch nicht erzählt wird.

Sind Sie fündig geworden?

Berkel: Wir erheben nicht den Anspruch, das Genre neu erfunden zu haben, aber wir werden dem Ganzen eine neue Definition auf diesem Sendeplatz geben. Das war auch der Wunsch des ZDF.

Sie machen es spannend! Was unterscheidet Kommissar Schumann von seinen TV-Kollegen?

Berkel: Schumanns Methode, die Viktimologie, ist neu. Der realistische Umgang mit dem Genre ist selten. Schumann verbindet die illusionslose Lakonie amerikanischer Cops mit den Qualitäten des deutschen Ermittlers -­ Intuition, akribische Recherche und modernste Kriminaltechnik. Schumann geht auf in seinem Beruf. Er ist, was er tut.

Der Bildungsbürger wird Sie lieben. Was meinen Sie eigentlich mit Ihrer jüngst geäußerten Kritik, man müsse aufpassen, dass Fernsehprogramme nicht nur für die vielzitierte "Unterschicht" gemacht werden?

Berkel: Die Stoßrichtung heißt Qualitätsfernsehen! Ich bin fest davon überzeugt, dass man auch damit gute Einschaltquoten schaffen kann. Ich will auch möglichst viele Zuschauer mit meinen Filmen erreichen. Aber ich messe Erfolg und Misserfolg eher an der Frage, ob ich das, was ich eigentlich erzählen wollte, auch erzählt habe.

Und wenn "Der Kriminalist" Ihren Ansprüchen nicht gerecht werden sollte? Wer garantiert Ihnen auf Dauer gute Bücher?

Berkel: Das kann niemand garantieren. Aber die ersten sechs Folgen sind so geworden, wie wir uns alle das gewünscht haben, und auch die Fortsetzungen lassen sich gut an. In unseren Krimis werden Sie Menschen begegnen und nicht irgend-welchen Abziehbildern. Bei uns wird nicht ohne Sinn und Verstand rumgeballert, bei uns werden Geschichten erzählt.

Den Opfern wird mehr Raum gegeben...

Berkel: Filmisch, in der Erzählweise sicher. Wir setzen einen anderen Akzent, zeigen die Biografie des Opfers. Wie hat es gelebt, was hat es gefühlt, was gedacht? Das ist die Spur, die uns zum Täter führt. Wir wollten weg vom Klischee, dass der Kommissar immer im richtigen Moment den großen Geistesblitz hat. Schumann sucht nach den Fakten, die seine Ahnungen belegen.

Schumann ist zwar eine Art Gentleman-Kommissar, bewegt sich aber im Gegensatz zu den alten Münchner ZDF-Ermittlern nicht nur in feinen Kreisen...

Berkel: Wenn man sich den "Kommissar", den "Alten" oder "Derrick" ins Gedächtnis zurückholt, muss man davon ausgehen, dass der Villenvorort Grünwald längst leergeschossen ist.

War nicht "Der Kommissar" früher Ihre Lieblingsreihe?

Berkel: Das war für damalige Zeiten ein sehr innovatives Format. Und Erik Ode als Schauspieler war einfach Kult. Den haben sogar die Intellektuellen gemocht.

Das Gespräch führte Fabian Korff.

ZDF, vorerst sechs Folgen ab heute jeweils freitags, um 20.15 Uhr.

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