Günther Kaufmann: Sein filmreifes Leben

München - Er war Fassbinders Liebling, saß unschuldig im Gefängnis, dröhnte in Nebenrollen: Zum Tod von Günther Kaufmann:

Ein Urviech war er, im besten Wortsinn. Als er bei unserem letzten Treffen erzählte über das, was gewesen ist (eigentlich viel zu viel für ein Leben), und das, was kommen wird (er hatte Pläne, Pläne, Pläne), zitterte der Kaffee in den Tassen aus Respekt vor seinem dröhnenden, bairischen Bass. Und wenn er zu seiner Erzählung gestikulierte, dann drohte er, den Bistrotisch abzuräumen, umzuwerfen mit einem Handstreich.

Trauer um TV-Star Günther Kaufmann - Porträt in Bildern

Trauer um TV-Star Günther Kaufmann - Porträt in Bildern

Kaufmann im TV

Nach Günther Kaufmanns Tod ändert die ARD heute ihr Programm. In der Reihe „Die großen Kriminalfälle“ wird die Dokumentation „Das falsche Geständnis des Günther Kaufmann“ vorgezogen und um 23.30 Uhr gesendet. Der 45-minütige Film erzählt, wie Kaufmann für einen Mord verurteilt wurde, den er nicht begangen hatte. Ursprünglich sollte die Doku am 25. Juni laufen.

Ja, Günther Kaufmann, der 1947 als unehelicher Sohn eines US-Soldaten und einer Deutschen als „weißer Neger vom Hasenbergl“ (wie er selbst sagte) geboren wurde, war ein Urviech. Umso unglaublicher liest sich daher jetzt die Nachricht, dass dieser Schrank von einem Mann vergangenen Freitag beim Spazierengehen im Berliner Bezirk Grunewald an Herzversagen gestorben ist. Mit 64 auf der Straße zusammengebrochen, während die Vorbereitungen zu einem Film über sein Leben liefen, der nächstes Jahr in die Kinos kommen sollte und in dem Kaufmann selbst die Hauptrolle spielen wollte.

Ja, sein Leben ist filmreif, voller dramatischer Wendungen und Begegnungen. Eine der ersten: Volker Schlöndorff hat Kaufmann, der als Gefreiter auf der „Gorch Fock“ gedient hatte, 1969 von der Straße weg in „Baal“ besetzt. Die Titelrolle spielte damals Rainer Werner Fassbinder, vielleicht war das die wichtigste Begegnung für Kaufmann überhaupt. Der geniale Regisseur (1945-1982) verliebte sich sofort in den jungen Mann, der wiederum seine Begeisterung fürs Filmgeschäft entdeckte. Wie so oft drückte Fassbinder seine Zuneigung über Rollenangebote aus: Nach kleineren Auftritten in „Götter der Pest“ (1969) und „Rio das Mortes“ (1970) konzipierte Fassbinder seinen nächsten Film „Whity“ kurzerhand rund um den von ihm Verehrten. Kaufmann war geschmeichelt, doch gab er den Avancen nie nach: „Ich war nun mal nicht schwul.“ In der Folge bekam er Fassbinders Hass(-liebe) zu spüren. „Schaff mir einen anderen Neger heran“, blaffte der seinen Mitarbeiter Harry Baer noch während des Drehs von „Whity“ an. Dennoch drehte Kaufmann 16 Filme mit Fassbinder – beeindruckte in Klassikern wie „Die Ehe der Maria Braun“, „Querelle“ oder „Berlin Alexanderplatz“ durch schier ungeheuerliche physische Präsenz.

Nach dem frühen Tod des Filmemachers 1982 wurde Kaufmann seltener besetzt. Er machte Fernsehen, war in „Derrick“ oder „Der Alte“ zu sehen – bis sein Leben selbst zu einem Kriminalfall wurde: Im Februar 2001 gestand Günther Kaufmann, seinen Steuerberater Hartmut Hagen ermordet zu haben. Ein falsches Geständnis, um seine krebskranke Ehefrau Alexandra aus den Ermittlungen rauszuhalten. „Nicht eine Sekunde hätte ich sie geschützt, wenn ich geahnt hätte, dass meine Frau mit dem Mord etwas zu tun gehabt hat. Ich bin doch kein Trottel“, erzählte Kaufmann später im Gespräch mit unserer Zeitung. Erst nach Alexandras Tod kam heraus, dass sie die drei Täter zu dem Überfall mit Todesfolge angestiftet hatte. Zu diesem Zeitpunkt hatte Kaufmann knapp drei Jahre seiner 15-jährigen Strafe abgesessen. Im Januar 2005 sprach ihn das Landgericht Augsburg auf übereinstimmenden Antrag der Staatsanwaltschaft und Verteidigung von jeglicher Beteiligung an dem Verbrechen frei.

Nach 831 Tagen Knast saß Kaufmann jedoch auf einem Schuldenberg: „Die Machenschaften meiner Ex-Frau haben mich finanziell ruiniert.“ Doch er gab nicht auf, zog sogar ins RTL-„Dschungelcamp“, um aus den Miesen zu kommen. Dann besetzte ihn Michael „Bully“ Herbig als Pirat Schrecklicher Sven in seinem Erfolgsfilm „Wickie und die starken Männer“ – und plötzlich sah es aus, als würde diese Schauspielkarriere noch mal Fahrt aufnehmen. Zwar blieben bislang für Kaufmann nur die Nebenrollen (gerade ist er in „Türkisch für Anfänger“ im Kino zu sehen) – doch 2013 sollte „Die zweite Garnitur Gottes“ anlaufen, seine filmreife Geschichte auf der Leinwand.

Das Drehbuch des Lebens hatte für Günther Kaufmann aber einen anderen Schluss vorgesehen.

Michael Schleicher

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