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Ein gerüttelt Maß an Eitelkeit: Der junge Minister Franz Ferdinand von und zu Donnersberg posiert vor Fotografen im nächtlichen New York...

Eine (fast) wahre Geschichte

Guttenberg-Satire: Erschreckend realitätsnah

Berlin - Wie kein anderer stieg und stürzte Karl-Theodor zu Guttenberg. Seine Karriere vom Politstar zum Plagiator ist jetzt verfilmt – in einer bitterbösen TV-Satire.

Angela Murkel rührt in ihrer Kartoffelsuppe, ehe sie zum Telefon greift. Suppendampf wabert über blümchengemusterte Teller, bestickte Kissen und dunkle Brotscheiben. Mit verschwörerischem Grinsen leckt die Bundeskanzlerin über den Schöpflöffel, dann schiebt sie schnell die unangenehme Aufgabe des Abends ein: den Horst anrufen. Ihm sagen, dass er einen neuen Minister herschicken soll. „Irgendeinen, der bei drei nicht auf den Bäumen ist“, raunzt Murkel und bröckelt mit einer Hand Kräuter in die trübe Suppe. „Der wird eh verheizt.“

Die Schürze spannt über dem Blazer. Der Mann, der nur Horst heißt und nicht länger beim Modelleisenbahn-Spielen unterbrochen werden möchte, schnaubt, er werde halt den Dings, den, den Donnersdings schicken. „Er soll nur nicht stören“, grollt Murkel noch. Dann tauchen sie wieder ganz ab in die Welt ihrer Blümchenteller und Bahnhofsvorsteher.

Wie die Murkel und der Horst in ihren spießigen Ferienhäuschen einen Ersatz-Minister ausmauscheln; wie sie nicht ahnen, gerade die kometenhafte Karriere eines Polit-Neulings zu starten: Das ist die wundervollste Szene des Fernsehfilms „Der Minister“.

Er stört doch - und schimpft über den "Affenzirkus in Berlin"

Franz Ferdinand von und zu Donnersberg heißt der Minister, ein junger Adeliger mit blendendem Aussehen und ebensolchem Geschwafel. Aus Langeweile geht er aus seinem kleinen oberfränkischen Dorf Donnersberg in die Politik: „Für die Konservativen, bin ja schließlich ein Baron.“ CFU heißt die Partei hier, wie CSU mit Hasenzahn. Karrieregeil lässt er sich schnell eine Doktorarbeit zusammenschreiben, zahlt pro Seite, aber nicht für Fußnoten. Er wird Minister, Superstar und stürzt in einer Plagiats-Affäre ab: Der Stoff des realen Karl-Theodor zu Guttenberg bietet die Vorlage für diese Satire – so schrill, wie sich kein Drehbuchautor getraut hätte, etwas zu erfinden.

Denn natürlich macht der Donnersberg genau das, was Suppen-Murkel vermeiden wollte: Er stört. Daheim im Wahlkreis schimpft er auf den „Affenzirkus in Berlin“, in der Hauptstadt aber reizt ihn nichts mehr als der Platz an der Spitze des Affenhügels. Immer weiter steigt er in der Beliebtheit des Volkes, glatt, schillernd und mit der strahlenden, aber nicht sonderlich hellen Ehefrau Viktoria an der Seite. Murkel bleibt ihr Spott über Donni und sein Blondchen („Barbie lebt. Ken auch“) bald im Hals stecken. Er ist beliebter als sie.

Hintersinniger Humor und ein Haufen Zynismus

Hintersinniger Humor und ein Haufen Zynismus – und das von Sat1: Keiner zieht sich aus, niemand trällert, es gibt nicht mal eine Quizshow. Sondern eine witzige, teils feingeistige Satire über die Berliner Szene aus Politik und Medienfuzzis. Wer sich in diesem Zirkus nicht auskennt, kann herzhaft über die überzogenen Gags lachen. Wer sich auskennt, staunt, dass manche leider gar nicht überzogen sind. Das inhaltsleere Donnersberg-Geschwafel ließe sich durch echte Guttenberg-Floskeln beliebig verlängern: Das „gerüttelt Maß“ zum Beispiel fehlt noch im Film. Oder, Äußerlichkeiten, die vielen Krawatten mit den kleinen weißen Elefanten drauf, die kokette Gummibärchensucht und dieser seltsam federnde Gang.

Es reicht auch so schon für eine Karikatur. „Ein Mensch, der imstande war, das Politische in ein Popkonzert zu verwandeln“, sagt Darsteller Kai Schumann, 36, über Guttenberg. Er habe eben „nie gelernt, was Bodenhaftung ist“.

Einen Kunstgriff erlaubt sich das Drehbuch von Grimme-Preisträgerin Dorothee Schön: Es erfindet die Figur des engen Guttenberg-Vertrauten Max als Ghostwriter, Inspirator, Hirn hinter Donnersberg. Sie kennen sich aus Studentenzeiten, Umgangston: „Donni, alte Kaschmirsocke!“ Mit einer Creme gegen Schwangerschaftsstreifen gelen Max und seine Frau erstmals Donnis Haare nach hinten. Im Staub einer Faschingsschachtel finden sie die passende drollige Guttenberg-Brille dazu.

Versteckte Bosheiten passen mitunter bis ins Detail zur Realität

Ohne die Inhalte von Max wäre Donni ein leerer Schönling: „Sowohl als auch. Das ist meine innerste Überzeugung. Die lasse ich mir auch nicht verbieten“, ist der einzige Standardsatz ohne Redenschreiber. Eine kleine, fiktive Liebesgeschichte rankt sich um Max, ein bisserl was fürs Zuschauer-Herz. Aber selbst über Max rätseln die aus der echten Berliner Polit-Szene, ob es nicht ein Vorbild für ihn gebe, einen einst engen Mitarbeiter Guttenbergs, dem muntere Co-Autorenschaft bei der Dissertation nachgesagt wird.

Weil ja die anderen kleinen, im Film versteckten Bosheiten mitunter bis ins Detail zur Realität passen. Ein Magazin-Titel liegt rum, Donni mit bis zur Brust aufgeknöpftem Hemd: Das war in echt der „Stern“. Das AC/DC-T-Shirt ist da. Das eitle „Mir gehört die Welt“-Foto auf dem nächtlichen Times Square in New York. Der klägliche Horst-Satz am Höhepunkt des Hypes, er habe doch den Donni erfunden. Die Pressekonferenz-Pannen („War das jetzt live? Nicht, oder? Nochmal.“), die Verhaspler im Bundestag. Sogar die Talkshow im Kriegsgebiet Afghanistans kommt vor, in echt war’s Johannes B. Kerner.

Die lustige Facebook-Seite von Franz-Ferdinand Freiherr von und zu Donnersberg

Vor der Kamera agieren keine Schauspielgötter, solides Fernsehspiel-Niveau, nur Katharina Thalbach als Murkel ragt heraus. Bis ins Detail sind die übrigen Rollen aber zumindest präzise besetzt. Wenn die Kamera nur einmal schnell über den Kabinettstisch schwenkt, hocken da fast die echten Minister jener Jahre, Westerwelle, Steinbrück, Schäuble, Schavan, allenfalls leicht vergreist, dazu in einer Nebenrolle ein gewohnt moppeliger Gabriel.

Da kratzt was im Hals nach diesen 90 Minuten. Die nagende Frage: Wenn so viel stimmt, was ist dann noch Satire? Kocht Merkel Kartoffelsuppe in ihrer Spießer-Datsche in Templin? Hetzte sie ihre Wissenschaftsministerin („Annette“) auf Guttenberg, sie solle sich mal in einem Interview „nicht nur heimlich“ für dessen Plagiat schämen? Ist sie so abgründig? Und doch schrullig-sympathisch?

Und dann die Sache mit den Medien. Im Film verkrachen sich Donni und Max. Als engster Berater kommt der seifige Boulevard-Chefredakteur Jan Breitmann an die Seite des Ministers, der ihn mit seiner „Blitz“-Zeitung nach oben schreibt – gemeint ist Kai Diekmann von „Bild“. Arrogant und zynisch ist die Figur angelegt, ein schleimiger Champagnersäufer. „Panzer, Flugzeuge, Schiffe – coole Bühnenshow“, jubelt Breitmann betrunken, als Donni Verteidigungsminister wird.

Guttenberg: Die besten Sprüche zur Plagiats-Affäre

Guttenberg: Die besten Sprüche zur Plagiats-Affäre

In Breitmann und seinen „Blitz“ packt der Film viel aus der echten Hauptstadtpresse rein: Vor allem das Rudelverhalten, wie sie Guttenberg hinterherliefen und sich später gegenseitig in Enthüllungen und Entrüstungen überboten. „Da kann einem ja schlecht werden“, raunzt Murkel abends im Ehebett bei der Zeitungslektüre. In echt sagte sie den Satz nie, es war CSU-Minister Hans-Peter Friedrich, der viel deutlicher würgte: „Mir ist zum Kotzen.“

Der echte Guttenberg und der falsche Donnersberg, sie enden vor zwei Jahren an einem Pult in einer Säulenhalle des Ministeriums. Rücktritt mit vibrierender Stimme und flatternden Augenlidern. „Ich war immer bereit zu kämpfen. Aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht.“ Und sogar dieser Satz, das demaskiert die Satire bitterböse, war abgeschrieben, diesmal bei „Star Trek“.

Neulich hatte die Groteske über einen, der tiefer stürzt als er je stieg, in Berlin Vorpremiere für ausgesuchte Gäste. Die echte Kanzlerin war geladen, alle Minister, das komplette Vorgängerkabinett und Guttenberg selbst. Es kam: niemand.

„Der Minister“

läuft am Dienstag, 12. März,20.15 Uhr, auf Sat1. Regie: Uwe Janson

Von Christian Deutschländer

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