Ingolstadt entlässt Walpurgis - Interims-Nachfolger steht fest

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Schaut gern über den Tellerrand: „Im Grunde sind wir Aufdeckungsjournalisten. Das macht einen Heidenspaß“, sagt Harald Lesch.

Interview mit Prof. Harald Lesch

Der Logik-Judoka

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München - Harald Lesch über die 100. Folge von „Leschs Kosmos“, die Vorteile der Tageszeitung und den „Brandner Kaspar“

An einem Dienstagabend um 23 Uhr mehr als 1,6 Millionen Zuschauer für wissenschaftliche Themen vor den Fernsehern der Republik zu versammeln – das würde nicht jedem gelingen. Einer schafft es aber regelmäßig: Harald Lesch. Der Münchner Universitätsprofessor präsentierte seit 2008 das ZDF-Magazin „Abenteuer Forschung“, seit 2014 heißt die Wissenschaftsreihe nach dem, der für die Zuschauer derjenige ist, dem sie die Antworten auf ihre Fragen zutrauen: Aus „Abenteuer Forschung“ wurde „Leschs Kosmos“. Nun strahlt das ZDF die 100. Folge der Sendung aus. In „Vorsicht Zucker: Die verborgene Gefahr“ spürt der Astrophysiker, Naturphilosoph und Autor den Übeltäter Süße in unserem Alltag auf – und hinterfragt die Folgen, die in übermäßigem Konsum liegen. Ein Gespräch über Wahrheitsfindung im Alltag – und den Ehrgeiz, Verschwörungstheoretiker umzustimmen.

Wie oft googeln Sie am Tag?

Harald Lesch: (Überlegt.) Das hängt davon ab. Wenn ich nicht in meinem Büro bin, würde ich sagen: gar nicht. Und wenn ich im Büro bin, ist es fast unzählbar, weil ich als Wissenschaftler bei der Suche nach Literatur auf die Suchmaschine unbedingt angewiesen bin.

Kennen Sie das: Man sitzt im Freundeskreis zusammen, eine Frage kommt auf und dann ruft sofort jemand: Moment, das google ich schnell?

Lesch: Ja! Schrecklich!

Verlassen wir uns zu sehr auf Suchmaschinen als auf unser Gedächtnis?

Lesch: Ja, viel zu viel. Nur, damit Sie wissen, mit wem Sie’s zu tun haben (Kramt in seiner Tasche, holt ein altes Handy heraus, legt es auf den Tisch): Das ist mein Handy. Ich bin ein Smartphone-freier Mensch und würde mich freuen, wenn alle, mit denen ich abends zusammenhocke, auch nur so ein Ding hätten, um ihre Großhirnrinde zu befeuern. Sich gemeinschaftlich auf die Suche nach einem Begriff zu machen, ist doch viel interessanter, als dazu eine anonyme Suchmaschine zu verwenden, die einem im Zweifel ja nichts anderes anbietet als irgendeinen Wikipedia-Eintrag. Als es noch kein Google gab, sind wir doch während des Abendessens auch nicht an den Bücherschrank gegangen. Sondern nur dann, wenn wirklich die gesamte Hirnleistung, die am Tisch saß, nicht mehr gereicht hat – oder man sich gestritten hat. Das finde ich schon sehr schade, dass da Gespräche einfach abgebrochen werden.

Die Gefahr des Internets ist auch, Falschnachrichten auf den Leim zu gehen. Wie kann ich als Normalsterblicher gesicherte Informationen finden?

Lesch: Das ist die Frage schlechthin, weil man einer Homepage nicht ansieht, ob sie seriös ist oder nicht. Ich empfehle www.scinexx.de, das ist für mich als Wissenschaftsjournalist die zentrale Informationsquelle. Dort werden begutachtete Artikel veröffentlicht. Es geht da eben nicht um irgendwelche Schlagzeilen – im Netz kann die ja jeder Krethi und Plethi formulieren.

Die formulieren es aber klar und deutlich – eine Wissenschaftsseite ist für Laien doch oft gar nicht verständlich?

Lesch: In dem Fall empfehle ich die klassische Tageszeitung. Allen Anfeindungen zum Trotz: Ich kenne keine Zeitung in Deutschland, die Mist veröffentlicht. Ich halte große Stücke auf meine Kollegen im Journalismus. Es gibt natürlich schwarze Schafe. Wie heißt es im „Brandner Kaspar“? „Das Paradies, das ist wie bei uns, nur ohne Deppen.“ (Lacht.) Deppen gibt’s offenbar überall. Doch man kann eine sehr lange Liste mit Zeitungen machen, auf die man sich in Deutschland verlassen kann, orientiert an der Frage, ob sie jemals dazu verdonnert worden sind, Gegendarstellungen zu veröffentlichen. Trotzdem hört man plötzlich wieder Begriffe, die man ansonsten nur aus der nationalsozialistischen Zeit kannte – „Systemmedien“, „Lügenpresse“. Da muss man sich fragen: Woher kommt eigentlich dieses totale Misstrauen uns gegenüber?

Was glauben Sie, woher es kommt?

Lesch: Ich weiß es nicht, ich weiß es wirklich nicht. Das ist ja auch nicht schlagartig gekommen, anscheinend grummelt das die ganze Zeit schon. Viele haben zwar keine Ahnung, aber sie wissen: „So ist es ganz bestimmt nicht!“ Leider gibt es Menschen, die nur noch Meinung haben, ohne dass es Fakten gibt, an denen sie diese Meinung festmachen könnten.

Stichwort: Verschwörungstheorien. Damit haben Sie auch häufig in Ihrer Sendung zu tun.

Lesch: Gerade was Verschwörungstheorien betrifft, muss man schlicht sagen, dass diejenigen, die sie glauben wollen, sie immer glauben werden – die wird man auch nicht vom Gegenteil überzeugen. Man kann aber versuchen, sie mit so einer Art Logik-Judo zu besiegen. Also den Schwung des Gegners zu nehmen und die Absurdität seiner Theorien dazu verwenden, ihn aufs Kreuz zu legen. Und trotzdem werden sie dann immer sagen: „Ja, du gehörst ja auch zu dieser Verschwörung, du bist ja auch einer von denen!“

Gab’s welche, die Sie dann doch im gedanklichen Judo auf die Matte bringen konnten?

Lesch: Ja, durchaus. Und das sind auch diejenigen, die mich interessieren. Die, die so an der Kante stehen, die sagen: „Ja, weiß nicht so genau, könnte es nicht auch sein, dass?“ Die zu erwischen, das ist mein Ziel. Die orthodoxen Verschwörungsfreaks, die erreicht man schon lange nicht mehr. Zumal die sich selber immer absichern in ihren Blogs und Zirkeln, die es im Internet gibt, wo sie sich gegenseitig auf die Schulter klopfen und sagen: „Wir wissen genau, wo’s langgeht.“

Nun folgt die 100. Sendung: Was waren die schönsten Erkenntnisse, die Sie selbst in all der Zeit gewonnen haben?

Lesch: Die interessantesten Themen sind für mich die, die am weitesten von dem entfernt sind, mit dem ich mich sonst als Wissenschaftler befasse. Wo es um Psychologie geht und um sozialwissenschaftliche Themen. Um Geld oder die Liebe. Oder Hass. Paradoxerweise habe ich übrigens die meisten Hassmails als Reaktion auf ein Youtube-Video erhalten, in dem ich mich mit der Frage auseinandergesetzt hatte, wie Hass entsteht. (Lacht.) Ich bin außerordentlich dankbar, dass wir davon weggegangen sind, nur schwarze Löcher und fremde Galaxien zu beleuchten. Das ist zwar interessant, aber für die Zuschauer wenig relevant. Jetzt leitet uns immer die Frage: Was hat das, was in der Wissenschaft herausgefunden wurde, mit unserem Alltag zu tun, wo schlägt sich das denn nieder?

Macht das den Erfolg der Sendung aus, dass man was fürs Leben mitnimmt?

Lesch: Genau, und wo man auch mal überrascht wird. Wie bei der Zucker-Sendung, die jetzt kommt. Ich bin mal gespannt, wie viele nach der Sendung bei ihrem nächsten Einkauf denken: Wo ist denn jetzt der Zucker versteckt? Das fängt ja schon vorne an: Man kommt in die Gemüseabteilung, zu den Smoothies, die ja schön gesund aussehen – mit Unmengen an Fruchtzucker, und das ist leider Gottes überhaupt nicht so gut, wie man glaubt. Im Grunde sind wir also Aufdeckungsjournalisten. Das macht einen Heidenspaß!

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