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Harald Schmidt schließt eine Rückkehr ins frei empfangbare Fernsehen aus.

Harald Schmidt: "Mich interessiert nur Late-Night"

München – Moderator Harald Schmidt will nie mehr zurück ins frei empfangbare Fernsehen. „Das kann ich eigentlich ausschließen“, sagte er unserer Zeitung.

Harald Schmidt wirkt erholt. Statt Anzug mit Krawatte, wie sonst üblich, trägt er Jeans und einen dunkelblauen Pullover. Er empfängt im Hotel Intercontinental direkt am Berliner Bahnhof Zoo, 14. Stock, fantastischer Blick auf Tiergarten, Regierungsviertel, Fernsehturm. Hier oben macht der 55-Jährige Werbung für seine neue Show. Eigentlich ist es seine alte Show, aber auf einem neuen Sender. Ab nächsten Dienstag läuft wieder die „Harald Schmidt Show“, drei Mal pro Woche – zumindest für die Abonnenten des Bezahlsenders „Sky“. Berufszyniker Schmidt wechselte nach seinem Rauswurf bei Sat 1 im Mai hierher. Jetzt setzt er sich in eine Ecke des schwarzen Ledersofas.

Herr Schmidt, hat sich Ihr alter Weggefährte Herbert Feuerstein schon bei Ihnen bedankt?

Nein, wofür?

Er hat im „Spiegel“ mit Ihrem Ex-Mitarbeiter Manuel Andrack gewettet, dass Sie binnen eines Jahres wieder eine neue Sendung haben werden. Diese Wette hat er jetzt gewonnen.

Ach so. Nein, ich habe ihn schon lange nicht mehr gesprochen. Es ging bei der Wette ja am Ende auch nur noch um die Ehre und doch nicht, wie erst vorgeschlagen, um eine Eigentumswohnung. Ich habe das bedauert. Wer Stil hat, haut bei so einer Gelegenheit schon mal eine Eigentumswohnung auf den Kopf.

Feuerstein vermutete, dass Sie die neue Sendung wegen eines „biblischen Fluchs“ machen: Sie könnten nicht aufhören.

Das hat mir wahnsinnig gut gefallen, und ich habe mich geärgert, dass mir diese Formulierung nicht selbst eingefallen ist. Das hat so etwas von Hiob oder Sisyphos. Beim „Münchner Merkur“ kann ich so was ja noch sagen, bei anderen Blättern würden die Leser diese Namen für neue Autos aus Japan halten.

Schmidts beste Sprüche - eine Auswahl

Harald Schmidts beste Sprüche - eine Auswahl

Hat er Recht? Können Sie nicht aufhören?

Ich beobachte gerne und freue mich, wenn ich Gelegenheit habe, diese Beobachtungen zu verarbeiten. Insofern möchte ich gar nicht aufhören.

Viele sagen, Sie hätten den Spaß an Ihrer Sendung längst verloren.

Das wird mir unterstellt, dagegen kann ich nichts machen.

Sie könnten es geraderücken.

Aber dann begibt man sich in so eine Rechtfertigungsecke. Jetzt wird halt eine Zeit lang geschrieben, ich hätte keine Lust mehr. Das hört auch wieder auf – oder eben nicht.

Sie haben gesagt, dass Sie keine Ziele mehr haben. Dann muss man sich doch fast langweilen, oder?

Nein, sondern man lässt den Tag so auf sich zukommen. Da gibt es einen guten Satz in einem Buch von Ian McEwan. Da sagt die Hauptfigur, ein Nobelpreisträger der Physik: „Warum nicht das Leben in einem Taumel aus Sex und Stumpfsinn an sich vorüberziehen lassen?“ Ist doch eine Top-Haltung. Aber nennen Sie mir doch ein paar Ziele, dann sage ich Ihnen, ob das was für mich wäre.

Es gibt doch immer noch höhere Ämter. Papst, Bundeskanzler. . .

Nein, das ist ausgeschlossen. Wenn ich jemals dran gedacht habe, in die Politik zu gehen, war ich absolut kuriert, als ich diesen Filmschnipsel gesehen habe, auf dem der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein als FDP-Kandidat auf einem Kinderspielplatz in Paderborn Tretroller fährt. Das passiert, wenn man glaubt, nur weil man in einem Bereich etwas erreicht hat, könnte man das auf die Politik übertragen.

Im Fernsehen können Sie nichts mehr erreichen?

Ich habe eine Eurovisionsshow gemacht, eine Quizshow, ich mache eine Late-Night-Show, ich habe in Spielfilmen und im „Traumschiff“ mitgespielt, ich war Gast in irgendwelchen ZDF-Vorabendserien. Sagen Sie mir, was ich noch machen soll.

Wenn Sie sich bei Ihrer Show nicht gelangweilt haben, warum haben die Zuschauer dann nicht mehr eingeschaltet bei Sat 1?

Das müssen Sie die Zuschauer fragen.

Haben Sie sich das nie gefragt?

Nein. Das wäre ja die Haltung eines SPD-nahen Redakteurs einer ZDF-Vorabendsendung, die Sinnfrage zu stellen. Wir steigen nicht unter dem Niveau von Samuel Beckett ein: scheitern, wieder scheitern, besser scheitern. Die Sinnfrage stellt sich überhaupt nicht.

Vielleicht ist der Wechsel zu Sky auch einfach bequem. Wenn dort niemand zuschaut, liegt das nicht an Ihnen, sondern an der Bezahlschranke . . .

Sie werden von mir keinen Satz finden, in dem ich eine Rechtfertigung oder gar eine Entschuldigung für Zuschauerzahlen ausspreche. Wenn ich am Dienstag in meinem Studio in diese Show reingehe, hat sich für mich seit 17 Jahren nichts verändert. Und die Leute von Sky werden schon wissen, welchen Stellenwert sie der Show zubilligen und was sie davon erwarten.

Haben Sie den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören schon verpasst?

Sicher nicht, weil es keinen richtigen Zeitpunkt zum Aufhören gibt. Dann sitzen Sie im Straßencafé und brauchen einen Wehrlosen, dem Sie sagen können: Ich habe übrigens rechtzeitig aufgehört.

Sie könnten doch statt der neuen Sendung einfach um die Welt reisen.

Öde! Hab’ ich schon gemacht, absolut öde.

Kehren Sie irgendwann ins frei empfangbare Fernsehen zurück?

Das kann ich eigentlich ausschließen. Mit Sicherheit wird es kein Sender mehr wagen, eine Late-Night-Show ins Programm zu nehmen – und mich interessiert nur Late-Night. Vielleicht werde ich mal eine Opernübertragung machen oder, wenn es sich zeitlich ergibt, noch mal aufs „Traumschiff“ gehen. Aber ich gehe sicher nicht mehr irgendwohin, wo die Sklaven in diesen Gruppen-Talkshows sitzen.

Nervt Sie eigentlich der Abgesang auf Sie, der gerade stattfindet?

Ich nehme das nicht wahr. Wir leben im totalen Medienwahnsinn, wenn ich mir die Internet- und Smartphone-Versklavung anschaue. Da kann eigentlich jeder sagen, was ihm gerade so einfällt.

Machen Sie bei dem Wahnsinn mit Smartphone, Facebook, Twitter mit?

Nein. Ich lebe davon, dass ich Witze erzähle und irgendjemand dafür bezahlt. Warum sollte ich etwas gratis bei Facebook oder Twitter reinstellen?

Deshalb auch der Wechsel zum Bezahlsender?

Hundertprozentig. Ich muss mir nicht mehr anhören: Das sind Gebührengelder, die da verschleudert werden. Das ist jetzt die Entscheidung eines Abonnenten, der sagt: Dafür bezahle ich. Seriöser und fairer geht es gar nicht mehr.

Abonniert jemand wegen Ihnen Sky?

Das wüsste ich gern, das wird mir die Marktforschung Anfang nächsten Jahres sagen.

Waren Sie vor Ihrem Wechsel Sky-Abonnent?

Nein.

Haben Sie nun ein Abo?

Natürlich. Und da die Frage jetzt sowieso kommt: eines für 66 Euro.

Pro Monat?! Also das komplette Paket, oder?

Alles. Fußball, Filme, Serien.

Nutzen Sie das denn, schauen Sie viel fern?

Ich schaue fern, aber nur Fußball.

Bei den Fernseh-Dinosauriern tut sich viel: Schmidt geht zu Sky, Gottschalk zum „Supertalent“, nur Jauch ist bei seinem ARD-Talk ganz gut untergebracht . . .

Schöne Formulierung: ganz gut untergebracht.

Hätten Sie sich auch ins „Supertalent“ gesetzt?

Nein, weil mich das Format nicht interessiert. Ich zappe da ab und zu mal rein, aber es reizt mich nicht.

Darf man für eine neue Show wie das „Supertalent“ das Niveau über Bord werfen?

Welches Niveau? Da sind wir im Bereich der Interpretation.

Naja, bei „Wetten dass. . .?“ tritt niemand auf, der sein Talent darin sieht, seiner Lebensgefährtin Spaghetti vom Bauch zu essen. . .

Nö, aber man sieht Österreicher, die Wärmflaschen aufblasen. Wie gesagt: Das ist Interpretation.

Sie haben mit „Verstehen Sie Spaß?“ eine Samstagabendsendung moderiert. Warum reizt Sie die große Bühne nicht mehr?

Ja, das war auch die beste Phase von „Verstehen Sie Spaß?“ – da sind sich alle einig. Aber ich habe mich dann vom Volk abgewendet und der Elite zugewandt. Haben Sie den Satz wörtlich? Ah ja, Sie nehmen das alles auf.

Bei Sky haben Sie sieben wechselnde Sidekicks, die Ihnen Vorlagen liefern. Warum setzen Sie nicht mehr auf einen einzigen Partner?

So ist es abwechslungsreicher. Vielleicht entwickelt sich daraus aber auch mal ein ständiger Partner.

Zu Zeiten von Feuerstein und Andrack hat das Zusammenspiel mit einem einzigen Partner aber doch sehr gut funktioniert.

Feuerstein war kein Sidekick, er war der Mastermind. Ohne Feuerstein hätte ich gar nicht gewusst, was eine Late-Night-Show ist. Feuerstein war der geistige Lenker. Das war eine völlig andere Position als die, die Andrack hatte.

Gemeinsam haben beide, dass sie nicht mehr gut über Sie reden.

Habe ich zum einen nicht so empfunden. Und zum anderen mache ich einen großen Unterschied zwischen den beiden.

Welchen?

Feuerstein ist ein brillanter Kopf und Andrack ist – Andrack. Ich bin ein großer Freund der Meinungsfreiheit, jeder kann sagen, was er will.

Die beiden haben gesagt, Sie seien faul, unmenschlich, sie haben Sie mit einem afrikanischen Diktator verglichen.

Das halte ich für diplomatischen Jargon auf der Führungsebene der UNO.

Was machen Sie bei Sky anders?

Nichts. Das sollten Sie beim „Münchner Merkur“ wissen: In Zeiten der ständigen Veränderung ist es wichtig, dass man Konstanz und Werte vermittelt. Und: Konservativsein heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren.

Die Auswahl der Gäste für die erste Sendung wirkt sehr verkopft: Eine Pianistin, eine Cellistin. . .

Weltklasse, bitte. Beide.

Früher haben Sie auch mal einen Schauspieler eingeladen, der Zuschauer anzieht. Wird’s künftig bei Ihnen nur noch klassisch zugehen?

Nein, aber ich wende mich an ein Publikum, das sich im vergangenen Jahr 32 Millionen mal Theater- und Konzertkarten gekauft hat – und in Fußballstadien geht. Da gibt es eine große Schnittmenge.

Ist die Zielgruppe der intellektuelle Fußballfan?

Meine Zielgruppe sind Abonnenten.

Aber Sie müssen doch eine Idee haben, für wen Sie die Sendung machen.

Das haben die bei „Wetten dass. . .?“ doch auch nicht. Wenn man sich vorstellt, wer da zuschaut, wird man mit Heulkrämpfen in die Ecke geschleudert. Das würde ich keinem empfehlen, sich 15 Millionen Zuschauer vorzustellen.

Aber Sie müssen sich doch überlegen, wen Sie erreichen wollen.

Da denke ich völlig anders. Sie glauben doch nicht, dass Mozart sich überlegt hat, wen er erreichen will. Da sagte der Fürst: Wolfi, komponier! Und unterm Flügel lag die Cousine.

Also, das ist die Liga: Mozart, Goethe, Schmidt?

Und zwar bitte in dieser Reihenfolge – sonst wird es mir als Größenwahn ausgelegt.

Wie lange machen Sie noch Late-Night?

So lange ich einen Auftraggeber habe. Ich muss das ja irgendwie finanzieren.

Sagt Ihre Frau mal: „Harald, mach doch Schluss“?

Mit dem Leben, mit ihr oder mit der Show?

Mit der Show.

Das verrate ich Ihnen jetzt exklusiv: Meine Frau und ich reden überhaupt nicht über den Beruf. Null. Ich weigere mich, auf die Meinung von Ehe- oder Lebenspartnerinnen zu hören. Woher soll da die Kompetenz kommen?

Das Interview führte Philipp Vetter

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