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Verurteilt, weil ein Polizist nicht der Täter sein durfte? Harry Wörz (Rüdiger Klink, r.) versteht die Welt nicht mehr.

Drama um Justizskandal

Harry Wörz: ARD gelingt erschütternder Film 

München - Der ARD ist mit "Unter Anklage – Der Fall Harry Wörz" ein erschütternden Fernsehfilm über einen realen Justizskandal gelungen. Der betont emotional angelegte Streifen verfehlt seine Wirkung nicht.

Er beschwor verzweifelt seine Unschuld am Mordversuch an seiner Ex-Frau, doch die Justiz glaubte ihm nicht. Viereinhalb Jahre verbrachte Harry Wörz hinter Gittern, insgesamt 13 Jahre musste der Bauzeichner aus der Gegend von Pforzheim (Baden-Württemberg) um seinen Freispruch kämpfen. Man warf ihm vor, am 29. April 1997 seine von ihm getrennt lebende Ehefrau – eine Polizistin – mit einem Schal brutal stranguliert zu haben. Durch den Sauerstoffmangel erlitt sie eine irreparable Schädigung des Gehirns und ist seitdem ein Pflegefall.

Sohn distanziert sich noch heute von Harry Wörz 

Erst im Jahr 2009 sprach das Landgericht Mannheim Harry Wörz von jeglicher Schuld frei. Rechtskräftig wurde dies durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs eineinhalb Jahre später. Doch noch immer distanziert sich sein Sohn von ihm, noch immer hat Wörz vom Staat keine vollständige finanzielle Entschädigung erhalten. Einseitig geführte Ermittlungen, die von vornherein andere als Täter ausschlossen, verwechselte Akten und verschwundene Beweismittel, Beleidigungen durch Polizisten – das alles prägte den Leidensweg des 1966 geborenen Mannes, der sich lange kaum zu wehren wusste.

Mit einem Themenabend hat sich nun der Südwestrundfunk (SWR) der Causa angenommen. Unter dem Titel „Unter Anklage – Der Fall Harry Wörz“ zeigte die ARD am Mittwoch um 20.15 Uhr den erschütternden Fernsehfilm von Regisseur Till Endemann, der auch Co-Autor ist. Anschließend wurde ab 21.45 Uhr bei „Anne Will“ über Justizirrtümer diskutiert. Im Film fesseln Rüdiger Klink („Das geteilte Glück“) als Justizopfer Harry Wörz und der Stuttgarter "Tatort"-Kommissar Felix Klare als dessen langjähriger engagierter Anwalt Dr. Hubert Gorka als ungleiches Männerduo.

Film über den Fall Harry Wörz ist betont emotional angelegt

„Die Stärke des Rechtsstaats sollte sich auch darin beweisen, dass Fehler korrigiert werden können und mit den Opfern dieser Fehler angemessen umgegangen wird“, wird SWR-Fernsehdirektor Christoph Hauser zitiert. Zu einer entsprechenden gesellschaftlichen Sensibilisierung wollen die Fernsehmacher offensichtlich beitragen. Ausgiebige Recherchen in Gerichts- und Anwaltsakten sowie Gespräche mit Wörz ergaben das realitätsnahe Faktengerüst samt authentischer Dialoge für den Film.

Hier können Sie "Der Fall Harry Wörz" in der ARD-Mediathek sehen

Dabei ist der betont emotional angelegt. Kameras, die den Beteiligten sehr nah rücken, viel kaltes Licht und der eindringlich verkörperte Kampf zweier Aufrechter gegen empörende Unkorrektheiten verfehlen ihre Wirkung nicht. Eltern und Freunde, die zu Harry Wörz halten, sorgen für den tröstenden Kontrast zu den kaum glaublichen Fehlleistungen bei Polizei und Justiz.

Harry Wörz: "Für mich ist das Pack, richtiges Pack"

Aber warum die Hatz auf den unbescholtenen Bauzeichner, der gleich am Morgen nach der Tat von einem Riesenaufgebot schwerbewaffneter Polizisten mit Hunden zu Boden gestreckt wurde? Schließlich hatten etwa sowohl der Vater von Wörz’ Frau als auch deren damaliger Geliebter zunächst Verdacht erregt. Beide arbeiteten jedoch bei der Polizei. Hinweisen auf eine mögliche Täterschaft wurde konsequent nicht nachgegangen. Hackte da vielleicht einfach nur eine Krähe einer anderen kein Auge aus? Oder gab es andere Motive, die Suche nach dem Täter auch nach Harry Wörz’ Freispruch nicht wieder aufzunehmen?

Sehr nachvollziehbar verbittert sagte der arbeitslose Mann , der inzwischen neu verheiratet und Vater einer kleinen Tochter ist, aber Kopf und Herz nicht freibekommt von den Schrecken der Vergangenheit, bei einer Pressevorführung des Fernsehfilms in Hamburg über einige ihm bekannte Vertreter der Staatsgewalt: „Für mich ist das Pack, richtiges Pack.“

Von Ulrike Cordes

Spektakuläre Fehlurteile

Laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts saß der Nürnberger Gustl Mollath (57) jahrelang rechtswidrig in der Psychiatrie. Gutachter hatten ihm „Wahnvorstellungen“ attestiert und ihn als gemeingefährlich eingestuft. Mollath selbst sieht sich als Opfer eines Komplotts, weil er Schwarzgeldgeschäfte seiner Ex-Frau aufgedeckt habe.

In einem Wiederaufnahmeverfahren sprach das Landgericht Kassel im Jahr 2011 den inzwischen verstorbenen früheren Lehrer Horst Arnold aus dem hessischen Aschbach frei. Wegen angeblicher Vergewaltigung einer Kollegin hatte er fünf Jahre gesessen. Das Landgericht Darmstadt verurteilte das angebliche Vergewaltigungsopfer 2013 wegen Freiheitsberaubung zu fünfeinhalb Jahren Haft.

Weil ein Gutachter ihn auf dem Fotoeiner Überwachungskamera anhand seiner Ohren „eindeutig“ als Täter identifizierte, musste Donald Stellwag (56) aus Fuchsstadt (Unterfranken) für einen Bankraub, den er nicht begangen hatte, acht Jahre hinter Gitter. Von der Entschädigung in Höhe von 30.000 Euro wurden 10.500 Euro für die Gefängnisverpflegung einbehalten.

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