Viele Menschen sind auf die Münchner Tafel angewiesen, um genug Essen zu haben. 
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Viele Menschen sind auf die Münchner Tafel angewiesen, um genug Essen zu haben. 

Wie gerecht ist das System?

ZDF-Doku über Hartz IV - Sprecher der Münchner Tafel: „Ich finde das beschämend“

  • Astrid Kistner
    vonAstrid Kistner
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Genug zum Leben? Die gleichnamige ZDFinfo-Doku stellt Hartz IV kritisch auf den Prüfstand und lässt Experten, Betroffene und Politiker zu Wort kommen.

München . Volle Fußgängerzonen, Gedränge auf den Weihnachtsmärkten – Deutschland taumelt derzeit im Konsumrausch. Ein Glühwein für 4,50 Euro? Für Alena Kleine undenkbar. Die ­alleinerziehende Mutter lebt wie 4,2 Millionen weitere Bundesbürger von Hartz IV. Ihr Tagesbudget für Essen und Trinken liegt bei 4,82 Euro. 

Doku auf ZDFinfo: Kann man mit Hartz IV ein menschenwürdiges Leben führen?

„Mit Hartz IV hat jeder das, was er zum Leben braucht.“ Ein Satz, mit dem CDU-Politiker Jens Spahn im Frühjahr 2018 massive Proteste auslöste. „Nur weil man nicht verhungert heißt das nicht, dass man auch noch am sozialen Leben teilnimmt“, kritisiert Ulrich Schneider vom Paritätischen Wohlfahrtsverband im Film. Er bezweifelt, dass man mit Hartz IV ein menschenwürdiges Leben führen kann. 

Video: Paul Breitner hilft bei der Münchner Tafel

Das Modell, das der ehemalige VW-Personalvorstand Peter Hartz 2002 erarbeitet und die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder schließlich verabschiedet hat, spaltet die ­Nation – in arm und reich. Der Druck auf Arbeitslose ist mit der Reform vor 16 Jahren gewachsen, der Niedriglohnsektor explodiert. Wer Unterstützung vom Staat braucht, hat mehr Pflichten, wird schärfer kontrolliert und gegebenenfalls auch sanktioniert. 

(Lesen Sie auch: Reiches Bayern? Mehr als 250.000 Kinder und Jugendliche von Armut bedroht)

Aktuell stehen einem erwachsenen Hartz IV-Empfänger 416 Euro monatlich zur Verfügung. „Wir haben schon 2002 einen Grundsicherungsbetrag von 511 Euro gefordert“, stellt der heute 77-jährige Peter Hartz in der ­Doku klar. Die Bundesregierung entschied sich aber für einen deutlich niedrigeren Betrag. Dabei legt das Arbeitsministerium die Bedürfnisse fest: Essen und Trinken, Kleidung, Hygieneartikel, Reise-, Gesundheits- und Haushaltskosten. Für die Ernährung sind derzeit 144,86 Euro im Monat vorgesehen, Kleidung wird mit 36,41 Euro veranschlagt und Hygieneartikel mit 15,79 Euro. 

Alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin legt für ZDF-Doku ihre Finanzen offen

Das reicht „gerade für das Nötigste“, wie die alleinerziehende Alena ­Kleine bestätigt. Im Film legt sie ihre Finanzen offen: Zu ihrem Hartz-IV-Satz kommen der Regelbedarf für ihren kleinen Sohn (240 Euro), Miete (300 Euro), Nebenkosten (70 Euro), Warmwasser-Mehrbedarf (11,49 Euro) und der Mehrbedarf für Alleinerziehende (149,76 Euro) dazu. Das ergibt einen Anspruch von 1187,25 Euro. Doch Alena hat auch Einkommen, das von dieser Summe wieder abgezogen wird: Kindergeld (anteilig 133,08 Euro), ­Elterngeld (anteilig 160,40 Euro), der Unterhalt des ­Vaters (366 Euro) und eine Versicherungspauschale (30 Euro). Damit beläuft sich ihr Anspruch am Ende auf 497,77 Euro. Ein Betrag, bei dem ein Schwimmbad-, Kino- oder Zoobesuch kaum drin sind. 

Sprecher der Münchner Tafel in der ZDF-Doku: Armut zieht sich durch alle Bevölkerungsgruppen

Etwa 33 Prozent aller Alleinerziehenden sind von Armut bedroht. Ohne die ­Tafeln, die ehrenamtlich ­Lebensmittel an Bedürftige verteilen, würden viele nicht über die Runden kommen. Das weiß auch Harald Ulrich von der Münchner Tafel. „Die Zahl unserer Gäste steigt ständig an“, sagt der Helfer im Film. „Und dabei sehen wir, dass die Armut sich durch sämtliche Bevölkerungs- und Altersgruppen zieht. Ich finde das beschämend.“ 

„Genug zum Leben?“, Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDFinfo

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