+
Senta Berger als TV-Polizistin Prohacek (mit Ilian Kiskinov als Ilian) in „Unter Verdacht“.

Hauptkommissar nimmt sich "Unter Verdacht" vor

Was er "Schwachsinn" findet: Echter Polizist spricht über TV-Krimis

  • schließen

München - Hauptkommissar Peter Burghardt spricht über echte interne Ermittlungsarbeit, von der die ZDF-Reihe „Unter Verdacht“ erzählt.

Nein, Peter Burghardt steht nicht einfach so im Garten eines Tatverdächtigen. Spontan vorbeifahren, klingeln und ein bisschen ratschen? Der Erste Kriminalhauptkommissar lacht. „Unmöglich!“ Die besonders einfühlsame Vernehmungsarbeit von Eva Maria Prohacek (Senta Berger) in der Serie „Unter Verdacht“, die Zeugen und Täter auf eigene Faust befragt und dabei vor allem ihrem Bauchgefühl folgt, ist leider nicht ganz realistisch. An diesem Samstag zeigt das ZDF um 20.15 Uhr die 25. Folge der beliebten Reihe. Angesichts des Jubiläums bietet es sich an, einmal einen echten internen Ermittler zu fragen, wie viel Wahrheit in den Krimis mit der gebürtigen Österreicherin steckt.

Peter Burghardt ist Hauptkommissar beim LKA.

Burghardt ist dafür der richtige Gesprächspartner. Seit dreieinhalb Jahren leitet er die damals frisch gegründete interne Ermittlungs-Dienststelle im Bayerischen Landeskriminalamt (LKA). Er und seine 14 Mitarbeiter sind verantwortlich für ganz Südbayern. Und da ist er schon, der Unterschied zwischen Fernseh-Fiktion und Realität. „Wir ermitteln ausschließlich gegen Polizeibeschäftigte“, betont Burghardt. Sein Team legt los, wenn Polizisten im Rahmen ihrer dienstlichen Tätigkeit in den Verdacht geraten sind, eine Straftat begangen zu haben. Während ZDF-Frau Prohacek sämtliche Amtsträger – von der Politesse über Kommissare bis hin zu Staatsanwälten und Ministern – ins Gebet nimmt, sind die Zuständigkeitsbereiche der internen Ermittler in Bayern in Wahrheit fein säuberlich aufgeteilt. „Ob das jetzt Ermittlungen gegen einen Lehrer sind oder einen Müllfahrer – gegen alle Amtsträger im weitesten Sinne ermittelt eine eigene Dienststelle“, erklärt der Experte. Seit 2013 ist das LKA für die Polizeibeschäftigten zuständig. Vorher hatte diese Aufgabe ein internes Ermittlerteam der Polizei übernommen. Doch dann gab es den Fall Theresa Z.; die junge Frau, die von einem Beamten krankenhausreif geschlagen wurde. Es wurde ein Auftrag für die internen Ermittler. Aber: Der besagte Polizist unterstand dem Münchner Polizeipräsidenten – genau wie die Einheit, die gegen ihn ermitteln sollte. „Das passte nicht. Deshalb wurde eine neue Einheit beim LKA installiert. Um das neutraler zu halten“, erklärt Burghardt.

Rund 1100 Delikte gilt es im Jahr für sein Team zu bearbeiten. Ein Drittel davon sind Körperverletzungen im Amt. Beispiel: Ein Einsatz, es kommt zur Festnahme, der Beschuldigte wehrt sich beim Anlegen der Handfesseln – es bleiben Hautabschürfungen, blaue Flecken. Der Mann zeigt die Beamten an. „Klar, das ist sein Recht. Es ist jemand körperverletzt worden“, sagt Burghardt, der den Vorfall dann auf den Tisch bekommt. Seine Sachbearbeiter prüfen, was passiert ist, ob es Zeugen gab, Überwachungsvideos. Die für das LKA erfreuliche Statistik: In der großen Mehrheit der Fälle sind die Anschuldigungen gegenüber den Kollegen haltlos. Doch klar, auch bei der Polizei gibt’s unter bayernweit insgesamt rund 40 000 Mitarbeitern ein paar schwarze Schafe.

Zweites großes Thema: Datenschutzverstöße, Verrat von Dienstgeheimnissen. Da kommt’s schon mal vor, dass ein Beamter eine hübsche Frau im Auto sieht, sich das Kennzeichen notiert – um dann im Computer auf dem Revier ihre Daten abzufragen. Der Kriminalhauptkommissar schüttelt den Kopf. „Für mich ist so etwas unfassbar. Das entspricht nicht dem Berufsethos eines bayerischen Polizisten.“ Zumal der betreffende Beamte schnell ausgemacht ist. Denn jede Abfrage, die getätigt wird, wird protokolliert. Wer’s war, gleich mit. Übrigens noch etwas, was in Krimis wie „Unter Verdacht“ generell zu kurz kommt. „Es wird nie was geschrieben!“, platzt es aus dem sonst so ruhig und sachlich sprechenden Ermittler heraus. „Haben Sie schon mal gesehen, dass die irgendetwas schreiben?“ Gespielt genervtes Gesicht. Im wahren Leben wird jeder noch so kleine Vorgang notiert; wird jede Vernehmung protokolliert und dem Aussagenden zur Unterschrift vorgelegt. Überhaupt, die Vernehmungen: „Die hocken dazu in den Krimis immer in so einem dunklen Raum im Lichtkegel einer flackernden Lampe, und irgendwo ist dieser venezianische Spiegel, dass von draußen alle zuschauen können“, sagt Burghardt und muss selber lachen. „Also wir haben einen normalen Vernehmungsraum, der schaut aus wie ein Büro, mit Fenstern. Der sieht nicht so aus, als wären wir schon im Bereich der verbotenen Vernehmungsregeln.“

"Wir würden nie allein einen Hausbesuch machen"

Wenn Burghardt von den Unterschieden zwischen Krimi und Realität erzählt, erkennt man sein komödiantisches Talent. Das gäbe ein hübsches Kabarettprogramm über Polizeiarbeit. Stichwort: Alleingang. Das Spezialgebiet von ZDF-Kommissarin Prohacek. Und für den echten Kommissar ein Graus. „Ich sage nur: Eigensicherung! Wir würden nie allein einen Hausbesuch machen“, betont er. Oder besser noch: Hausdurchsuchungen im Krimi. „Katastrophe! Katastrophe!“, ruft Burghardt. „Da wird eine Wohnung gestürmt, es ist ein Sondereinsatzkommando dabei, voll ausgestattet. Doch wer ist vorne? Die zwei Kriminaler mit Pistole in der Hand, ohne Schutzausstattung. Die machen die Tür auf. Und hinten kommt’s SEK. Völliger Schwachsinn!“

Im echten Leben läuft das freilich umgekehrt: Das SEK sichert die Räume und erst wenn die Luft rein ist, kommen die Kommissare herein. Das wäre für TV-Zuschauer allerdings nicht so spannend. Klar, versteht er. Burghardt freut’s ja, dass es einen Krimi speziell zur internen Ermittlung gibt. Damit die Öffentlichkeit erfährt, dass Amts- keine Kavaliersdelikte sind – und dagegen konsequent vorgegangen wird. „Das muss sauber laufen. Bei uns gibt’s keine Mauschelei.“ Am Samstag wird er auch einschalten, miträtseln – und sich sicher köstlich amüsieren.

Katja Kraft

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mordfall Mirco: Eltern bei ZDF-Vorpremiere mit Heino Ferch
Das Schicksal von Mirco hat vor sieben Jahren bundesweit für Aufsehen gesorgt. Der Junge wurde entführt, ermordet und verscharrt. Jetzt ist der Fall Mirco wieder da: Als …
Mordfall Mirco: Eltern bei ZDF-Vorpremiere mit Heino Ferch
Wegen diesem Foto wirft Netflix Biene Maja aus dem Programm
Die Biene Maja kennt man seit den 70er-Jahren als Kinderserie im TV. Jetzt warf Netflix eine Folge der neuverfilmten Serie aus dem Programm. Der Grund dafür ist …
Wegen diesem Foto wirft Netflix Biene Maja aus dem Programm
Warnstreik beim WDR: Radiomoderatoren von „1Live“ bleiben stumm
Wegen eines Warnstreiks verzichtete der WDR-Sender 1Live in den frühen Morgenstunden eine Stunde lang auf jegliche Redebeiträge und sendete stattdessen nur Musik.  
Warnstreik beim WDR: Radiomoderatoren von „1Live“ bleiben stumm
Wahlabend im TV: Private fassen sich kürzer und bieten Alternativ-Programm
Für manche Sender geht es am Wahlabend um kaum etwas anderes. ARD und ZDF berichten mehrere Stunden am Stück. Andere fassen sich kurz und sind so eine Alternative für …
Wahlabend im TV: Private fassen sich kürzer und bieten Alternativ-Programm

Kommentare