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Seit Mai 2009 auf Sendung: Oliver Welke moderiert die „heute-show“ im ZDF.

Die "heute-Show" und das US-Pendant

München - Die „heute-show“ des ZDF wird immer besser. Und immer beliebter. Trotzdem fehlt noch ein Stück bis zum amerikanischen Vorbild "Daily Show mit Jon Stewart".

Es gibt solche Tage im Leben eines Komikers. Da kann er nur die Hände falten, den Blick gen Himmel richten und Gott danken. Jon Stewart hat das neulich getan. In den USA hat der Wahlkampf begonnen. Seit sich im Jahr 2000 die Entscheidung zwischen George W. Bush und Al Gore zur wochenlangen Hängepartie entwickelte, sind das die Glanzphasen für Stewarts „Daily Show“. Im Jahr 2011 liefert der Vorwahlkampf der Republikaner mehr Stoff, als ein Komiker sich wünschen kann.

Keiner kommt an Jon Stewart (r.) vorbei: Sogar Präsident Barack Obama war in seiner satirischen Nachrichtenshow zu Gast.

Der bisherige Höhepunkt kam, als der Texaner Rick Perry großspurig ankündigte, drei Ministerien abzuschaffen – ihm aber das dritte partout nicht einfallen wollte. Sein 53 Sekunden langes Gestammel beendete er mit einem verzweifelten „Uups“. Jon Stewart spielt die Szene ein, dann faltet er die Hände und blickt nach oben. „Thank you, Jesus.“ Das Publikum grölt, ohne dass Stewart einen einzigen Witz macht.

Dies ist eine Geschichte über die „Daily Show“. Eine Sendung, die das deutsche Fernsehen nicht zeigt, die man aber trotzdem kennen sollte (das Internet macht’s möglich!). Ihr Moderator Jon Stewart ist inzwischen so etwas wie der Harald Schmidt des US-Fernsehens – nur viel politischer. Zwei Mal hat er die Oscarverleihung moderiert, mehr muss man über seinen Stellenwert in der Unterhaltungsindustrie nicht sagen. Die FAZ hat ihn einmal den „Narren am Nachrichtenhof“ genannt, was ein wenig kurz greift. Denn Stewart meint seinen Spaß verdammt ernst.

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Vier Mal pro Woche tritt Stewart, der früher als Stand-Up-Comedian gearbeitet hat, vor seine Zuschauer. Seit 1999 bereits. Am Anfang stehen zehn Minuten „Nachrichten“, in denen er sich den Absurditäten der US-Politik, vor allem aber der Fernsehsender widmet. „Fox News“, der Kanal des in die Schlagzeilen geratenen Rupert Murdoch, ist Stewarts Lieblingsfeind. Mit objektiver Berichterstattung hat das, was Fox betreibt, wenig zu tun. Stewart zwar auch nicht – aber im Gegensatz zu Fox gibt es das offen zu.

Den zweiten Block bilden Live-Schaltungen zu vermeintlichen Korrespondenten. Absurdes Theater ist das. Mal spätpubertär, mal großartig. Fast immer sehenswert ist der dritte Teil der Show, wenn Stewart Gäste begrüßt. Anders als bei Harald Schmidt kommen zu Stewart nicht nur Moderatorenkollegen zum nichtssagenden Plausch – nein, die erste Riege schaut vorbei. „Bisher ist es für eine deutsche Satire-Sendung undenkbar, dass etwa die Kanzlerin zu Gast sein könnte“, sagt Sebastian Fischer, Korrespondent von „Spiegel“-online in Washington. „Bei Stewart dagegen schlagen als Gäste nicht nur jene Republikaner-Kandidaten auf, über die er noch in den vorhergehenden Sendungen gespottet hat, sondern auch der Präsident.“ Die „heute-show“ nähert sich inzwischen auch hier dem amerikanischen Vorbild an: Rainer Brüderle (FDP) hat sich angesagt.

Dank des Internets findet Stewart seine Zuseher auf der ganzen Welt. Auch in München. „Meine Frau und ich sind begeisterte Fans“, sagt Conrad Tribble. Der US-Generalkonsul an der Isar verpasst fast keine Folge, manchmal schaut er auch vier am Stück. Bestens unterhalten werde er von Stewart „Er ist ein kluger Mann. Ich könnte ihn mir gut als Kommentator in einer seriösen Nachrichtensendung vorstellen – aber er ist einfach zu lustig. Deshalb ist die Welt besser, wenn er als Komiker auftritt.“

Nur: Stewart, der eigentlich Jonathan Stuart Leibowitz heißt und aus New Jersey stammt, muss im Moment gar nicht so lustig sein. Es genügt, wenn er die Sequenzen aus den Debatten der Republikaner vorspielt, und dazu ein verwirrtes Gesicht macht. So absurd sind die Pannen und Peinlichkeiten.

Mehr als zwei Millionen schauen inzwischen zu – vor allem jüngere, gebildetere Schichten. Und sie sehen die Show keineswegs nur als Unterhaltung, sondern als Information. Eine Studie unter Wählern in New Jersey ergab unlängst, dass Stewarts Zuschauer besser über politische Vorgänge Bescheid wissen, als die des Nachrichtensenders „Fox News“.

„Für Leute, die heute studieren, sind die Zeiten von David Letterman und Jay Leno vorbei“, sagt die amerikanische Professorin Wendy Lower, die an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrt. Letterman und Leno waren zu ihrer Studentenzeit die Helden, heute heißt der Talkshow-Guru Stewart. 74 Prozent seiner Zuschauer sind zwischen 18 und 49. „Sie haben genug von den traditionellen Nachrichtenformaten – auch, weil sie diesen tendenziösen Formaten einfach nicht mehr trauen“, sagt Lower. Conrad Tribble sagt: „Die Trennung zwischen Nachricht und Meinung ist in den privaten Fernsehkanälen oft nicht erkennbar.“

Keiner kommt mehr an Stewart vorbei. Schon gar nicht die Politiker. Mit Barack Obama kam erstmals ein amtierender Präsident. Bill Clinton ist Stammgast. John McCain dürfte auf eine zweistellige Zahl an Besuchen zusteuern. Keiner, der etwas werden will, kommt an Stewart vorbei. Und die, die schon etwas gewesen sind, kommen auch.

Vor ein paar Monaten war der ehemalige Verteidigungsminister Donald Rumsfeld zu Gast. Einer, dem Stewart viel zu verdanken hat. Als entscheidendes Mitglied der Bush-Regierung lieferte Rumsfeld über Jahre Steilvorlagen für die Show. Den Irak-Krieg, das „alte Europa“, Abu Ghraib. Rumsfeld hat gerade Platz genommen, da sagt der Gastgeber. „Lassen Sie mich die Spannungen zwischen uns gleich am Beginn aus der Welt räumen.“ Dramatische Pause. „Ich akzeptiere Ihre Entschuldigung.“ Rumsfeld kann nicht anders. Er stimmt ins Gelächter des Publikums ein.

Der Jahresrückblick der „heute-show“

Am Anfang überwog die Skepsis: Kann eine deutsche Variante von Jon Stewart’s „Daily Show“ funktionieren? Noch dazu im ZDF, das bislang nicht gerade als Hort politischer Unkorrektheit aufgefallen ist! Die Antwort: Sie funktioniert. Und inzwischen schauen sogar ein paar Menschen zu.

Schon bei der Premiere am 26. Mai 2009 wurde Oliver Welkes „heute-show“ vom Feuilleton mit freundlichen Kritiken bedacht. Später hagelte es Preise: Dreimal wurde die Show mit dem Deutschen Comedypreis ausgezeichnet, je einmal mit dem Deutschen Fernsehpreis und dem Adolf-Grimme-Preis.

Nur die Hauptzielgruppe, junge Zuschauer unter 49 Jahren, brauchten ein wenig, bis sie das ZDF auf ihrer Fernbedienung fanden. Inzwischen sind die Quoten beachtlich: Die Show erreicht Marktanteile von zehn Prozent. Vor allem aber boomt Welke im Internet. In der ZDF-Mediathek gehört seine Show regelmäßig zu den meistgeklickten Inhalten, auf Facebook verzeichnet sie 69 000 Fans.

Auch im Politbetrieb werden die humorvollen Seitenhiebe inzwischen wahrgenommen. Eines der liebsten Spott-Objekte – Rainer Brüderle von der FDP – hat für den 27. Januar sogar einen Besuch angekündigt. Heute Abend (22.30 Uhr) gibt es die „heute-show“ als Extra-Ausgabe: Der Jahresrückblick dauert 45 Minuten.

Mike Schier

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