Revierkämpfe bleiben nicht aus: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) aus München und seine Dortmunder Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) ermitteln im Jubiläums-„Tatort“ gemeinsam.  Foto: Frank Dicks/WDR
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Revierkämpfe bleiben nicht aus: Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) aus München und seine Dortmunder Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) ermitteln im Jubiläums-„Tatort“ gemeinsam.

Mafia-„Tatort“: Kritik zum ersten Teil der Jubiläumsfolge „In der Familie“

Hochspannung zum Jubiläum

  • Rudolf Ogiermann
    vonRudolf Ogiermann
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Zum 50. Geburtstag der ARD-Krimireihe „Tatort“ sendete das Erste eine Doppelfolge, in der es um die kriminellen Machenschaften der kalabrischen Mafia geht. Der erste Teil spielt in Dortmund, der zweite in München und Umgebung. Eine Kritik zum ersten Teil.

Ein ganz „normaler“ Mord, so etwas wie ein Toter in der Doppelhaushälfte, dazu eine Reihe von Verdächtigen aus Familie und Firma – ein solcher mehr oder weniger konstruierter Fall war den Machern zu banal zum Jubiläum, und auch ein Experimental-„Tatort“ mit Zeitsprüngen und viel Sepia sollte es nicht sein. Die Autoren wählten für ihren Zweiteiler zum 50. Geburtstag der Kultkrimireihe einen Plot, der sich entwickeln kann (und muss), der den Zuschauern die Möglichkeit gibt, die Genese eines Verbrechens nachzuvollziehen.

Eine gute Entscheidung, die dazu geführt hat, dass zumindest aus dem ersten Teil der Doppelfolge „In der Familie“ ein herausragender, dem Anlass angemessener Film geworden ist. Bernd Lange schrieb das Buch (wie auch zum zweiten Teil), Dominik Graf, sozusagen der Spezialist für das organisierte Verbrechen, führte Regie bei dieser fast ausschließlich in Dortmund spielenden, beklemmend realistischen Geschichte einer deutsch-italienischen Familie in den Fängen der ’Ndrangheta.

Fast dokumentarisch geht der vielfach ausgezeichnete Regisseur das Thema an, zeigt die (Observations-)Arbeit der Polizei, aber auch das zunehmend vergiftete Klima im Hause Modica, einem zentralen Umschlagplatz für Drogen. Viel Geld, „Ehre“ und Machismo – eine buchstäblich tödliche Mischung. Grafs naturalistischer Erzählstil (einschließlich langer, untertitelter Dialoge), der auch vor drastischen (Gewalt-)Szenen nicht zurückschreckt, rollt den Spannungsteppich aus, auf dem die Ermittler geradewegs in die Katastrophe taumeln.

Die Zusammenarbeit der Teams aus München und Dortmund wirkt schlüssig, Autor Lange und Regisseur Graf haben die spezifischen Eigenschaften der Figuren perfekt verinnerlicht. Sie zeigen – ein interessanter Kontrast zum Brutalo „Pippo“ (Emiliano De Martino), der seinen Landsmann tyrannisiert – einen Dortmunder Chefermittler Peter Faber (Jörg Hartmann), der aber letztlich ähnlich skrupellos agiert wie der Mann, den er zur Strecke bringen will. Authentisch auch seine Kollegen, allen voran Aylin Tezel als zunehmend zerbrechliche Nora Dalay, der Graf und Lange den verdienten starken Abgang bescheren.

Die Münchner Batic und Leitmayr (Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl) zeigen ebenfalls sofort Präsenz, auch wenn sie auf dem „Betriebsausflug“ von der Isar an die Ruhr nicht die erste Geige spielen. Den Revierkämpfen der Bayern und der Nordrhein-Westfalen widmen Graf und Lange – so viel Spaß muss sein – die eine oder andere Frotzelei. „Kasperl und Seppel“ spottet Faber, Batic kontert mit „Mia san mia“-Hybris: „Ich sag’s mal so: Sie geben sich Mühe.“

Packende Geschichte, plastische Charaktere, gute Darsteller – so geht „Tatort“-Jubiläum! Ob sich dieses Niveau im zweiten Teil halten lässt? Wird schwer... .

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