Der Hochverräter

München - Die Dreharbeiten zu "Hitler vor Gericht", einer ambitionierten Koproduktion von BR alpha und Arte, endeten jetzt in München. Vermutlich im Frühjahr 2009 läuft er im deutschen Fernsehen.

Der Putsch im Bürgerbräukeller ist gescheitert. Der Marsch auf die Münchner Feldherrnhalle mündet in ein Blutbad. Drei Tage später, am 11. November 1923, wird Adolf Hitler wegen Hochverrats verhaftet. Die anschließende Haft auf der Festung Landsberg nutzt Hitler zum Verfassen von "Mein Kampf" - und alles, was danach geschieht, geht ins wohl düsterste Kapitel deutscher Geschichte ein.

Nun endeten die Dreharbeiten zu "Hitler vor Gericht". Regisseur Bernd Fischerauer und Drehbuchautor Klaus Gietinger, Produzent, Redaktion und Team wagten mit diesem Projekt etwas Neues - ein Dokumentarspiel ausschließlich auf der Basis der Prozessakten von 1924. Zwar ist die Verquickung von Dokumentation und Spielszenen seit Guido Knopp und Heinrich Breloer nichts wirklich Neues mehr im deutschen Fernsehen. Spannend aber nach wie vor, betont Regisseur Bernd Fischerauer: "Wir stellen nichts nach und kommentieren auch überhaupt nichts, sondern stützen uns ausschließlich auf die Protokolle des Gerichtsprozesses. Denn eines beweisen die Filme von Knopp, Breloer und Co. doch sehr genau: Es gibt nichts Spannenderes als Dokumen-tarmaterial."

Die Arbeit an "Hitler vor Gericht" sah der Österreicher Fischerauer als seine ganz persönliche Verpflichtung. "Meine Kindheit und Jugend waren von väterlicher Seite her sehr nationalsozialistisch geprägt. Dem wollte ich etwas entgegensetzen." Fischerauer, der direkt erfahren musste, dass es auch nach dem Krieg "noch jede Menge Nazis gab, nur eben nicht mehr öffentlich", hat dieses Projekt für alle gemacht, die gerne einfache Lösungen parat haben. "Dieses ewige ‚Hätte man doch... wollte ich einmal genauer ausführen. Ich wollte zeigen, was für unglaubliche Dinge Ludendorff, Hitler, Röhm und alle anderen im Saal bereits ungestraft sagen durften." Der gescheiterte Putsch und der anschließende Prozess bilden für Fischerauer einen Dreh- und Angelpunkt der deutschen Geschichte: "Was wäre uns alles erspart geblieben in Europa, wenn die Politik der Weimarer Republik damals tatsächlich gegriffen und man die Kerle einfach hingerichtet hätte!"

Der Schweizer Bruno Ganz erklärte nach den Dreharbeiten zu "Der Untergang", er sei froh gewesen, zwischen diese Rolle und sich selbst immer wieder seinen Schweizer Pass schieben zu können. Der 29-jährige Johannes Zirner, Sohn von August Zirner, hat zwar neben dem deutschen auch einen amerikanischen Pass. Doch "ich muss da ohnehin nichts dazwischenschieben. Ich habe eine klare Haltung zu der Figur. Das ist wichtig. Aber mehr ist nicht nötig." Die Rolle Adolf Hitler wäre für jeden Schauspieler reizvoll, das sei gar keine Frage. Gleichzeitig übernimmt man damit aber auch eine große Verantwortung. "Als mich Bernd Fischerauer damals anrief, habe ich sofort zugesagt. Ich musste keine Minute überlegen." Und das, obwohl Zirners Großeltern wegen des Mannes, den der Enkel soeben interpretiert hat, die österreichische Heimat verlassen mussten. "Gerade aus diesem Grund wollte ich die Rolle spielen. Was damals geschehen ist, war schrecklich. Nicht nur für meine Familie. Indem man das Verbrechen genau aufzeigt, versucht man auch, die Wunde zu heilen."

Schwierig war für Zirner, die oft unfreiwillig komischen Äußerungen Hitlers nicht ins tatsächlich Komische abgleiten zu lassen. "Diese Rassentrennungs-Ausführungen von der Feldmaus, die bei der Feldmaus bleibt, und die Hausmaus bei der Hausmaus - da war es sehr wichtig, ernst zu bleiben." Ernst hat sich Hitler nämlich immer genommen. Ernst und wichtig. "Er war ein sehr emotionaler Mensch. Das lässt sich aus den Prozessakten gut herauslesen. Gleichzeitig konnte er aber auch extrem gefühlskalt sein. Nur sich selbst nahm er uneingeschränkt wichtig und neigte immer zum Pathos."

Noch eine Schwierigkeit stellte die Rolle: Wie hat Hitler damals, lange vor seinem Sprechtraining und den angelernten Posen, eigentlich gesprochen? Wie hat er sich bewegt? Bildmaterial von der Zeit vor 1933 gibt es kaum. "Da ist natürlich Fantasie mit drin", bekennt Zirner. "Andererseits ist die Figur so klar definiert. Man weiß genau, wo er herkommt und wo er hingeht. Dadurch ist das Phänomen Hitler schon wieder recht einfach zu greifen."

Fernsehzuschauer können sich vermutlich zum Jahrestag der Urteilsverkündung im Frühjahr 2009 auf Arte, BR und BR alpha ein eigenes Bild davon machen, wie gut Zirner und Bernd Fischerauer den unaufhaltsamen Aufstieg des Adolf Hitler transparent machen.

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