"Ich hänge nicht in der Pathologie rum"

- Als Commissario Brunetti ermittelte er einst im fernen Venedig. Nun ist Joachim Król erneut in die Rolle eines Polizeibeamten geschlüpft. Und sein Revier ist ihm dieses Mal ganz nah: Als Kommissar "Lutter" löst er seine Fälle in Essen und Umgebung, zum ersten Mal morgen im ZDF (20.15 Uhr). Damit betritt der 49-jährige Król Pfade, die er aus seinem wirklichen Leben zu Genüge kennt. Der geborene Herner hat zwar in München in der Otto-Falckenberg-Schule seine Ausbildung absolviert, doch sein Herz schlägt nach wie vor für das Ruhrgebiet.

Lutter ist ein waschechter Ruhrpottler ­ genau wie Sie. Haben Sie die Rolle deswegen angenommen?

Joachim Król: Ja. Ich war sofort Feuer und Flamme. Die Idee hinter Lutter war, mal eine Geschichte zu finden, wo der Weg vom Schauspieler zur Figur ganz kurz ist. Man muss mir nicht sagen: Die reden da so und so ­ das weiß ich. Oder: Du wirst da und da sein ­ das kenne ich. Es gibt ganz viele Vertrautheiten. Und ich glaube, dass das das Spiel für den Zuschauer attraktiv macht.

Ist Lutter wie Sie?

Król: Nicht ganz. Da sind natürlich eine Menge artifizieller Momente. Ich würde als Joachim Król diesen Haarschnitt und diese Jacke tragen. Aber ich würde natürlich nicht mit schlecht gelaunten Kollegen in der Pathologie ’rumlungern. Ich würde aber durchaus sonntags Fußball spielen. Am liebsten wäre ich morgens aufgestanden, in die Dusche und dann sofort ans Set zum Drehen. Ist natürlich Quatsch, man braucht Kostüm und Maske. Aber dieses Gefühl hätte ich gern gehabt, einfach aus der Privatheit in eine Filmwelt überzugehen.

Haben Sie keine Angst, nun in der Schublade "der Ruhrpottler" zu landen?

Król: Sagen wir so: Sollte Lutter nur andeutungsweise Erfolg haben, kann ich mich darauf verlassen, dass es Drehbücher mit diesem Hintergrund regnet. Nach dem "Bewegten Mann" hätte ich auch der "Norbert Brummer vom Dienst" werden können. Aber damit kann ich leben.

Abgesehen von "Schimanski" war das Ruhrgebiet bisher nur selten Kulisse im Fernsehen.

Król: Das stimmt. Lutter findet in einer Gegend statt, die bisher völlig unterrepräsentiert ist, aber einen ganz spezifischen Ton hat. Mit dem trockenen, knappen Humor, den Halbsätzen, dem Unausgesprochenen. Natürlich spielen wir mit Klischees, aber wir heben sie auch auf. Das ist mir wichtig. Mir begegnen heute noch immer eine Menge Vorurteile, wenn mich Leute aus dem Norden oder Süden der Republik besuchen. Deshalb will ich zeigen, dass das Ruhrgebiet auch ganz anders ist.

Lässt sich dieses Ruhgebietlerische denn überhaupt allen vermitteln?

Król: Diese Frage haben wir uns permanent gestellt. Und es gibt sicher Pointen, die nur Insider verstehen. Der Hund namens Lippens zum Beispiel, benannt nach dem berühmten Essener Fußballer Willi Lippens mit den krummen Beinen (lacht). Sowas haben wir drin gelassen, auch, um uns von den anderen abzuheben. Lutter soll einfach ein ganz neuer Wurf werden.

Was ist denn sonst neu an Lutter?

Król: Die zwei Teile, die wir bisher abgedreht haben, sind ganz verschieden. Der erste Teil, "Essen is‘ fertig", ist ein bisschen satirisch überhöht. Der zweite ist viel emotionaler, viel frauenlastiger... So kann man nicht gleich sagen: Das ist die Marke Lutter. Und eben das ist das Spannende: Wir wollen uns die Freiheit lassen, auf die Stoffe zu reagieren.

Vieles wird nur angedeutet: Lutters Vergangenheit, sein Verhältnis zur Staatsanwältin, hinter dem sich offensichtlich mehr verbirgt...

Król: Das ist ja das Schöne: Lutter steckt voller unerzählter Geschichten. Das gibt es meiner Meinung nach viel zu selten im Fernsehen. Denn nichts ist für mich als Schauspieler unbefriedigender, als in Minute 86 den ganzen Film nochmal zusammenfassen zu müssen, damit ihn auch der Letzte versteht.

"Lutter" wurde Ihnen auf den Leib geschrieben.

Król: Ja, das war sehr aufregend. Bei einem Format wie "Tatort" haben die Autoren schon ein Gerüst, an das sie sich halten können. Aber bei uns war alles neu. Jeden Tag saßen wir wieder am Drehbuch und haben rumgebastelt. Wenn so viele Kreative Input leisten, gibt es Widersprüche, jeder weiß es besser. Und in dem Fall dachte ich immer, ich weiß es am besten (lacht). Und sollten wir eingeladen werden, weitere Folgen von Lutter zu drehen, dann werden wir noch viel besser werden.

Das Gespräch führte Melanie Brandl

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