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Sympathie und Antipathie: Model Larissa Marolt (21) ist der heimliche Star in der achten Staffel der Dschungelshow.

Schauen und Lästern

Dschungelcamp: Das sagt die Quote über die Zuschauer

Sydney - Sind Millionen Deutsche Gaffer und Lästermäuler? Was der Quotenerfolg von „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ über das Publikum des RTL-Formats verrät.

Sind Millionen Deutsche Gaffer und Lästermäuler? Eine andere Interpretation lassen die Rekordquoten des Dschungelcamps kaum zu. Schon fünf Mal hat die aktuelle Staffel der RTL-Show „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ bisher die Acht-Millionen-Marke geknackt – das schafft mancher „Tatort“ nicht. Und selbst Klassiker der Fernsehunterhaltung wie „Wetten, dass...?“ stellt das Spektakel in den Schatten.

Am Wochenende verbuchte der Kölner Privatsender mit im Schnitt 7,79 Millionen Zuschauern im achten Durchgang einen Halbzeitrekord, die bisherige Topquote waren 8,37 Millionen Zuschauer (Marktanteil: 34,6 Prozent) am vergangenen Mittwoch (siehe auch Tabelle). Wenn am Abend – immerhin nach 22 Uhr – mehr als ein Drittel der Zuschauer das Urwaldtreiben verfolgt, klingt die Erklärung, es gebe ja Mediatheken und zeitunabhängiges Fernsehen, wie eine Fehleinschätzung.

Dabei hat sich das Konzept seit 2004 kaum verändert. War ein zerkauter Känguruhoden bei der Premiere noch ein Skandal, hat man sich an die Dschungelprüfungen, an Insekten auf den Tellern oder auf Kopf und Schultern der Probanden schon fast gewöhnt. „Das ist aber eh bloß noch Beiwerk“, sagt der Stuttgarter Medienwissenschaftler Franco Rota: „Heute ist es wichtiger, wie sich die Teilnehmer in der Gruppe verhalten.“

Dass die Prominenten nicht prominenter werden, die Zickereien nicht zickiger, ist für den Zuschauer nicht wichtig. Wichtig ist, dass er klar unterscheidbare Charaktere zu sehen bekommt. Die Zicke, der Schönling, der Frauenversteher, der Lebenserfahrene – je größer die Kontraste, desto besser. „Sie bieten dem Zuschauer die Möglichkeit, sich mit dem einen zu identifizieren und vom anderen zu distanzieren“, sagt der Berliner Medienwissenschaftler Jo Groebel: „Die Konflikte, die im Camp aufbrechen, sind sozusagen bereits implantiert, wenn die Gruppe dort ankommt. Der Rest ist Neugier, wie die Geschichte ausgeht.“

Voyeurismus und Häme lassen sich für den Zuschauer außergewöhnlich gut verbinden, wie Rota erklärt. „Das Dschungelcamp läuft im Vergleich zu anderen Trashformaten so erfolgreich, weil es Treppenhauscharakter hat und die Teilnehmer auf uns wirken wie gute Bekannte.“ Jüngere Menschen träfen sich zum Schauen, lästerten gemeinsam und empfänden Schadenfreude, wenn sie Larissa zur achten Prüfung in Folge schicken.

Zudem seien die Kandidaten medial geschult – anders als etwa vor einigen Jahren die meist völlig Unbekannten, die sich in einen „Big Brother“-Container sperren ließen. Beim Dschungelcamp hätten die Teilnehmer Erfahrungen vor der Kamera und auf roten Teppichen gemacht – und seien es nur Auftritte bei Castingshows, Formaten wie „Der Bachelor“ oder das Tingeln durch die Provinz vor mehr oder weniger großem Publikum.

Hinzu kommt die immense Begleitung in den Medien. RTL greift die eigene Sendung hemmungslos crossmedial in seinen eigenen Magazinen auf – mal mit mehr, mal mit weniger seriösem Anstrich. Reichweitenstarke Zeitungen und Internetportale wie „Bild“ und „Spiegel online“ berichten täglich ausführlich. Auch die Einbindung der sozialen Netzwerke habe sich intensiviert, wie die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher beobachtet hat. Bei Twitter beteiligten sich die Zuschauer zeitweise mit 200 Tweets pro Minute. „Hier reproduzieren sich alte Kommunikationsformen des Klatsches mit einem starken Fokus auf moralische Bewertungen des Verhaltens der Kandidaten, aber auch subjektive Sympathie- und Antipathiebekundungen.“

Dabei lasse sich eine zunehmende Aggressivität beobachten. „Der Homo sapiens ist ein Wiederholungstäter“, meint Professor Rota. Gerade deshalb komme den Menschen das wie ein Ritual wirkende Sendungsformat von „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ entgegen. Die Lust am Zuschauen sei ein archaisches Prinzip. „Die Motivation ist nicht der Ekel oder der Schmerz, den man selbst empfinden will, sondern der Nervenkitzel, anderen dabei zuzuschauen – in dem Bewusstsein, selbst in diesem Moment diese Gefühle nicht haben zu müssen“, formuliert Groebel.

Alle Infos zu "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" im Special bei RTL.de.

Tatsache ist, dass der Dschungel salonfähig geworden ist. Anders als 2004 geben heute viele zu, die Show zu schauen. Medienforscher Groebel spricht vom Phänomen der „sozialen Ansteckung“. Alle redeten darüber, die Dschungelshow sei „zu einem kollektiven Thema geworden, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das betrifft übrigens alle Bildungsschichten.“

RTL freut’s. Der zuständige Redaktionsleiter Markus Küttner ist vom Quotenglück berauscht: „Das gesamte Dschungelteam ist völlig aus dem Häuschen!"

Marco Krefting und Rudolf Ogiermann

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