An der inneren Grenze

- Ihre Zahl übertrifft die der Verkehrstoten bei Weitem. Rund 11 000 Menschen bringen sich in Deutschland jährlich um. Und viele Selbstmörder, sagt die Dokumentarfilmerin Liz Wieskerstrauch, hätte man von ihrem Tun abhalten können. Die Köchin Birgit aus Dortmund gehört zum Kreis derer, die gerettet wurden.

Unter anderem um ihr Schicksal geht es in Wieskerstrauchs Film "Ich bring mich um!?" morgen im Ersten. Birgit wurde von ihrer Freundin verlassen und flüchtete vor ihrem Selbsttötungsverlangen ins Dortmunder Krisenzentrum für Suizidgefährdete -ihr Glück, dass es solch eine Einrichtung eben in Dortmund gibt. Dort erklärt die Psychotherapeutin Ingrid Israel: "Etwas Besseres als den Tod werden wir überall finden. Nach diesem Wort der Brüder Grimm (aus dem Märchen "Die Bremer Stadtmusikanten", Red.) arbeiten wir. Darauf hoffen wir."

Der "Fall Birgit" ist einer von dreien in Wieskerstrauchs Dokumentation. Nicht alle haben ein gutes Ende. Der Prokuristin Claudia, nach außen eine Erfolgs-frau, war nicht mehr zu helfen. Zutiefst verschuldet, der Unterschlagung schuldig geworden, stürzte sie sich vom Hochhaus. "Wie gehen die Hinterbliebenen damit um?", fragte Wieskerstrauch und sprach mit Mutter und Schwester. Aber was geht in einem Menschen vor, der den Selbsttötungsversuch überlebt hat?

Dies ist die Frage bei Marc, auch er der Erfolgstyp, immer strahlend, lächelnd, scheinbar auf der Überholspur des Lebens von Kindheit an. Birgit und Marc sind Menschen, die der eigene Leistungsanspruch überfordert hat, "ein sehr häufiges Motiv in unserer ganz auf Erfolg und Leistung programmierten Gesellschaft, die rasch einen Menschen an dessen innere Grenze führen kann", wie Wieskerstrauch meint. Mit Hilfe des Dortmunder Krisenzentrums fand sie ihre "Kandidaten" - und war erstaunt, mit welcher Offenheit die Betroffenen und ihre Angehörigen über ihr Schicksal sprachen. Daher auch ist es ihrer Meinung nach ein zwar ernster, aber keineswegs düsterer Film geworden.

Ein Film gleichsam in Großaufnahme: "Ich könnte wenigstens noch ein halbes Dutzend weitere drehen, zum Beispiel über die Reaktion der Gesellschaft auf eine Selbsttötung. Aber mein Film macht zunächst einmal eine menschliche Nähe zu der Thematik möglich."

ARD, morgen, um 23.15 Uhr.

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