Interview zur Berichterstattung zu München

Experte: „Um ihre Informationspflicht kommen die Medien nicht herum“

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München - Über die Fernsehberichterstattung zum Amoklauf von München am Freitagabend sprach unsere Zeitung mit dem Berliner Medienpsychologen Jo Groebel.

Teilweise stundenlang haben am Freitag ARD, ZDF, RTL und die Nachrichtenkanäle vom Amoklauf von München berichtet, auch wenn es zunächst nur wenig Konkretes zu berichten gab. War das angemessen?

Die Zuschauer wollen in einem solchen Fall in jeder Minute informiert sein, gerade bei einem so Angst machenden Ereignis, das ja lange nicht abgeschlossen zu sein schien. Insofern war das durchaus angemessen, auch wenn zwischendurch für einige Zeit nichts Neues mitzuteilen war oder nur spekuliert werden konnte. Man sieht aber an den Quoten, dass diese Sendungen ihr Publikum gefunden haben. Wieder einmal hat sich auch gezeigt, dass das Vertrauen in die klassischen Medien größer ist als in die Information aus dem Netz.

Viele Moderatoren haben sich auf die Reporter am Tatort vor dem OEZ gestürzt, die aber nur immer wieder bekennen mussten, dass sie selbst keine neuen Erkenntnisse haben. Ruhe kam immer dann hinein in die Sendungen, wenn Experten im Studio befragt wurden. Ist die Schalte an den Schauplatz nicht oft purer Aktionismus?

Im Kampf um größtmögliche Authentizität setzen die Sender natürlich auf die Nähe zum Geschehen, das gehört zur Dramaturgie bei solchen Ereignissen und wird von den Zuschauern auch erwartet. Die Fernsehmacher sehen sich da – zu Recht – in wachsender Konkurrenz zu all denen, die Informationen, Fotos und Videos über das Netz verbreiten. Umso wichtiger sind die Experten, die das Geschehen einordnen und – je nach Ereignis – davor warnen, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Man muss bei all dem auch bedenken, dass trotz aller Vorbereitung in der konkreten Situation in den Redaktionen schnell reagiert werden muss – da kann die eine oder andere Panne schon einmal passieren. Insgesamt gab es, jedenfalls bei dem, was ich sehen konnte, nicht viel zu meckern.

Solche Videos sind teil des alltäglichen Lebens

Früher hat man bei solchen Ereignissen Augenzeugen befragen können, heute findet eine Vielzahl von Fotos und Videos vom Geschehen sofort den Weg ins Netz und damit in die Öffentlichkeit. Verführt das die klassischen Medien nicht dazu, ihrerseits ungeprüftes Material oder sogar Fälschungen zu verbreiten, um nicht zweiter Sieger zu sein?

Wenn Bilder lügen: Anders als behauptet entstand dieses Foto nicht in München, sondern in Südafrika.

Zunächst einmal finde ich es falsch, pauschal zu verurteilen, dass in dieser Situation Videos gemacht werden. Natürlich gibt es da auch Exzesse, aber solche Videos sind nun einmal Teil des täglichen Lebens geworden, Smartphones sind sozusagen verlängerte Augen und Ohren der Menschen. Und wenn man weiß, wie unglaublich fehlerhaft Augenzeugenberichte sein können, würde ich einem Video zur Rekonstruktion des Tathergangs sogar den Vorzug geben, weil mit ihm Fakten – Aussehen oder Verhalten eines Täters – ungleich objektiver festgehalten werden. Das gilt vor allem dann, wenn man mehrere Videos hat, die exakt das Gleiche zeigen. Einerseits sind solche Bilder wichtig für die Polizei – wenn sie ihr denn zur Verfügung gestellt werden. Andererseits, ganz klar, ist es äußerst problematisch, sie unkommentiert ins Netz zu stellen. Dass erhöht den Druck auf Redaktionen, solche Bilder ebenfalls zu verbreiten, auch wenn es sich gar nicht um Originalmaterial handelt.

Medien müssen informieren

Was ja auch am Freitagabend beim einen oder anderen Sender geschehen ist...

Besser wäre es, aus der Not eine Tugend zu machen. Wenn schon Videos zu Verfügung stehen, sollte man als Redaktion nach den klassischen journalistischen Regeln verfahren und nur solches Material veröffentlichen, das aus mindestens zwei Quellen bestätigt wurde. Klar hat man manchmal auch nur eine Quelle, in diesem Fall muss man dann eben das machen, was in der Kriegsberichterstattung schon lange üblich ist, nämlich sagen, dass man die Bilder nur unter Vorbehalt zeigt, weil man die Echtheit nicht bestätigen kann. Sie sozusagen einbettet. So viel Zeit muss sein.

Nachdem klar war, dass es sich um einen Amoklauf gehandelt hat, haben viele Experten bestätigt, dass der Täter wohl Maß genommen hat an anderen Ereignissen dieser Art – das Blutbad von Winnenden im Jahr 2009 wurde da unter anderem genannt. Dient nicht die ausführliche Berichterstattung über München einem nächsten potenziellen Amokläufer als Blaupause für eine solche Tat, weil er weiß, dass auch er dann so im Mittelpunkt steht?

Um ihre Informationspflicht kommen die Medien nicht herum. Man kann der Öffentlichkeit die Berichterstattung nicht vorenthalten, nur weil es vielleicht Nachahmungstäter geben könnte. Ich bin mir aber sicher, dass jemand, der zu solchen Taten fähig ist, sie nicht begeht, um die größtmögliche Öffentlichkeit zu bekommen. Da hat sich jemand zuvor schon sehr lange in seiner ganz eigenen Welt bewegt.

Mehr Informationen, Analysen, Bilde rund Videos zum Amoklauf in München finden Sie auf unserer Themenseite.

Amoklauf am OEZ: Bilder des Polizeieinsatzes

Das Gespräch führte

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