Linus (Friedrich Mücke) sitzt in der Badewanne und überlegt, ob er seine Erfindung der Menschheit zugänglich machen sollte.
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Sollte er seine Erfindung der Welt zur Verfügung stellen? Linus (Friedrich Mücke) hadert. Denn welche Folgen hätte die Möglichkeit, mit Toten zu sprechen?

Die ARD zeigt das Science-Fiction-Drama „Exit“: Friedrich Mücke über gefährliche Erfindungen

Interview: Friedrich Mücke will nicht unsterblich sein

  • Katja Kraft
    vonKatja Kraft
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Der sehenswerte ARD-Film „Exit“ erzählt von Linus (Friedrich Mücke), der das Startup „Infinitalk“ gegründet hat. Die Software kann einen Menschen komplett digital simulieren: Längst Verstorbene werden am Bildschirm wieder lebendig. Wir sprachen mit dem 39-jährigen Mücke über düstere Zukunftsszenarien und die Frage, wie weit Technik gehen darf.

  • Der Film spielt im Jahr 2047
  •  „Infinitalk“ kann einen Menschen komplett digital simulieren: Aussehen, Stimme, Sprache, Humor
  • Schauspieler Friedrich Mücke sorgt sich, dass das einst Wirklichkeit werden könnte

Man fühlt sich erinnert an Dürrenmatts „Physiker“ und die Frage: Wie weit darf Forschung gehen? Sollten wir zulassen, dass wir uns technisch in die im Film geschilderte Richtung entwickeln?

Nein. Ich bin da sehr entschieden. Aber ich habe keine große Hoffnung, dass sich diese Entwicklung noch stoppen lässt. Gerade in Bezug auf die eigene Privatsphäre. Ich halte es für wichtig, dass wir darüber reflektieren, welche Geheimnisse, welche Gedanken wir preisgeben. Dass wir die Wahl haben, ob wir sie teilen möchten. Dass wir uns nicht komplett nackig machen.

Woran liegt es, dass wir es dann doch so häufig tun – schon jetzt?

Ja, das ist eine gute Frage. Sicherlich ist ein großer Aspekt die Vereinfachung von Leben, die die neuen Tools mit sich bringen. Was ich schwierig finde, ist die Kommunikation, die sich dadurch verändert. Jeder hat ’ne Meinung und jeder darf sie sagen; jeder drückt sich aus – doch der wirklich große Austausch mit vielen völlig unterschiedlichen Leuten ist mega gering geworden. Der Austausch über die eigenen Bereiche hinweg. Und dazu sagt der Mensch, ohne es bewusst zu haben: Ja, ich möchte das. Ich möchte mich eigentlich nur in meinem sicheren Umfeld bewegen.

In meiner Blase. Wo einem die Positionen bestätigt werden, die man selbst vertritt.

Genau! Wo ich gar nicht herausgefordert werde.

Einige technische Einrichtungen, die im Film gezeigt werden, gibt es schon. Nutzen Sie solche Dienste wie Alexa?

Alexa lehne ich komplett ab. Diese Technik gibt vor, sie sei ein menschlicher Kontakt. Das empfinde ich als einen Verrat an dem Wert einer tatsächlichen persönlichen Begegnung. Das ist falsch. Doch klar, ich nutze einen Haufen Medien, die mich im Grunde anonymisieren. Die einen glatt machen. Einen nicht kantig zeigen. Das ist der Widerspruch, in dem auch ich lebe.

„Exit“ ist der Auftakt zu einer Reihe von Filmen, die sich mit der Zukunft beschäftigen. Müssen das denn immer Dystopien sein? Könnte es nicht auch besser werden?

Absolut. Die Utopie liegt aber auch in diesem Film. Sie besteht in den technischen Möglichkeiten, die offeriert werden – dass gezeigt wird, wie genial der Mensch sein kann. Dieses Potenzial positiv zu nutzen, diese Botschaft hat der Film auch.

In einer Szene sagt ein Mitentwickler von „Infinitalk“: „Das ist größer als wir.“ Das dürfe man nicht zurückhalten. Stimmt das vielleicht sogar?

Ich würde sagen: Da ist so viel passiert, dass sich das nicht mehr zurückhalten lässt. Wir sind jetzt auf einem Weg, da braucht es einfach gute Menschen. Aber kommen die nach? Ich hab’ Kinder, was sag’ ich denen? In welchen Positionen sollen die in 50 Jahren arbeiten – in welcher Art von Gesellschaft? Da vertrete ich schon alte Werte. Ich muss an die erinnern.

Für Eltern nicht leicht. Etwa, zu entscheiden, welche technischen Geräte Kinder nutzen dürfen.

Da weiß ich manchmal auch nicht, wo hinten und vorne ist. Ich bin 1981 geboren und mache mir Gedanken, ob wir als eine der letzten Generationen dastehen, die sagen: Es ist wichtig, dass ihr euer Gegenüber wahrnehmt und kennt und ihm zuhört. Zutiefst menschliche Verhaltensweisen und Eigenschaften.

Am Ende geht es im Film auch um Unsterblichkeit. Noch so ein altes Menschheitsthema. Ist die erstrebenswert?

Ich glaube ganz stark, dass wir erst durch das Wissen, dass wir sterben, und das Unwissen darüber, was nach dem Tod kommt, richtig leben. Das macht das Leben aus. Es ist Gott sei Dank noch so, dass wir sterben werden.

Wenn wir wüssten, es geht immer weiter, spielte der einzelne Tag keine Rolle.

Genau. Und es klingt ja total krass, dass ich das 2020 sage, das hätte ich vor zehn Jahren noch nicht gesagt: In einer gewissen Weise glaube ich, dass Unsterblichkeit einmal möglich sein könnte. Der Mensch möchte alles herausfinden. Und das verzeihe ich ihm im Grunde. Er möchte alles wissen. Auch die Antwort auf die Frage: Was kommt nach dem Tod? Und: Können wir unendlich lang leben? Diesen Wunsch verstehe ich. Aber es wirklich umzusetzen? Im Film sind es ja nur digitale Kopien von verstorbenen Menschen, und diese Avatare können sich mit anderen Avataren treffen, innerhalb der Cloud. Das finde ich zwar eine krasse Vision, aber es ist ja nicht so, dass die Personen dadurch wirklich unsterblich sind. Auf diese Weise wird Unsterblichkeit nur inszeniert. Daran glaube ich, dass das passiert. Und das wäre ja auch schon recht bedenklich.

Gehört zum Lieben nicht auch Loslassen? Wenn der Verstorbene als Hologramm immer weiter mit mir kommuniziert, ist echter Abschied doch unmöglich, oder?

Das denke ich auch. Und da sind wir wieder bei dem Punkt, dass wir diese – ich nenne sie immer – alten Werte, den alten Menschen, hochhalten müssen. Das heißt auch loslassen, den anderen gehen lassen, auch in der Liebe. Jemanden zu lieben ist ja relativ unerklärbar. Das ist ein Gefühl und ist vielleicht so lange echt, wie man es wirklich anfassen oder sehen kann. Die Definition von Liebe ändert sich gerade stark. Was ist ein Traum? Was ist Liebe? Leben und Tod – wir haben echt die großen Themen hier. Darin liegt die Kraft dieses Films.

Den Trailer zum Film sehen Sie hier.

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