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Wollen ihre Gäste mehr einbinden: Max Uthoff (l.) und Claus von Wagner liebäugeln in der ZDF-„Anstalt“ mit dem guten, alten Ensemblekabarett.

ZDF-Satire-Sendung

Das planen die neuen "Anstalts"-Leiter

München - Claus von Wagner und Max Uthoff über die ZDF-Satire-Reihe „Die Anstalt“, Faktenvermittlung im Kabarett und politische Enttäuschungen - ein Interview.

Sie treten ein schweres Erbe an – die beiden Münchner Max Uthoff (46) und Claus von Wagner (36) übernehmen heute von Urban Priol und Frank-Markus Barwasser die politische Satire im ZDF. Aus „Neues aus der Anstalt“ wird „Die Anstalt“. Die Sendezeit bleibt die gleiche – einmal monatlich dienstags um 22.15 Uhr. Auch die Kulisse ist dieselbe, die Neuen wollen sie erst einmal so, wie sie ist, in Besitz nehmen und später Stück für Stück umgestalten.

Max Uthoff wurde das Kabarett schon in die Wiege gelegt, seine Eltern Reiner und Sylvia Uthoff gründeten und betrieben 30 Jahre lang das „Rationaltheater“ in München-Schwabing. Der Junior wurde mit „Sie befinden sich hier“ im Jahr 2007 einem größeren Publikum bekannt, seit 2011 feiert er mit „Oben bleiben“ Erfolge. Claus von Wagner schrieb sein erstes Programm schon mit Anfang 20, seitdem ist er eine feste Größe in der Szene. Regelmäßige Auftritte hat er auch bei Bayern 3 und in der ZDF-„heute show“. Gäste bei der Premiere sind Simone Solga, Matthias Egersdörfer und Nico Semsrott.

Wie haben Sie sich Ihre Zuständigkeiten aufgeteilt?

Claus von Wagner: Gemeinsam denken, getrennt sprechen.

Max Uthoff: Das ist zwar fürs Kabarett ein relativ neues Prinzip, aber wir ziehen das durch.

von Wagner: Jeder darf jedes Thema bearbeiten.

Uthoff: Wir stürzen uns auf Themen, die uns wichtig sind, und bringen das, was wir uns dazu ausgedacht haben, in eine Form.

Sie spielen also keine Rollen wie zuvor Urban Priol und Frank-Markus Barwasser – der eine der Chefarzt und der andere der Medienbeauftragte?

von Wagner: Nein, es gibt keine festen Rollen. Da stehen zwei Kabarettisten...,

Uthoff: ...die aber natürlich auch in der „Anstalt“ etwas was von ihrer jeweiligen Bühnenfigur mitbringen.

von Wagner: Außerdem ist ja der Schreibprozess nicht abgeschlossen. Wir schauen einmal, wohin sich das entwickelt. Romanschriftsteller sagen ja oft, dass sich ihre Figuren verselbstständigt und sozusagen sich selbst geschrieben haben. Das kann uns auch passieren.

Sie wollen Ensemblekabarett machen, haben Sie neulich bei der Vorstellung des „Anstalts“-Konzepts gesagt. Wie hat man sich das vorzustellen – Sie können ja, anders als Bühnenensembles, nicht wochenlang gemeinsam proben, schon gar nicht mit ständig wechselnden Gästen...

von Wagner: Wenn du Gäste einlädst, dann schreibst du die Texte ja schon auf genau diese Mitspieler hin, das heißt, du schreibst ihnen eine Präsenz ins Programm hinein, die sie dann mit ihren eigenen Worten ausfüllen. Und eine so großartige Kollegin wie beispielsweise Simone Solga ist ja eine erfahrene Ensemblespielerin. Alle lernen ihren Part, und dann gibt es immer montags vor der Ausstrahlung einen Generalprobentag, an dem man gemeinsam an der Sendung arbeitet.

Und die Gäste legen ihre Bühnenfiguren ebenfalls ab?

Uthoff: Eine Kabarettistin wie Simone Solga ist ja nicht auf eine Rolle festgelegt, sondern sehr wandlungsfähig, sie ist ja auch gelernte Schauspielerin, das heißt, sie kann hin und her switchen. Andere Kollegen wie Matthias Egersdörfer, deren Bühnenfigur sehr stark ist, werden wir mit dieser Figur einzubinden versuchen.

Macht die Große Koalition Satire leichter oder schwerer – schließlich arbeiten die großen Blöcke, die sich normalerweise als Regierung und Opposition auseinandersetzen, nun zusammen?

von Wagner: Ob sie wirklich zusammenarbeiten, ist ja noch die Frage...

Uthoff: Eine Große Koalition lässt in der Regel die SPD noch komischer wirken. Das habe ich jedenfalls bei der vorigen Großen Koalition so empfunden.

von Wagner: Die wirklich großen Fragen werden ja in Berlin gar nicht verhandelt, insofern ändert sich fürs Kabarett nichts, egal wer gerade regiert.

Uthoff: Für uns wird interessant sein, wie sich die Parteien innerhalb der Koalition positionieren. Beim letzten Mal hatte ich immer das Gefühl, dass da nichts vorwärts geht, dass die sich einmümmeln. Diesmal scheint das anders zu sein, da wird der nächste Wahltermin schon anvisiert und man versucht, Position zu beziehen. Wie man sich nach innen vom politischen Gegner abgrenzt und zugleich nach außen Geschlossenheit mimt, das wird das Spannende sein.

Auf der anderen Seite gibt es eine Mini-Opposition aus Grünen und Linken – hat man als Kabarettist mit den Kleinen nicht Mitleid?

Uthoff: Nein. Nicht mit den Kleinen im Bundestag – und erst recht nicht mit den noch Kleineren draußen. Aber das Fehlen einer starken oder wenigstens wahrzunehmenden Opposition ist natürlich nicht gut für die Politik. Und alles, was für die Politik nicht gut ist, ist auch für das politische Kabarett nicht gut.

von Wagner: Man beschäftigt sich satirisch nicht nur deswegen mit einer Partei, weil sie gerade stark oder schwach ist. Es geht ja um die Inhalte. Andererseits – wenn eine Opposition so schwach ist, dass sie kaum Redezeit hat und nicht einmal eine Normenkontrollklage anstrengen kann, dann muss man sich darüber nicht auch noch lustig machen. Aber Mitleid?

Uthoff: Ich glaube, die Linke will auch gar kein Mitleid, zumindest nicht von uns.

Sie haben angekündigt, sich Schwerpunktthemen zu widmen, egal ob sie gerade aktuell sind oder nicht.

Uthoff: Das ist tatsächlich etwas, das wir versuchen wollen. Das ist unser Anliegen, die Themen selbst zu bestimmen, unabhängig davon, was in den drei Tagen zuvor in den Schlagzeilen war. Für uns ist das immer noch Griechenland, immer noch die Deutsche Bank, auch wenn im Moment alle vom ADAC reden.

Und was ist, wenn das beim Zuschauer nicht ankommt?

von Wagner: Aber man weiß doch nie vorher, was beim Zuschauer ankommt. Ich habe ein ganzes Bühnenprogramm über die Finanzwelt geschrieben („Theorie der feinen Menschen“; Red.), und dachte zunächst: Um Gottes Willen, warum mache ich das, es interessiert doch nur mich? Ich hab’s aber trotzdem gemacht, und jetzt gelte ich schon als Finanzexperte. (Lacht.) Man darf nicht immer nur auf Wirkung schreiben.

Uthoff: Deshalb war der Titel „Scheibenwischer“ für die legendäre ARD-Satiresendung auch so gut gewählt. Kabarettisten müssen für klare Sicht auf die Dinge sorgen, dazu gehört auch ausreichend Information.

Klingt so, als wollten Sie mit Fakten punkten und weniger mit Effekten. Heißt das, dass sich der Zuschauer auf die eine oder andere Vorlesung einzustellen hat?

von Wagner: Auch Vorlesungen können lustig sein. Ich hatte an der Uni sehr lustige Vorlesungen. Ich habe schon immer besser gelernt, wenn Wissensvermittlung mit Humor verbunden war. Man kann mit Fakten langweilen, man kann aber auch mit Fakten faszinieren.

Uthoff: Es wird nicht zu pädagogisch, keine Angst! Wir sind Satiriker. Mir haben übrigens die wenigsten Vorlesungen Spaß gemacht. „Die Anstalt“ wird keinen Vorlesungscharakter haben.

Was war für Sie persönlich die größte politische Enttäuschung Ihres Lebens?

von Wagner: Ich habe 1998, als Jungwähler, den Wechsel gewählt – von Helmut Kohl zu Gerhard Schröder. Damals herrschte im Land so eine Aufbruchstimmung. Und wenn ich mir heute so anschaue, was Rot-Grün in dieser Zeit so beschlossen hat – die SPD war dabei bei der Senkung des Spitzensteuersatzes und bei der Entfesselung der Finanzmärkte, und mit den Grünen sind wir in den Krieg gezogen. Das war schon enttäuschend.

Uthoff: Obwohl ich erst 14 war, kann mich noch genau erinnern an den Tag, als Helmut Schmidt als Kanzler abgesägt wurde, im Jahr 1982. Ich konnte damals die Zusammenhänge noch nicht richtig verstehen, aber ich hatte das Gefühl, dass da gerade etwas irgendwie Ungehöriges passiert. Natürlich kann man das nach machtstrategischen Kriterien beurteilen, Schmidt hatte keine Chance mehr, trotzdem war ich entsetzt darüber, wie brutal das politische Geschäft sein kann.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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