Die Invasion der Bilder

- Befragt, was sie auf eine einsame Insel mitnehmen wollen, nennen Kinder zwischen sechs und 13 Jahren an erster Stelle den Fernseher. Vor knapp 60 Jahren war sie noch das Medium der Zukunft, nun wird die Glotze endgültig Geschichte. Das erste deutsche Fernsehmuseum, jetzt eröffnet in Berlin, erinnert an die Karriere der flimmernden Bilder. Was anfangs noch als Privileg einiger weniger Reicher galt, ist längst Alltag. Im Jahr 1955 wurde der hunderttausendste Fernsehteilnehmer registriert, heute dagegen steht in 98 Prozent der deutschen Haushalte mindestens ein Gerät.

Laut Statistik verbringen die Deutschen im Schnitt dreieinhalb Stunden vor der Kiste. Der durchschnittliche Familienvater beschäftigt sich zweieinhalb Stunden mit dem Fernseher, aber nur 26 Minuten mit seinen Kindern. Die Kleinen sitzen im Schnitt selbst jeden Tag eineinhalb Stunden vor dem Fernseher.

Mehrere Generationen sind mit den bewegten Bildern aufgewachsen, haben die ersten Gehversuche des Mediums erlebt und mit ihm unvergessliche Momente. Das Berliner Fernsehmuseum erinnert etwa an die Krönung der britischen Königin Elisabeth II. und an John F. Kennedys Rede in Berlin 1962 ("Ich bin ein Berliner!"). Der Besuch des Museums ist eine Reise in die kollektive Vergangenheit, in der rauchende Politiker debattieren, Harry den Wagen holt, Professor Brinkmann durch die "Schwarzwaldklinik" rauscht und "J. R." aus "Dallas" seine Intrigen spinnt.

"Diese Bilder sind Teil unserer Biografie geworden."

Museumschef Peter Paul Kubitz

Wie vor einem Kaleidoskop der Fernsehgeschichte kann sich jeder Besucher vor einer fast 50 Quadratmeter großen Leinwand nostalgischen Momenten hingeben und Vergessenes neu entdecken. In chronologischer Reihenfolge flimmern Ausschnitte von Politikerdisputen, nervösen Kandidaten, überfragten Talkshowgästen und historischen Seriendarstellern durch den Raum. Rundherum sind Spiegel angebracht, als Symbol für die Omnipräsenz des Fernsehens in unserem Alltag. Zuerst wirkt die Invasion der Bilder beeindruckend, dann aber erdrückend. Überall springen Szenen hin und her, der Besucher ertrinkt in der Reizüberflutung.

Von der ersten Ausstrahlung der Tagesschau in der ARD im Jahr 1952 bis zur vermeintlichen Revolution des Flachbildfernsehers werden am Potsdamer Platz 53 Jahre west- und ostdeutsche Fernsehgeschichte erzählt. Der technische Fortschritt, die industrielle Massenfertigung der Geräte und die Reichweite der Sender ließen den Fernseher bald zum wichtigsten Informationsmedium werden.

Im Prinzip war die Technik schon 1884 erfunden worden. Doch der Fernseher blieb eine Seltenheit, bis er 1934 erstmals in kleiner Stückzahl serienmäßig hergestellt wurde. Erst sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, am 25. Dezember 1952, ging das Programm in Westdeutschland auf Sendung, die Konkurrenz im russischen Sektor war vier Tage früher dran. Das neue Medium etablierte sich langsam aber sicher in den Wohnzimmern.

Wirklich erkannt wurde die historische Bedeutung des Fernsehens bei der ersten Mondlandung (1969), bei der Deutschland ebenso vereint mitfieberte wie 16 Jahre später bei Boris Beckers erstem Triumph in Wimbledon. "Millionen Menschen zur selben Zeit vereint vor einem Bild - und das live", schwärmt ein begeisterter Museumsdirektor Peter Paul Kubitz: "Diese Bilder sind Teil unserer Biografie geworden."

Eine Programmgalerie, die das Angebot ergänzt, ist das Zentrum und der Stolz des Museums. Sechs große Bildschirme mit einer Datenbank von 500 archivierten Sendungen geben dem Besucher die Möglichkeit, Filme, Dokumentationen, Interviews oder Serienfolgen in voller Länge anzusehen. Zusätzlich lassen sich Hintergrundinformationen über Regisseure und Schauspieler sowie Anekdoten aufrufen. Als historisches Dokument archiviert wurden insbesondere die "heute"-Ausgabe des ZDF zum Reaktorunfall von Tschernobyl 1986 oder Skurrilitäten wie der von Filmemacher Rosa von Praunheim provozierte Eklat in einer Talkshow.

Kritik am Konzept des Museums kommt von den Privatsendern, die ihre Produktionen kaum vertreten sehen. Dies bezeichnet Kubitz als "reinen Minderwertigkeitskomplex". Die Dominanz der Öffentlich-Rechtlichen sei zwangsläufig, da es bis Anfang der Achtziger noch keine Privaten gab.

Deutsches Fernsehmuseum, Potsdamer Platz 2, 10785 Berlin, Tel.: 030/30 09 03 0

Öffnungszeiten: Di. bis So. von 10 bis 18 Uhr, Do. von 10 bis 20 Uhr.

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