In jedem Dorf ermittelt ein Kommissar

Fernsehen - Auf einen Mord kann man in diesem Film lange warten. In Gregor Schnitzlers Streifen "Ich bin eine Insel", zu sehen heute abend um 20.15 Uhr, spielt Schauspielerin Ulrike Folkerts (46) einmal keine Kommissarin, sondern eine Lehrerin namens Thea Winkler, die sich schuldig fühlt am Unfalltod eines Schülers. Dieses Ereignis verändert ihr Leben völlig.

Wie würden Sie Thea Winkler charakterisieren?

Das ist eine durch einen Schicksalsschlag schwer traumatisierte Frau, die sich einigelt in ihren eigenen vier Wänden. Keiner darf ihr zu nahe kommen, nicht ihr Ex-Mann, nicht der neue Nachbar und schon gar nicht ein kleines, dickes Mädchen, das sie dazu bringt, auf es aufmerksam zu werden. Bis dahin hat sie geglaubt, es sei die beste Lösung, die Menschen nicht in ihr Leben zu lassen, um keine Probleme zu haben. Das Mädchen Rosa schafft es, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Das Drehbuch wurde speziell für Sie geschrieben. Inwieweit haben Sie Einfluss nehmen können?

Es gab am Anfang nur die Idee der Geschichte einer Frau, die alleine lebt, und eines pummeligen Kindes, die aufeinandertreffen. Doch was sich eigentlich daraus hätte entwickeln sollen, fand ich superkitschig. Zum Glück hat der Produzent dann die Autorin Silke Zertz engagiert. Die hat sich die beiden Protagonistinnen geschnappt und eine, wie ich finde, berührende Geschichte über zwei Menschen geschrieben.

Was war kitschig?

Rosa hatte ursprünglich einen alleinerziehenden Vater, der die einsame Frau am Schluss heiratet. Es war so platt! Das wäre eher was für den Freitag gewesen als für den Mittwochabend, wo‘s doch auch einmal um mehr gehen darf.

Sie spielen mit einer Amateurin, einem Kind. War das besonders schwierig?

Zunächst einmal war es schwierig, jemand Passenden für die Rolle zu finden. Die Darstellerin sollte um die zehn Jahre alt sein und wirklich dick. Und nun gab es Kandidatinnen, die zwar schauspielerisch schon weit waren, aber nicht dick genug und umgekehrt. Ich bin froh, dass es schließlich Tülin Karaca geworden ist. Die war ganz authentisch, was auch daran lag, dass sie noch überhaupt kein Problem mit ihrem Körper hatte.

Gab‘s keine Eifersüchteleien?

Nein. Wir wussten, dass das unser gemeinsamer Film ist.

Tülin könnte Ihre Tochter sein. Sie selbst sind sehr sportlich ­ wie würden Sie das Gewichtsproblem des Mädchens angehen?

Ich glaube, ich würde mir sogar professionelle Hilfe suchen, etwa bei einer Kinderärztin. Auf jeden Fall würde ich anders kochen, ich würde auf gesunde Ernährung achten und auf ausreichend Sport. Das ist natürlich zeitaufwändig, aber das Ganze funktioniert nur, wenn man das als Mutter mitmacht, mitträgt.

Warum sind ­ jedenfalls sagt das die Statistik ­ die Deutschen so dick?

Ja, wenn ich das wüsste! Ich habe da meine ganz eigene Theorie. Wenn ich sehe und höre, wovor man heute Angst haben muss ­ Terrorismus, Autonome, Rechtsradikale, Arbeitsplatzverlust, Angst vor sozialem Abstieg. Der Druck wird ja immer größer. Warum nicht dem Druck standhalten, indem man sich ein dickes Polster anfuttert? Das finde ich als Motiv gar nicht so abwegig.

Man identifiziert Sie mit dem "Tatort", obwohl Sie auch Theater spielen und auch hin und wieder andere Fernsehrollen. Bedauern Sie inzwischen die Festlegung auf die Rolle der Kommissarin?

Ich bedaure eher, dass die Branche so wenig Fantasie oder so wenig Mut hat, uns ­ es geht ja auch anderen Schauspielern so ­ einmal anders zu besetzen. Es ist ja auch so, dass die Bücher immer später fertig werden, erst kurz vor Drehbeginn werden die Schauspieler gesucht, und dann sagt man: Die kann das am besten, die hat das doch neulich erst gemacht, nehmen wir doch die.

Der Zuschauer gewöhnt sich auch an Gesichter. Vielleicht hätten Sie sich verweigern sollen...

Ja, vielleicht hätte ich irgendwann einmal aufhören müssen, aber das wollte ich irgendwie nie, dazu hat mir der "Tatort" zu viel Spaß gemacht.

Mehr als 40 Episoden sind es inzwischen...

Ich habe aufgehört zu zählen. Es sind 18 Jahre, eine Ewigkeit.

Viele Ihrer Kollegen beklagen sich, dass die Qualität der Drehbücher immer schlechter würde.

Ja, da muss man Obacht geben. Ich habe einen Deal mit dem Sender, dass von drei Ludwigshafener "Tatorten" im Jahr mindestens zwei ein aktuelles politisches oder soziales Thema haben. Aber es mischt sich auch immer wieder einer dazwischen, der eher gewöhnlich ist. Das ist natürlich schade.

In letzter Zeit haben einige "Tatort"-Hauptdarsteller kritisiert, dass es zu viele Wiederholungen gebe.

Ja, das finde ich auch. Die "Tatort"-Flut in den Dritten nimmt dem Ganzen ein bisschen den Reiz der Exklusivität. Bisher galt, dass der Sonntagabend "Tatort"-Zeit ist. Wir alle kennen Leute, die man deswegen am Sonntagabend nicht anrufen darf. Das ist ja schon Kult. Was das Problem mit den Wiederholungen noch verschärft, ist die Tatsache, dass immer neue Kommissare installiert werden. In jedem Dorf ermittelt ja bald einer. Ich weiß nicht, ob das auf Dauer dem Erfolg zuträglich ist.

Gibt‘s für Sie noch eine Traumrolle im Fernsehen?

Ich würde ja gerne einmal Kino machen, den Sprung auf die große Leinwand schaffen. Ich finde den neuen deutschen Film spannend, das, was beispielsweise Dani Levy und Fatih Akin ­ oder Gregor Schnitzler machen. Da würde ich ganz gerne mitmischen.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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