"Jetzt geht es um ein gemeinsames Europa"

München - Nicht als objektiver Berichterstatter, sondern als Reisender zu den eigenen Wurzeln fuhr Ex-ZDF-Journalist Wolf von Lojewski für eine zweiteilige Dokumentation nach Ostpreußen. Von dort musste die Familie des heute 70-Jährigen im Jahr 1945 fliehen.

"Heimat ist etwas sehr Persönliches. Für den, der sein ganzes Leben in derselben Stadt verbracht hat, ist der Heimatbegriff sicher ein ganz anderer als für den, der sie vielleicht irgendwann verloren hat." Wolf von Lojewski, zwischen 1992 und 2003 Leiter und Moderator des ZDF-"heute journals" hatte viele Heimaten. Geboren 1937 in Berlin, erlebte er die ersten Jahre seiner Kindheit in Masuren, wuchs nach der Flucht aus Ostpreußen in Kiel auf und verbrachte nach seinem Studium als Korrespondent der ARD unter anderem einige Jahre in Washington und London. "Trotzdem haben meine Eltern mir immer gesagt: ,Du bist ein Masure. Ostpreußen ist deine Heimat."

Und so machte sich von Lojewski bereits im Jahr 2003 zum ersten Mal mit einem Kamerateam auf, diese alte, verlorene Heimat zu suchen und die Menschen dort kennen zu lernen. Warum ging er diesen Weg knapp vier Jahre später mit seiner zweiteiligen Dokumentation "Meine Heimat ­ Deine Heimat" (ZDF, heute und am kommenden Dienstag, jeweils 20.15 Uhr) noch einmal? "Als wir 2003 in Ostpreußen drehten, war Polen gerade der EU beigetreten und erste Veränderungen deuteten sich an. Mittlerweile ist auch Litauen, zu dem ja auch ein Teil des ehemaligen Ostpreußen gehört, EU-Mitglied, und Kaliningrad dazwischen ist eine russische Enklave. Ich wollte wissen, was sich dadurch geändert hat und wie es den Menschen, die ich damals getroffen habe, mit dieser alten, neuen Heimat geht. Wie gehen sie mit ihrer Vergangenheit um und was erwarten sie von der Zukunft?"

Dass er mit Ostpreußen und dem Begriff der "Heimat" ein Thema angeht, das hüben wie drüben jahrzehntelang tabuisiert wurde, ist von Lojewski klar. "Viele der Vertriebenenverbände sind doch seinerzeit nicht umsonst in bedenkliche Ecken abgerutscht", erklärt er im Gespräch mit unserer Zeitung: "Es wollte einfach keiner sonst ihre Geschichten hören." Ihm selbst sei es oft nicht anders ergangen, wenn ihm seine Eltern wieder und wieder von der alten Heimat erzählten, gibt der Journalist freimütig zu. Diese Einstellung habe sich zum Glück endlich geändert ­ nicht nur bei ihm: "Die Leute sind wieder neugierig auf Geschichte."

Dabei habe dieses Interesse, gerade bei jungen Menschen, nichts Bedrohliches mehr. "Geschichte ist keine Kampfwaffe mehr, um damit irgendwelche Rechte, Forderungen und im schlimmsten Falle neue Kriege zu begründen. Es geht hier nicht um Deutsch, Litauisch oder Polnisch, sondern um die gemeinsame Geschichte dieser Gegend ­ ohne irgendwelche Nebenabsichten." Daher sei er überall, in Polen, Litauen und auch dem russischen Kaliningrad (früher Königsberg), mit offenen Armen und großer Neugier empfangen worden, so von Lojewski begeistert. Ängste vor Rückforderungen oder Rache gehörten der Vergangenheit an: "Ich hatte das Gefühl, dass das Thema Versöhnung erledigt ist und es jetzt um ein gemeinsames Europa geht."

Doch das bringt den Menschen im ehemaligen Ostpreußen keineswegs nur Vorteile. Während einige wenige im neuen Kapitalismus schnell superreich geworden sind, herrscht in großen Teilen der Bevölkerung Armut. Nicht wenige sehnen die "guten alten Ostblockzeiten" zurück und manch einer "kann auch seelisch den plötzlichen Wandel nicht mitvollziehen", konstatiert der Journalist traurig. Um dieser Vielfalt an Eindrücken gerecht zu werden, erzählt er in "Meine Heimat ­ Deine Heimat" unzählige kleine Geschichten ­ von Menschen, die vertrieben wurden, und solchen, die zurückkehrten, von jenen, die ihr Glück machten, und denen, deren Rente nicht zum Leben reicht.

Aber auch von Menschen wie dem deutschen Dachdeckermeister Heinz Hohmeister, der es sich zur Lebensaufgabe macht, den Leuten in seiner früheren Heimat zu helfen ­ sei es mit Büchern für den Kindergarten, einer Kuh für eine Bauernfamilie oder einer ganzen Zahnarztpraxis. "Ich wollte einmal einen Helden vorstellen, auf den man wirklich stolz sein kann. Anders als auf diese ulkigen Helden, die das Fernsehen uns sonst so bietet", betont von Lojewski.

Überhaupt sei die Auswahl dieser Geschichten sehr zufällig und persönlich gefärbt. "Jemand, der dieselbe Reise gemacht hätte, hätte sie vielleicht ganz anders erlebt", gibt er zu. Doch gerade diese Subjektivität reizt ihn, der jahrelang als einer der objektivsten Journalisten des Landes galt, besonders. "Solch eine Dokumentation ist ein ganz anderer Zugang zu einem Thema und ermöglicht einen ganz anderen Stil", schwärmt er. In gewisser Weise seien diese Dokumentationen die Erfüllung eines Traumes. "Es ist ein bisschen wie beim Eiskunstlauf. Nach langen Jahren der Pflicht, bei der alles streng geregelt war, ist das, was ich nun vorführe, die Kür." Lacht Wolf von Lojewski und fügt hinzu. "Und in dieser Kür habe ich noch einiges vor!"

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