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Noch Modell, ab 2017 Wirklichkeit: Jochen Schweizer baut gerade eine Erlebnis-Arena in Taufkirchen. Hier ist er in seiner Zentrale in München

Ende bei der Vox-Sendung

Jochen Schweizer steigt aus - Besuch beim „Höhle der Löwen“-Unternehmer

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München - Seit 2014 bringt der TV-Sender Vox in der „Höhle der Löwen“ Erfinder und Gründer mit Investoren zusammen. Gerade ging die dritte Staffel zu Ende – erfolgreich wie nie. Doch Jochen Schweizer, der von Anfang an dabei war, steigt aus. Wir haben den Münchner Unternehmer besucht. 

Auch ein Jochen Schweizer fliegt mal auf die Nase. Gerade ist er auf einem Hoverboard über poliertes Laminat gezischt, im fünften Stock seiner Firma am Münchner Ostbahnhof. Das Teil ist ein elektronisches Brett, das man mit Füßen und Gewicht lenkt – ein Spielzeug für die coolen Kids am Pausenhof. Schweizer, 59 Jahre alt, hat die Kurve zu eng genommen, er fällt, schlittert an den Schreibtischen seiner Mitarbeiter vorbei. Er lacht, die Kollegen schauen kurz von den Bildschirmen auf – sie kennen das schon: Der Chef, er spielt wieder.

Neues Spielzeug: Schweizer düst auf „Scuddy“ durchs Büro.

„Ich liebe alles, was die Motorik trainiert“, sagt Jochen Schweizer, früher Stuntman und Extremsportler, ein großes Kind, aber auch ein großer Unternehmer, und schnappt sich das nächste Trumm: einen klappbaren Elektro-Roller, geländegängig, 35 km/h schnell. Drei Mitarbeiter sind mit dem „Scuddy“ gerade in drei Tagen von München an den Gardasee gekurvt – verrückt, noch nie da gewesen. So was gefällt Schweizer, er hat vor kurzem in die Firma der Roller-Erfinder investiert. Neulich war das in der„Höhle der Löwen“ zu sehen, aktuell eine der erfolgreichsten Shows im deutschen Fernsehen – Schweizer war von Anfang an dabei. Jetzt stellt er sich auf den „Scuddy“ und düst los. Unfallfrei.

Jochen Schweizer hat 20 Firmen, 500 Mitarbeiter, Umsatz 85 Millionen. Schweizer ist Millionär, er könnte vermutlich viel öfter in seinem Haus in Nord-Norwegen hocken und den Fisch, den er zuvor geangelt hat, zubereiten. Das macht er nämlich sehr gerne – Urlaub in absoluter Stille. Stattdessen kommt er zwei, drei Tage pro Woche in die Münchner Zentrale, eines dieser hippen Büros, in dem überall frisches Obst steht und auch ein Schwebebalken, wenn die Mitarbeiter Lust kriegen zu turnen. Wenn Jochen Schweizer durch die Räume in der alten Werkhalle geht, sagt er zu jedem Einzelnen „Hallo“. Seine beiden Söhne arbeiten auch in der Firma. Hier, gleich neben dem Optimol-Gelände, schlägt das Herz seines Imperiums. Und das wächst gerade gewaltig.

Im Gewerbegebiet Taufkirchen, gegenüber von Ikea, baut er die neue Jochen-Schweizer-Arena: Wenn nichts mehr dazwischen kommt, können Besucher ab 4. März 2017 auf dem 15 000-Quadratmeter-Gelände im Windkanal fliegen, im Hochseilgarten klettern, auf einer stehenden Welle surfen – Vorbild Eisbach. Am Alexanderplatz in Berlin plant Schweizer schon das nächste große Ding, ein futuristisches Einkaufszentrum ab 2018 – samt der ersten Surfwelle und dem ersten Windkanal der Hauptstadt.

Die „Löwen“: Carsten Maschmeyer (v.l.), Judith Williams, Frank Thelen, Jochen Schweizer und Ralf Dümmel.

Um sich ganz auf das Mega-Projekt in Taufkirchen konzentrieren zu können, wird Schweizer in der nächsten Runde „Höhle der Löwen“ nicht mehr dabei sein. Das teilte er am Dienstag vor der Ausstrahlung der letzten Folge mit. Gestern endete die dritte Staffel, im Schnitt schauten drei Millionen zu – so viele waren es noch nie. Vox hat die vierte Staffel bereits bestellt: Gründer und Erfinder können sich für die Runde im Jahr 2017 bewerben. Das Prinzip: Jemand hat eine Idee und braucht Geld und Anleitung, um aus der Idee ein Geschäft zu machen. Der Gründer präsentiert also sein Produkt vor fünf Investoren, den „Löwen“ – einer davon ist Schweizer. Er und seine Mitstreiter fragen den Gründer über sein Konzept aus – im Idealfall geht dieser mit einem „Deal“ heim, oft hunderttausende Euro im Tausch gegen Firmenanteile. „Eine Großchance“, nennt Schweizer, aufgewachsen in Heidelberg als Schlüsselkind und Waldorfschüler, das.

Er selbst hätte noch vor wenigen Jahren alles gegeben für eine solche Großchance. Schweizer, der Deutschland das Bungee-Springen beigebracht hat und 1990 in Oberschleißheim die erste Sprunganlage baute, stand nämlich vor dem Aus. 2003 war das, sein Geschäft mit dem Nervenkitzel brummte, inzwischen bot Schweizer auch Houserunning und andere Verrücktheiten an – da passierte die Katastrophe. In seinem Buch „Der perfekte Augenblick“ beschreibt er den Moment, der sein „Leben zerrissen und in zwei Teile geteilt hat“. Davor und danach. 20. Juli 2003, ein heißer Tag, Schweizer will nach einer Radtour noch in die Isar hüpfen, später in den Biergarten. Sein Handy klingelt, er nimmt ab. Sein Geschäftsführer ist dran und sagt: „Jochen, wir haben einen Toten in Dortmund.“ Ein Bungee-Seil war gerissen, Materialfehler, der Springer, 31, war sofort tot.

Schweizer, der selbst viele schwere Unfälle überlebt hat, ist am Boden – psychisch und auch unternehmerisch. In einer durchwachten Nacht, im Januar 2004, hat er eine Idee. Und zwar eine „großartige“, wie er fand. Die Idee, mit Erlebnissen, die man verschenken kann, zu handeln. Er fliegt nach New York, 20. Juli 2004, genau ein Jahr nach der Bungee-Katastrophe. Fünf Investoren stellt er sein Konzept vor. Wie in der „Höhle der Löwen“. Doch er kriegt kein Geld.

Man weiß, wie es weiterging. „Ohne mein Scheitern wäre ich nicht der Jochen Schweizer, der heute vor Ihnen sitzt“, sagt er. Denn er schafft es am Ende doch, das Geschäftsmodell aufzuziehen. Seither verkauft er „Emotionen und Erlebnisse“, wie er sagt. Hunderttausende im Jahr. Fallschirmsprung, Massagekurs für Paare, eine USA-Harley-Reise mit Schauspieler Wolfgang Fierek. Es gibt wenig, was Schweizer nicht auf Gutscheine druckt, in eine Metallbox packt und verkauft. Die Idee, an die die New Yorker Investoren nicht geglaubt haben, rettet heute Deutschlands Ehemänner, die nicht wissen, was sie ihrer Frau zum Hochzeitstag schenken sollen.

In der Sendung saß Schweizer auf der anderen Seite. „Ich hätte als Investor damals mein Konzept verstanden. Und ich hätte in den jungen Jochen Schweizer investiert.“ Energie, den Willen und die Bereitschaft, alles zu geben, Niederlagen wegzustecken, die Bereitschaft, sehr hart zu arbeiten. Das sind Dinge, die ihm imponieren. Und das sind Dinge, die er bei einem Gründer sehen musste, bevor er in der „Höhle der Löwen“ Geld investiert. Manchmal ging dann eine Erfolgsgeschichte los.

Schweizer springt jetzt in seinem Büro vom Stuhl auf, rennt aus der Tür, kommt zurück mit einem Beutelchen, ein Protein-Shake, auch aus der „Höhle der Löwen“. Ein Drink aus getrockneten Früchten. Aronia-Beeren, Wildheidelbeere, Flohsamenschalen – „ein Mega-Erfolg, das wurde gesendet, war sofort ausverkauft – jetzt ist es wieder verfügbar“, sagt Schweizer. Und erklärt dann wie ein Heilpraktiker, was Superfrüchte für den Körper tun.

Schweizer hat in seiner letzten „Löwen“-Staffel in sieben Firmen investiert, „sechs davon fliegen, das ist eine gute Quote“. Sie fliegen – das heißt, sie sind erfolgreich. Schweizer sagt: „Für mich war nicht viel dabei.“ Denn: „Man muss nicht alles machen, womit man Geld verdient.“

Mit-Löwe Ralf Dümmel hat öfter zugeschlagen. Er ist in der Sendung der Investor mit den meisten Deals, ein buntes Kuddelmuddel, vom Pannenwarnschild fürs Autodach bis zum Desinfektionsstift für Gläser. Masse, Produkte fürs Wühlregal im Discounter. Jochen Schweizer, der gerne Buddha zitiert, tickt anders. „Ich habe meine Firmen mit meinen eigenen Händen aufgebaut, wenn ich investiere, dann intelligentes Geld“, sagt er. Der Begriff, mit dem er seine Strategie erklärt: „mein Ökosystem“. Im Zentrum: das Erlebnis und alles, was man drumherum verkaufen kann.

Zu Schweizers „Ökosystem“ passt nicht: eine Bügelhilfe oder eine Kuchenform, auch solche Dinge erfinden Gründer, die in die Sendung gehen. Zu Schweizer passen aber Dinge wie ein Powerdrink, ein Elektroroller. Oder Hiptrips, ein Veranstalter von ungewöhnlichen Themenreisen – die kleine Firma hat es aus der „Höhle der Löwen“ in Schweizers Imperium geschafft. Der bot 150 000 Euro für 25,1 Prozent Firmenanteile, jetzt haben die zwei Gründer und ihre Mitarbeiter Schreibtische in der Jochen-Schweizer-Zentrale und gehören als eigenständiges Unternehmen zur Gruppe. Sie profitieren von Schweizers Infrastruktur und Erfahrung, der wiederum hat mögliche Konkurrenz im eigenen Boot. Es gibt genug Rivalen auf dem Geschenkemarkt.

Schweizer profitierte von der „Höhle der Löwen“ noch auf eine andere Art. Viele Zuschauer haben erst durch die Sendung gemerkt, dass es den Jochen Schweizer, dessen Namen sie von der Geschenkebox kannten, tatsächlich gibt. Dass das kein Fantasiename ist wie „Jack Wolfskin“. Dieser Schweizer ist echt – und das stärkt die Marke.

Es gibt auch viel Kritik für das Format, zum Beispiel daran, dass viele Deals nach der Sendung wieder platzen. Ist die Show wirklich echt? Schweizer sagt: „Selbstverständlich. Ich sitze da am Feuer, dann kommt ein Gründer reinmarschiert.“ Eine „Mischung aus Erfahrung, Bauchgefühl und Fakten“ hilft ihm, sich in der Kürze der Zeit zu entscheiden – kriegt der jetzt Geld oder nicht? Nach dem Auftritt, sagt Schweizer, „überprüft man die Angaben des Gründers. Ein Deal kann nach der Sendung auch scheitern, das passiert immer wieder. Wenn die Erfindung zum Beispiel gegen ein Patent verstößt. Oder Zahlen falsch waren.“

Es gibt aber auch Erfindungen, bei denen er sich sicher ist – das „wird der neue Trend“. Der E-Ball zum Beispiel, eine völlig neue Fortbewegungsart auf einer Kugel. Schweizer und alle anderen Löwen haben investiert, zum ersten Mal in der Sendung.

Für den E-Ball und den Elektroroller baut Jochen Schweizer in seiner Arena in Taufkirchen eine Teststrecke. Und schon ist sein Imperium wieder ein Stück gewachsen.

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