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Liebe in Zeiten des aufkommenden Nationalsozialismus: Im Jahr 1932 werden der jüdische Arzt und Reichstagsabgeordnete Albert Goldmann ( Jan Josef Liefers) und die selbstbewusste Nachtclubsängerin Henny Dalgow ( Anna Loos) ein Paar. Doch schon bald sehen sie sich heftigen Anfeindungen ausgesetzt.

„Nacht über Berlin“

Jan Josef Liefers und Anna Loos im Interview

Achtzig Jahre nach dem Brand des Berliner Reichstages zeigt das Erste heute um 20.15 Uhr einen eindrucksvollen Film über die letzten Wochen der Weimarer Republik.

Anhand einer Liebesgeschichte, mit dem Schauspielerehepaar Anna Loos (42) und Jan Josef Liefers (48) in den Hauptrollen, erzählt „Nacht über Berlin“ (Regie: Friedemann Fromm) die bedrohlichen Veränderungen im Leben der Menschen im Jahr 1933, kurz nach der Machtübernahme durch die Nazis. Für Loos und Liefers, die seit neun Jahren verheiratet sind und zwei gemeinsame Kinder haben, ist es keine Selbstverständlichkeit, auch als Paar vor der Kamera zu stehen. „Es muss sehr gute Gründe geben, um das zu machen“, sagt Liefers, da sonst das Private oft über dem Film stehe. Doch die Idee zu „Nacht über Berlin“ und die auf Loos und Liefers eigens zugeschnittenen Charaktere Henny Dalgow und Albert Goldmann haben die beiden überzeugt.

Im Film sieht man extreme Gewalt und extreme Emotionen. Wie tauchen Sie beim Dreh in diese Gefühlswelt ein? Legen Sie einfach einen Schalter um?

Jan Josef Liefers: Jeder Schauspieler hat im Lauf der Zeit seine eigenen Methoden entwickelt, um sich in diese Stimmungen zu versetzen. Es dauert bis man rausfindet, wie man selber tickt und was für einen am besten funktioniert. Auch ich bin viel in die Irre gegangen. Manche tauchen morgens ein und bleiben dort bis abends. Andere büxen immer wieder aus – so einer bin ich eher und versuche, das immer wieder abzuschütteln. Wie genau ich mich in diese Stimmung bringe ändert sich aber von Film zu Film.

Anna Loos : Ja, das ist absolut rollenabhängig. Der einen Figur nähere ich mich allein durch die Körperlichkeit. Der anderen durch ein Musikstück, das ich immer und immer wieder höre, um in eine bestimmte Emotion zu kommen. Mir hilft aber immer, dass ich in einem anderen Raum bin, ein Kostüm trage, das mit mir als Anna nichts zu tun hat. Wenn dann noch das Spiel mit dem Gegenüber dazukommt, reicht mir das aus, um diesen Schalter umzulegen. Dann vergesse ich alles um mich herum.

"Alberts Inkonsequenz und Zerrissenheit waren symphathisch"

Was gefiel Ihnen an den Figuren Henny Dalgow und Albert Goldmann?

Loos: Wie die Henny singe ich gerne und fahre gerne Motorrad. Aber vor allem gefällt es mir, eine Frau zu zeigen, die in den Dreißigerjahren gelebt hat und die Chance hatte, eine moderne Frau zu sein. Das hat sich ja mit dem Aufkommen der Nazis wieder schlagartig geändert. Diese Idee, den Mann zwar als Beschützer wahrzunehmen, aber trotzdem auf Augenhöhe mit ihm zu sein und das eigene Leben zu leben, das finde ich toll. Das ist eine Errungenschaft, die sehr viel wert ist.

Liefers: An Albert gefällt mir der Widerspruch. Er sitzt im Parlament, appelliert an die Vernunft, an das Gute im Menschen und glaubt an die Kraft des Wortes und des Gedankens. Und trotzdem geht er dazwischen, wenn er Unrecht sieht und hat auch keine Scheu davor, sich zu prügeln, obwohl er Gewalt verabscheut. Das ist eine ziemliche Inkonsequenz, mit der er da lebt, und eine Zerrissenheit, die viele Menschen in sich tragen.

Ich glaube, dass politisch denkende Menschen verängstigt waren

Wie, glauben Sie, war das Leben im Jahr 1933?

Loos: Deutschland ging es wirtschaftlich sehr schlecht und auch die Demokratie war in einem desolaten Zustand. Ich glaube, dass politisch denkende Menschen, die diese Zersplitterung erlebt haben, verängstigt waren. Es hat ja nur dieses kleine Zünglein, den Reichtagsbrand, gebraucht, um die Stimmung von einem Tag auf den anderen komplett zu kippen. Diese Gefahr, da bin ich mir sicher, haben viele gespürt und waren in Hab-Acht-Stellung. Auch wenn sie nicht wirklich wussten, was genau auf sie zukommt.

Liefers: Werden Menschen in die Enge gedrängt, schlägt das um in Aggression. Das war damals so und ist es auch heute noch.

Was für einen Zauber hatten Orte wie das Ballhaus mit seinen orgiastischen Feiern und der Musik der Dreißigerjahre?

Liefers: Die Welt des Ballhauses ist ein Zufluchtsort. Da kann man es krachen lassen, alle Sorgen für ein paar Stunden vergessen. Da wurden Drogen genommen, da kamen alle sozialen Gruppen zusammen…

Loos: …eine sehr liberale Welt eigentlich…

Liefers: Ein streng puritanischer Mensch würde vielleicht sagen: „Da wohnt der Teufel!“ Aber vergleicht man das zum Beispiel mit einer Technoparty von heute, sieht man, dass sich die Leute da auch für ein paar Stunden einfach mal wegballern und die Realität vergessen. Das haben die Menschen zu allen Zeiten getan, und die Musik hat ihnen dabei geholfen.

Nacht über Berlin“ ist ein Film über Verlust - und ohne Happy End

Bei der Liebesgeschichte zwischen Henny und Albert gibt es kein Happy End...

Loos: Nein, und das war uns von Anfang an wichtig. „Nacht über Berlin“ ist schließlich auch ein großer Film über Verlust – und da gibt es eben kein Happy End. So hinterlässt der Film eine sehr viel größere Spur, als wenn letztlich die Liebe alles kittet. Das war damals einfach nicht so.

Liefers: Es gibt tausende echte Geschichten von Paaren unterschiedlichen Glaubens, die einander verlassen haben oder auseinander gerissen wurden. Nur ganz, ganz wenige konnten sich dem Terror widersetzen und noch weniger haben ihn überlebt. Diese Feindlichkeit aus Nationalismus, Antisemitismus und Terrorismus bringt nur Zerstörung hervor und trifft auch den kleinsten, privatesten Raum zwischen zwei Menschen – die Liebe.

Halten Sie eine derartige Radikalisierung der Gesellschaft auch heute noch für möglich?

Liefers: Nein, dass kann ich mir nicht vorstellen. Besonders nicht in Europa. Dafür sind die Länder und Menschen viel zu sehr miteinander verflochten. Aber im Kleinen gibt es das, auch hier bei uns. Immer noch ist Deutschland ein Land, in dem sich nicht wenige Menschen isoliert, ausgegrenzt und angefeindet fühlen.

Loos: Heute leben wir in einer viel gefestigteren Demokratie und dem Land geht es sehr viel besser. Von daher halte ich das auch für ausgeschlossen. Aber die heutige Politikverdrossenheit ist schon bedenklich. Ich hoffe, dass sich manch einer durch den Film wieder bewusst macht, was für ein hohes Gut Freiheit und Demokratie sind.

Das Gespräch führte Stefanie Backs.

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