+
Jürgen Domian widmet sich Ende nächsten Jahres neuen Aufgaben.

Interview über Probleme und Pläne

Domian hört sich an, was die Nacht anschwemmt

  • schließen

Nachts rufen sie Jürgen Domian an und vertrauen ihm ihre Geheimnisse und Sorgen an. Seit 20 Jahren hört der 57-Jährige zu. Ende nächsten Jahres hört er auf. Ein Interview.  

Weil „Domian“ Ende nächsten Jahres aufhört, zeigt der WDR am 2. November (23.15 Uhr) die Dokumentation „Domian – Zwischen Nacht und Tag“. Ein Porträt des Moderators, seines Publikums und seiner Hauptdarsteller – der Anrufer. Am 18. November läuft eine Langfassung der Dokumentation mit dem Titel „Domian – Interview mit dem Tod“ um 19 Uhr im Münchner Monopol-Kino.

In Ihrer Sendung sprechen die Anrufer über intimste Dinge. Wie begegnen Sie dem Vorwurf, nur den Voyeurismus Ihres Publikums zu bedienen? 

Jürgen Domian: Letztlich ist alles, was wir in den Medien veranstalten, Voyeurismus-Befriedigung. Es kommt allerdings darauf an, wie verantwortungsbewusst man das macht. Und auch dem Publikum darf kein Vorwurf gemacht werden, denn jeder ist neugierig auf den anderen und das, was er erlebt hat; jeder ist neugierig, wie andere Probleme lösen, vielleicht freut man sich sogar für sie mit. Natürlich gibt es irgendwann eine Grenze zum Spektakel, wir sind bemüht, diese Grenze niemals zu überschreiten.

Wer hört und sieht Ihre Sendung? 

Domian: Es gibt mittlerweile viele wissenschaftliche Arbeiten über die Sendung. Die Ergebnisse sind für mich sehr erfreulich. Das Publikum ist äußerst gemischt. Es ist jung, es ist alt. Es sind gebildete und weniger gebildete Leute darunter. Wir haben auch einen hohen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Es sind Menschen wie du und ich.

Warum haben Sie sich damals entschieden, diese Sendung zu machen? 

Domian: Es gab gar keine klar überlegte Intention. Ich hatte in dem alten WDR1-Programm eine Anrufsendung, die lief ausgesprochen gut. Und dann sagte mein damaliger Intendant Fritz Pleitgen: „So etwas würde ich gern im neuen Einslive-Programm haben, überlegen Sie sich da mal was.“ Ich machte danach zufällig eine Reise in die USA und sah dort die klassischen Talkradio-Hosts, die auch bimedial arbeiten. Da saßen Männer und Frauen, die mit den Leuten über alles Erdenkliche redeten. Das fand ich hochinteressant. Als ich zurückkam, habe ich ihm das erzählt – und er entschied: „Ok, wir versuchen das. Wir machen die große Nummer, Radio und Fernsehen zusammen.“ Es funktionierte gleich in der ersten Woche wie ’ne Eins. Trotz der späten Sendezeit.

Es ist mutig, sich an dieser prominenten Stelle hinzusetzen und sich jedem Thema zu stellen – Sie wissen ja nie, was kommt. Spüren Sie das Publikum? 

Domian: Naja, zunächst mal haben wir damals noch gar nicht erahnt, welche Ausmaße die Sendung annimmt. Dass es auch in so existenzielle Bereiche geht. Dass so viele Menschen, die schwerst traumatisiert sind, anrufen. Oder dass sich sogar Sterbende melden. Ich versuche immer, so weit wie möglich zu vergessen, dass ich mit den Leuten in einer Sendung spreche, um so nah wie möglich bei ihnen zu sein. Natürlich darf ich es nicht gänzlich vergessen, es ist eben eine öffentlich-rechtliche Sendung, und ich trage Verantwortung für das, was dort passiert.

Ist Ihre Aufgabe auch, mit der Sendung zu unterhalten?

Domian: Das habe ich nicht im Hinterkopf, wenn ich mit einem Sterbenden spreche, aber ich hab’s im Hinterkopf, wenn wir zum Beispiel über das „Dschungelcamp“ reden. Oder über irgendein schräges Sex-Thema. Ich bin in dieser Sendung in verschiedenen Rollen. Wenn ich mit einem Trauernden spreche, bin ich in der Rolle des Seelsorgers. Rede ich mit einem Anrufer über die aktuelle Flüchtlingspolitik, bin ich Journalist. Rede ich mit jemandem über „Deutschland sucht den Superstar“, bin ich Entertainer.

Denken Sie auch manchmal, wenn jemand mit einem trivialen Thema anruft: „Mensch, mach’ die Leitung frei für jemanden, der ein schwerwiegenderes Problem hat!“?

Domian: Nein, weil wir von Anfang an sehr darauf bedacht waren, die Mischung hinzubekommen. Es ist eben auch ein Unterhaltungsformat. Wir merken an den Rückmeldungen der Leute, dass die das auch gut finden, mal durchzuatmen. Die Sendungen sind ja Zufallsprodukte. Es gibt auch Abende, die manchmal sehr finster und sehr traurig sind. Dann heißt es: „Mann, stellt doch mal was Lustiges rein!“ Das haben wir dann aber nicht. Weil wir nur die Themen nehmen können, die in der jeweiligen Nacht über Anrufer zu uns kommen.

Jetzt ist es so, dass Sie eine große Fangemeinde haben, die Sie Nacht für Nacht hört – und die ganz erschüttert ist, wenn Sie Ende nächsten Jahres aufhören. Was ist das für ein Gefühl, sie allein zu lassen? 

Domian: Wenn Sie es so formulieren, tut es mir unfassbar leid. Mich hat das ja auch sehr beeindruckt, wie groß die Pressewelle war, als ich es bekanntgegeben habe. Aber wenn ich dann erkläre, dass ich Ende nächsten Jahres ungefähr 22 Jahre Nachtschicht gemacht haben werde, und dass ich die Nachtarbeit eben auch nicht mehr so gut wegstecke wie früher und ich schon die Sehnsucht habe, mal wieder ein normales Leben zu führen, mit einem normalen Tagesablauf, dann verstehen das die Leute.

Haben Sie schon konkrete Pläne für danach? 

Domian: Was klar ist: Ich möchte weiter talken. Und ich möchte nach den 20.000 Telefoninterviews, die ich über die Jahre geführt habe, meine Gesprächspartner nun gerne mal sehen. Ich experimentiere mit Atze Schröder an einer Talkshow. Wir haben schon drei Shows in Essen vor Publikum gespielt. Wir sind in der Show zugleich Gastgeber, aber auch unsere eigenen Gäste. Kombiniert mit unbekannten und prominenten Leuten. Und das hat super geklappt. Ist aber noch nichts spruchreif. Wir feilen weiter dran.

Im Film betonen Sie, dass jeder, der in seinem Leben etwas verändern möchte, für sich ernsthaft beschließen muss, den Weg zu gehen. Ohne diesen inneren Entschluss helfe auch kein Therapeut. Wie weit können Sie denn dann den Menschen helfen, die Sie anrufen? Oder ist der Anruf schon ein Zeichen, dass die Leute bereit sind, den Weg zu gehen? 

Domian: In der Regel ja. Und ansonsten kann man immer einen Anstoß geben. Das ist unter Umständen sehr viel. Ich erinnere mich an viele, viele bewegende Dankesschreiben von Menschen, die schwersten sexuellen Missbrauch erlebt haben in ihrer Kindheit. Die Jahre oder Jahrzehnte geschwiegen haben und mir dann schreiben: „Durch das Gespräch mit dir hab’ ich endlich Mut gefasst, die ersten Schritte Richtung Therapie zu unternehmen.“ Darüber freue ich mich immer sehr.

Ich erinnere mich an eine Sendung, in der ein Anrufer erzählte, dass er Mordgedanken habe. Wie geht man mit so jemandem um? Denn der ist ja eine potenzielle Gefahr, aber er öffnet sich gleichzeitig. Wird Ihnen manchmal mulmig ob der Verantwortung, die Sie in solchen Momenten haben? 

Domian: Ja, aber Sie sagen ja richtig: Wenn jemand schon anruft bei uns, dann heißt das, dass da ein Wunsch ist, etwas zu unternehmen. Genau da kann man anpacken. Denn jemand, der ganz für sich entschlossen ist, etwas Schlimmes zu tun, wirklich entschlossen ist, der meldet sich nicht.

Sie selbst haben als junger Mann entschieden, von der Hauptschule aufs Gymnasium zu wechseln. Sie haben sich durchgebissen, Ihren Weg gemacht. Woher haben Sie diese Kraft genommen? 

Domian: Ich glaube, die Kraft resultierte aus der jahrelangen Demütigung, die ich in der Hauptschule erlitten habe. Das war eine äußerst schlimme Zeit. Irgendwann bin ich erwacht und hab’ gesagt: Nee, so lässt du dich nicht behandeln und so lässt du dir das Leben nicht verbauen von diesen idiotischen Lehrern.

Sind Sie so ein guter Zuhörer, weil Sie selbst auch solch einen Kampf durchgemacht haben?

Domian: Ich glaube, wenn man als Therapeut, Arzt, Krankenschwester arbeitet, ist es immer gut, wenn man schon selbst eine Menge erlebt hat. Und in meinem Job kann es auch nicht schaden. Weil man sich natürlich so besser in jemanden hineinversetzen kann und man wird auch glaubwürdiger für den Gesprächspartner. Jemand, der sein Leben lang nur vom Glück geküsst wurde, erahnt ja gar nicht, welche Schmerzen und Abgründe es gibt.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Hoffen auf den Lucky Punch
München - Wladimir Klitschko wird TV-Experte beim Streamingdienst DAZN – und zeichnete im Münchner Boxwerk einen ersten Beitrag auf.
Hoffen auf den Lucky Punch
Promi Big Brother: Wer ist raus? Wer ist noch dabei?
Es geht schon wieder los: Promi Big Brother bittet erneut mehr oder minder bekannte Stars in den Container und sperrt hinter diesen ab. Wer bei der aktuellen Staffel …
Promi Big Brother: Wer ist raus? Wer ist noch dabei?
Das Sommerhaus der Stars 2017: Wer ist raus? Wer ist noch dabei?
RTL zeigt „Das Sommerhaus der Stars“ 2017. Hier erfahren Sie, wer nach der dritten Folge schon raus ist und welche Kandidaten noch dabei sind.
Das Sommerhaus der Stars 2017: Wer ist raus? Wer ist noch dabei?
MTV hat eine sensationelle Nachricht für alle Musikfans
Nachdem der Musiksender MTV 2011 ins Pay-TV wechselte, soll er nun am 1. Januar 2018 wieder ins deutsche Free-TV zurückkehren. 
MTV hat eine sensationelle Nachricht für alle Musikfans

Kommentare