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Voll auf die Zwölf: Oliver Kalkofe übt TV-Fundamentalkritik.

Interview mit dem  „TV-Terminator“

Kalkofes „Best-of des Schlechtesten“

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München - Ein „Best-of des Schlechtesten“ aus dem zu Ende gehenden Jahr verspricht „TV-Terminator“ Oliver Kalkofe am 27. Dezember um 20.15 Uhr auf Tele 5 (Wiederholung: 1. Januar, 0.35 Uhr). Dann präsentiert der 51-Jährige seinen persönlichen Jahresrückblick. Wir trafen ihn vorab zum Gespräch.

Dass das Programm immer schlechter wird, sagen die Zuschauer ja im Grunde, seit es das Fernsehen gibt…

Oliver Kalkofe: Das ist richtig, aber früher war’s eher so, dass die Kulturelite mit erhobenem Zeigefinger den vermeintlich fehlenden Bildungsauftrag eingefordert hat. Bis in die Siebzigerjahre hinein wurde ja selbst in den Quizsendungen nur Schulwissen abgefragt. Heute ballern uns vor allem die Privaten mit Scripted Reality zu, mit Sendungen, die die Realität vortäuschen, aber noch viel schlimmer sind. Früher war die Glotze eine positive Zuflucht, heute sieht man Formate, in denen sich Menschen gegenseitig vor die Tür kacken oder ein Amtsrichter nachmittags als Pimmelmodel arbeitet. Das Schlimme ist, dass sich das langsam aber sicher in die Gehirne frisst. Irgendwann glauben die Zuschauer, was sie da sehen.

Viele sind nach wie vor der Meinung, dass Qualität eher bei den Öffentlich-Rechtlichen zu erwarten ist.

Oliver Kalkofe:  Ja, vor allem die Öffentlich-Rechtlichen selbst. Aber das stimmt so nicht. Auch die Privaten produzieren mittlerweile auch schon einmal richtig gute Sachen, auf der anderen Seite findet man bei ARD und ZDF längst nicht nur Qualität – im Gegenteil. Zu gefühlt 95 Prozent bekommt man da nur noch Schmunzelkrimis oder „Sokos“ zu sehen, Krimis, die sich nur noch im Ort unterscheiden, an dem sie spielen. Es ist immer derselbe Brei, immer dieselben Leute, die das seit Hunderten von Jahren machen, immer dieselben Schauspieler. Das kreide ich den Öffentlich-Rechtlichen an, denn die arbeiten mit unserem Geld, die müssten uns eigentlich jeden Tag etwas Neues bieten. Das Experimentelle, das beispielsweise in ZDF Neo versucht wird, ist nicht mehr als ein Feigenblatt.

Wenn mehr experimentiert wird, geht die Quote runter, und die Verantwortlichen können sagen: „Jetzt geben wir viel Geld aus für etwas, das nur wenige sehen wollen.“

Oliver Kalkofe:  Die Quote ist die Wurzel allen Übels, weil sie nicht die Realität abbildet! Erstens wird dafür das Fernsehverhalten von nur 6000 Menschen gemessen. Da schneiden die kleinen Sender per se schlecht ab. Wenn da mal fünf oder zehn Leute nicht da sind, die sonst immer unsere Sendung bei Tele 5 sehen, dann ist das schon ein Desaster für den Marktanteil. Zweitens wird heute auf andere Art ferngesehen als früher, nämlich über Mediatheken, über Streamingdienste und nicht mehr nur live im Wohnzimmer. Das fließt aber nicht in die Messung ein. Und drittens spielt es da keine Rolle, wie intensiv in den Sozialen Netzwerken über eine Sendung diskutiert wird. „Stromberg“ oder Harald Schmidt hatten nie eine gute Quote, aber eine unfassbare Relevanz.

Gibt es eigentlich auch etwas, das Sie uneingeschränkt gut fanden in letzter Zeit?

Oliver Kalkofe:  Es gibt natürlich Sendungen, die mir gefallen. Regelmäßig schaue ich Böhmermann, die „heute show“ und „Halligalli“. Die werden von Menschen gemacht, die Spaß am Entertainment haben. Sonst ist da nicht viel, das ich mir live noch gebe.

Das Fernsehspiel „Terror – Ihr Urteil“, bei dem die Zuschauer am Ende abstimmen konnten über „Schuldig“ oder „Nicht schuldig“? Das hat die ARD als „Experiment“ verkauft.

Oliver Kalkofe:  Das fand ich toll, weil es einfach mal etwas Neues war. Alles, was mutig ist und anders, finde ich gut. Ich will die ARD nicht unter Druck setzen, aber etwas in dieser Richtung würde ich mir schon einmal pro Monat wünschen. Aber man muss ja froh sein, wenn man so etwas einmal im Jahr zu sehen bekommt. Und dann war es schon ein gutes Jahr.

Fernsehkritik, so wie Sie und viele andere sie verstehen, ist das eine. Auf der anderen Seite gibt es seit einiger Zeit eine wachsende Kritik ganz anderer Art speziell an den Öffentlich-Rechtlichen, die als Regierungsfernsehen angesehen werden, nur dazu da, die Bürger einzulullen und zu belügen.

Oliver Kalkofe:  Ja. Unglaublich, wie schnell sich so eine Meinungswelle bildet und wie ein Tsunami alles niederwalzt. Die Leute fühlen sich belogen, nicht nur von der Politik, sondern auch von den Medien. Das Dumme ist, dass die Medien in der Folge aus Angst wirklich plumpe Fehler machen, wodurch sich viele Kritiker bestätigt sehen.

„Plumpe Fehler“ heißt, dass Sie nicht an die zentrale Steuerung glauben?

Oliver Kalkofe:  Natürlich waren ARD und ZDF schon immer in gewisser Weise gesteuert, es sitzen ja genügend Politiker in den Aufsichtsgremien. Trotzdem wird hier nicht systematisch die Unwahrheit verbreitet. Es ist leider so, dass die Medien dazu beitragen, die Menschen eher dümmer als klüger zu machen. Da darf man sich nicht wundern, wenn die Zuschauer irgendwann auf alle Fragen nur noch einfache Antworten haben.

Klingt ein bisschen so, als seien die Öffentlich-Rechtlichen selbst schuld daran, dass sie nicht mehr ernst genommen werden...

Oliver Kalkofe:  Schuld sind vor allem die Politiker, die nicht ehrlich sind und uns das seit Jahrzehnten in den politischen Talkshows vorführen. Neu ist, dass da jetzt auch welche sitzen, die behaupten, dass sie die Wahrheit sagen, die aber noch unehrlicher sind als alle anderen.

Die AfD fordert, den Rundfunkbeitrag und damit die Öffentlich-Rechtlichen abzuschaffen, weil diese ihrem Informationsauftrag nicht gerecht würden.

Oliver Kalkofe:  Ich finde den gebührenfinanzierten Rundfunk auch hochgradig unfair, und zwar nicht, weil ich generell nichts bezahlen will, sondern weil ich für Dinge bezahlen muss, die ich nicht haben will. Aber der AfD geht’s ja nicht um die Zwangsgebühr, sondern darum, selbst die Kontrolle über die öffentliche Meinung zu gewinnen. Die beschweren sich über staatliche Einflussnahme, wollen aber nach der Übernahme der Regierung nichts anderes als staatliche Einflussnahme. Man schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Noch mal zurück zur Finanzierung. Wäre das für Sie ein denkbares Modell, dass man nur das zahlt, was man sehen will, so wie bei Sky oder Netflix?

Oliver Kalkofe:  Ich fände es fair, eine Art Grundgebühr zu verlangen für sagen wir das Erste, das ZDF und das jeweilige Dritte. Die muss jeder Fernsehhaushalt zahlen, um das System am Laufen zu halten. Und dann kann sich jeder das dazukaufen, was er sehen will. Die Nummer mit der Zwangsgebühr für alle, egal, was sie tatsächlich schauen, kann man sich dann sparen. Und für gutes Programm zahle ich gern auch mehr.

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