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Ausgezeichnet: Udo Kier beim Filmfest München, wo er 2014 mit dem Cinemerit-Award geehrt wurde.

Interview

Udo Kier: „Diese Serie kennt keine Tabus“

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München - Udo Kier über seine Rolle des skrupellosen Patriarchen in der schwarzhumorigen Fernsehreihe „Altes Geld“.

In David Schalkos bitterböser Serie „Altes Geld“ kämpft eine zerrüttete Sippschaft um das Erbe des kranken Vaters – gespielt von Udo Kier. Der 71-Jährige Wahl-Amerikaner, der einst in Köln geboren wurde und seither in über 160 Kinofilmen spielte, hatte eine diebische Freude beim Dreh der Komödie. Der Bezahlsender Sky zeigt sie bei RTL Crime. Ein Gespräch über österreichischen Humor.

Willkommen in München! In den Siebziger- und Achtzigerjahren haben Sie hier gelebt. Erinnern Sie sich gern an die Zeit?

Ja natürlich. Ich bin gleich nach meiner Ankunft in das Restaurant „Deutsche Eiche“ gegangen, wo ich immer mit Fassbinder war. Wir haben dort sogar eine Zeit lang gewohnt. Das war schön.

Sie klappern Ihre alten Orte ab?

Ja, und ich mache diese Gänge bewusst ganz alleine. Der Viktualienmarkt war für mich immer etwas Besonderes, die Maximilianstraße… Ich war ja lange hier. Später haben wir in einem Penthouse in der Clemensstraße 40 gewohnt. Der Bruch, wenn man das überhaupt so nennen kann, kam, als es mich weiterzog, nach Amerika.

Sie klingen fast ein wenig wehmütig. Können Sie sich eine Rückkehr nach Deutschland vorstellen?

Also Tränen in den Augen habe ich nun auch wieder nicht. (Lacht.) Nein. Ich liebe Sonne, ich bin 71 Jahre alt, da ist die Sonne gut für den Körper. Eine Rückkehr wäre auch schlecht für die Geschichtsbücher. Geboren in Köln, gestorben in Köln oder München. Wie klingt das denn?

Das wäre Ihnen zu banal?

Die jungen Leute würden doch lachen und sagen: Der ist nie aus Deutschland rausgekommen! (Lacht.)

Dabei sind die USA längst Ihre Heimat geworden, oder?

Ja, ich habe mir in Amerika wunderschöne Orte geschaffen. Ich wohne – mit meiner Kunst – in einer ehemaligen Bücherei und sammle Möbel aus den Fünfzigerjahren. Ich habe eine Ranch, die 20 Minuten von Palm Springs entfernt liegt, weitere 20 Minuten weiter habe ich eine Scheune, wo ich Möbel vom Second-Hand-Store horte. Das alles soll ich aufgeben für ein teures Appartement in der Maximilianstraße? Never! Ich mag dieses zurückgezogene Leben, das ich in Amerika führe. Und wenn ich dann mal eingeladen werde, für einen Abend nach München zu fliegen, dann mache ich das umso lieber.

Womit wir beim Grund Ihres Besuchs wären: Die Serie „Altes Geld“ feiert Premiere in Deutschland. Sie spielen die Hauptrolle.

Ja, der hervorragende Regisseur David Schalko hat mir die Gelegenheit gegeben, nach 50 Jahren in diesem Beruf in Deutschland die Hauptrolle in einer Serie zu spielen. Ich war in deutschen Produktionen bislang ja immer „nur“ der Gast – im „Tatort“ zum Beispiel. Nun eine große Serie – das fand’ ich toll. Allerdings hatte ich erst abgelehnt.

Warum?

Ich bin ja eine Ersatz-Besetzung. Gert Voss, der meine Rolle zuerst gespielt hat, starb während der ersten Drehtage. Als ich dann gefragt wurde, ob ich diesen Rauchensteiner spiele, habe ich gesagt: Den Knecht vom Burgtheater zu ersetzen, ist einfach, aber nicht den König (Voss war Star an dem großen Wiener Theater; Anm. d. Red.). Insofern hatte ich Bedenken.

Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie sich umentschieden haben?

Die Besetzung. Ich wollte vor allem wissen, wer meine Frau ist. Und als ich erfuhr, dass Sunnyi Melles die Rolle spielt, habe ich gesagt: Wunderbar, dann mach’ ich es.

Sie kannten sich?

Wir haben nie zusammengearbeitet, aber ich habe Sunnyi kennengelernt, als ich vor acht, neun Jahren hier in München meinen Geburtstag gefeiert habe. Das war in einem schönen Hotel damals. Und ich dachte, es wäre schön, Sunnyi einzuladen und sie kennenzulernen. Sie ist nicht nur eine hochdisziplinierte Schauspielerin, sondern auch sehr eigen, sie ist etwas Besonderes. Man kann Sunnyi mit niemandem vergleichen. Sie ist eine Schauspielerin, die mitdenkt.

Sie haben sich gut ergänzt?

Oh ja, wir hatten eine gute Zeit. Überhaupt hat keiner der Schauspieler versucht, sich in den Vordergrund zu spielen oder so. Das gibt es ja auch – vor allem bei Schauspielern, die die kleinen Rollen haben. Die kommen dann mit den schrägsten Ideen. (Lacht.) Nein, hier war alles wunderbar. Ich bin gerne zur Arbeit gefahren. Ich könnte diese Serie noch ein paar Jahre weiter drehen.

Was gefällt Ihnen so sehr daran?

Es gibt bei dieser Serie kein Tabu. Das ist wichtig. „Dallas“ und „Denver“ waren auch böse, voller Intrigen, denken Sie an Joan Collins. Aber hier gibt es kein Tabu.

Im Gegenteil – es tun sich Abgründe auf: Von Hass über Inzest bis zu Korruption ist alles dabei.

Das hat natürlich damit zu tun, dass die Serie in Österreich spielt und von einem Wiener geschrieben wurde. Der Humor in Österreich, besonders in Wien, ist ganz anders als in Deutschland. Der Deutsche hat ja gar nicht so viel Humor. Der Österreicher dagegen ist ironisch. „Na hörst, na gehst, bist deppert.“ So geht das da den ganzen Tag. (Lacht.) Und dieser böse, schwarze Humor, der macht die Serie aus. Ich finde sie ungewöhnlich und sehr gut. Und das sage ich nicht, weil ich mitspiele. Wenn ich es nicht gut fände, würde ich gar nicht hier sitzen. Kurzum: Ich bin ziemlich happy!

David Schalko:

„Altes Geld“ (Hoanzl). Das Drehbuch zur Fernsehserie ist im Verlag Jung und Jung (381 Seiten; 24 Euro) erschienen.

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