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Von Nervosität keine Spur: Auch in der ungewohnten Umgebung eines Tonstudios des Bayerischen Rundfunks liest die neunjährige Caroline souverän aus dem mitgebrachten Buch vom Räuber Grapsch.

Kleine Talente mit großen Stimmen

München - Regelmäßig sucht der Bayerische Rundfunk Nachwuchs für seine Hörspielproduktionen. Ein Besuch beim Casting.

Was für ein hektischer Tag! Die Sonne brennt unerbittlich auf die Landeshauptstadt, rund um den Hauptbahnhof tobt der Verkehr, Straßenbahnfahrer lassen wütend die Glocke schrillen, weil Autos die Gleise blockieren. Nebenan reißt ein motorisierter Bautrupp geräuschvoll das Trottoir auf, in der Ferne hört man ein Martinshorn gellen. Keine wirkliche Wohltat für die Ohren. Ohrenstöpsel wären die Lösung, allerdings machen die sich bei 30 Grad Celsius gar nicht gut. Vor Lärm und Hitze möchte man flüchten – am liebsten an einen Ort, an dem es angenehm kühl ist und wo sanfte Töne erklingen.

Da trifft es sich ausgezeichnet, dass der Bayerische Rundfunk (BR) an diesem Tag zu einem Casting für den Kinderfunk geladen hat. Gesucht werden kleine Talente mit großen Stimmen für diverse Hörspiele im BR, Sendungen wie etwa „Do Re Mikro“ und andere Produktionen. So alle eineinhalb Jahre sucht der Münchner Sender nach neuen Stimmwundern, die nach erfolgreichem Casting für einzelne Projekte engagiert werden.

„Ronja Räubertochter“ in der Hand

Wie alle anderen Kandidaten wurde auch die kleine Bernadette durch die verwinkelten Gänge im Untergeschoss des BR-Komplexes geleitet, um in das Tonstudio zu gelangen. Ob sie wohl nervös ist? Sieht ein wenig danach aus, schließlich zieht und zupft Bernadette an ihrem hübschen grünen Kleid, als sie sich der vierköpfigen Jury um Chefsprecherin Barbara Malisch vorstellt. Gut, dass sie nur mit einer Hand die Reißfestigkeit ihres Kleides testet, denn in der anderen hält sie Astrid Lindgrens Kinderbuch „Ronja Räubertochter“, aus dem sie gleich etwas vorlesen wird.

Barbara Malisch sitzt einer Jury vor, die entscheidet, welche Kinderstimmen aus dem Radio ans Ohr der Hörer dringen.

Das Tonstudio ist klassisch in Regieraum und Aufnahmeraum aufgeteilt, mit einer großen Glasscheibe dazwischen. Hinter dem riesigen Mischpult sitzt Detlef Fischer, während Barbara Malisch und Kai Frohna, Leiter des BR-Kinderfunks, hinter ihm Platz genommen haben. Bernadette wird in den Aufnahmeraum geführt. Sie wirkt ziemlich klein und verloren, allein in diesem großen Raum hinter der Trennscheibe, mit einem überdimensionalem Mikrofon vor der Nase.

Für das heutige Casting haben sich 25 junge Bewerberinnen und Bewerber zwischen sieben und zwölf Jahren samt Begleitpersonen angemeldet. Nachdem die Leseratten aus ihrem Lieblingsbuch vorgetragen haben, müssen sie andere Texte – mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden – vorlesen und eine kurze Inhaltsangabe machen. Neben Sachtexten, Dialogen und Gedichten stehen auch Rätsel auf dem Programm: „Uns geht es darum, ob die Kinder beim Lesen aufgepasst und das Gelesene verstanden haben, oder ob sie die Texte einfach nur heruntergelesen haben“, sagt Kai Frohna.

Betonung und Tempo zählen beim Vorlesen

Beim Vorlesen wird besonders auf Betonung und Tempo geachtet. Natürlich muss sich der Sender an Richtlinien wie die Einhaltung von Ruhepausen halten sowie verschiedenste Vorgaben der Behörden vom Jugend- bis zum Gewerbeaufsichtsamt beachten.

Mittlerweile klingt Bernadettes anfängliche Nervosität allmählich ab. Ihre Stimme ertönt im Studio laut und klar, während die vielen Anzeigen auf dem Mischpult ihre Worte in digitale, kräftig ausschlagende Balken und sich krümmende Wellen verwandeln. „Nicht schlecht. Sie hat eine schöne Farbe in der Stimme“, resümiert Barbara Malisch die gut zehnminütige Darbietung von Bernadette. Als kleine Belohnung darf sie sich noch eine Hörspiel-CD aussuchen, und da Bernadette recht wählerisch ist, dauert das einige Minuten.

Caroline liest die Geschichte vom Räuber Grapsch

Dann betritt die neunjährige Caroline die Tonstudiobühne, natürlich mit einem Buch in der Hand. Nervosität scheint Caroline nicht zu kennen, denn die Geschichte vom Räuber Grapsch hallt wunderbar klingend durch die Lautsprecher. Mit geschlossenen Augen und voll konzentriert lauscht Barbara Malisch jeder Betonung. Auch die Mama ist dabei, wesentlich unruhiger als ihre begabte Tochter: „Die letzten zwei Wochen ging es nur um die Auswahl des Buches. Nach außen wirkt sie jetzt sehr ruhig, doch auf der Fahrt hierhin habe ich gemerkt, dass sie recht nervös war.“ Davon merkt man bei Caroline absolut nichts mehr. Spielend löst sie das Rätsel und meistert alle Texte, die ihr Detlef Fischer aufträgt. Nebenbei lacht sie auch noch vergnügt. Ein echter Profi.

„Wir brauchen für die unterschiedlichsten Projekte und Hörspiele ein großes Kontigent an Kinderstimmen“, erläutert die Chefsprecherin. „Einige können besser erzählen, andere eignen sich eher für Hörspiele. Manche klingen schüchtern, andere wiederum energisch. Und da nicht jedes der Kinder immer verfügbar ist, müssen wir eine bestimmte Auswahl haben“, so Malisch weiter. Und je jünger die Kinder, desto besser, schließlich droht bei den Buben irgendwann einmal der Stimmbruch.

Was für eine angenehme Abwechslung, den hellen, klaren Kinderstimmen zu lauschen. Jetzt geht’s wieder hinaus in den Lärm der Großstadt.

Von Barnabas Szöcs

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