König des Samstagabends

- Mit der "Rudi Carrell Show" begann seine Präsenz im deutschen Fernsehen, und über die folgenden Jahre bis zu seinem Tod im vergangenen Monat berichtet Jürgen Trimborn sehr ausführlich und unterhaltsam in seiner soeben veröffentlichten Biografie "Rudi Carrell. Ein Leben für die Show". Wen er schätzte von seinen Kollegen wie Lou van Burg, Peter Frankenfeld oder Hans-Joachim Kulenkampff, Harald Juhnke oder Alfred Biolek, der Carrell einmal als den "Beckenbauer des Showgeschäfts" bezeichnete.

Wie er auf seine Ideen kam. Wohin er mit seinen Kindern in Urlaub reiste. Welche Autos er fuhr. Und wie viele Zigaretten er pro Tag rauchte.

"Ich war billiger als die deutschen Kollegen."

Rudi Carrell

Er war ein Zyniker und liebte das Leben, er wirkte herzlich und konnte gleichzeitig eiskalt sein: Rudi Carrell, der letzte große Showmaster, hatte zwei Gesichter. Vielleicht hat er das von seinem Lehrmeister, dem eigenen Vater André, gelernt. Der war ein rund um sein Heimatstädtchen Alkmaar beliebter Entertainer und erklärte seinem Sohn, wie ein guter Gag funktioniert: Man müsse zwei Dinge verknüpfen, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Kontraste seien die Basis des Humors.

Kontraste bestimmten auch das Leben und den Charakter des Sohnes Rudolf Wijbrand Kesselaar, der später unter dem Künstlernamen Rudi Carrell ganze Völkerstämme zum Lachen bringen sollte. Die ersten Schritte auf dem Weg zum König der Samstagabendshows waren noch holperig, bis Rudi Mitte der Sechzigerjahre im holländischen und deutschen Fernsehen auftreten durfte. "Ich war billiger als die deutschen Kollegen und sprach noch ein wenig schlechter Deutsch als sie. Das mochten sie", erklärte Carrell später seinen raschen Aufstieg jenseits der niederländischen Grenze.

Das Geheimnis seines Erfolges war der voraussetzungslose Humor, nicht die leisen, feinen Töne. Pfiffige Sketche, mit hohem Tempo erzählt, aber auch die obligatorische Torte im Gesicht. Das kam an, quer durch alle Gesellschaftsschichten. Die einen schätzten einen leicht konsumierbaren Scherz, die anderen die mit Widerhaken versehene Logik desselben.

Erst im Januar 2006 nahm der durch seine Biografien über Leni Riefenstahl, Johannes Heesters oder Hildegard Knef mittlerweile einem breiteren Publikum bekannte Trimborn mit dem schwer kranken Entertainer Kontakt auf. Bereitwillig habe sich Carrell von Beginn an bei dem Projekt gezeigt, erklärt Trimborn in seinem Vorwort. Diszipliniert, wie er es ein Leben lang gewöhnt war, hat sich Carrell in die Arbeit an seinen Memoiren gestürzt und Trimborn mit Stapeln von Material, Sketchbüchern und Kisten voller Fotos versorgt.

Alle Bilder im Buch wurden noch gemeinsam ausgewählt, fünf Tage vor seinem Tod beantwortete er Trimborn die letzten Fragen per E-Mail. Und der saß gerade beim Abfassen des Schlusskapitels, als er von Carrells ältester Tochter Annemieke die traurige Nachricht erfuhr.

Freimütig gab Carrell in seinen letzten Lebenswochen Auskunft über sein Leben. Vieles ist dem aufmerksamen Leser der Klatschpresse aus den vergangenen Jahrzehnten vertraut. Doch Carrell gewährt den Lesern seiner Biografie auch private, ja sogar gelegentlich wirklich intime Einblicke in sein Familienleben, seine Kindheit und Jugend im besetzten Holland und über Geschwister und seine Eltern, die sich im Widerstand engagierten. Spannend zu lesen ist das umfangreiche Werk nicht nur für Fans des hageren Kerls, der von sich ohne Wimpernzucken sagte: "Ich bin ein absoluter Glücksfall fürs Fernsehen." Sondern auch für alle, die sich für die Geschichtchen und Anekdoten der deutschen Fernsehgeschichte interessieren. "So was wie mich gibt's nur einmal", verkündete Carrell anlässlich einer Gala 2004. Wer's noch nicht glauben wollte, weiß nach der Lektüre dieses Buches, wie Recht der Mann hatte.

Jürgen Trimborn: "Rudi Carrell. Ein Leben für die Show". C. Bertelsmann Verlag, München, 574 Seiten; 19,95 Euro.

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