Ich komme gleich nach Goethe

- Bertolt Brecht war schon als Jugendlicher davon überzeugt, dass aus ihm etwas Großes werden würde. "Ich komme gleich nach Goethe", erklärt er seiner Jugendliebe Paula Banholzer. Sie und viele weitere Zeitzeugen berichten in der ARD-Dokumentation "Brecht - Die Kunst zu leben" über das Leben und Werk des großen Dramatikers.

Allen ist der außergewöhnliche Mann unvergessen, der am 14. August vor 50 Jahren in Ost-Berlin starb. Heute strahlt die ARD die 90 Minuten lange SWR-Produktion aus, die am 28. Juli in einer kürzeren Fassung bei Arte zu sehen war.

Töchter, Schüler und Schauspieler erzählen

Vor allem die Vielfalt der Stimmen macht die Stärke des Films von Joachim Lang aus. Zu Wort kommen unter anderen Brechts Töchter Hanne Hiob und Barbara Brecht-Schall, seine Schüler Manfred Wekwerth und B.K. Tragelehn, die Schauspielerinnen Käthe Reichel und Regine Lutz sowie seine Mitarbeiterin Marianne Brün, die Tochter von Fritz Kortner.

"Glotzt nicht so romantisch", fordert Brecht schon früh sein Publikum auf. Die Menschen sollen den Tatsachen, den bitteren Wahrheiten des Lebens ins Auge sehen. Chronologisch und angereichert mit den Zeitzeugen-Erinnerungen erzählt die Dokumentation das Leben des Mahners Brecht, der aber auch immer unterhalten wollte. Mit Vertonungen seiner Texte, historischen Aufnahmen von zeitgeschichtlichen Ereignissen und Ausschnitten aus berühmten Inszenierungen nähert sich der Zuschauer der Lebenswelt Brechts.

Auch das Private wird thematisiert. Der Dichter hatte mit 26 schon drei Kinder von drei Frauen, keinen ordentlichen Beruf, Geldsorgen, aber: keine Zukunftsangst. Er liebte es auch schon mal vulgär, mochte Boxkämpfe und war ein Autonarr. Seine Frau, die Schauspielerin Helene Weigel, hielt ihm den Rücken für die Arbeit frei. Er hielt ihr die Treue - nur treu, so formuliert es die Tochter Barbara Brecht-Schall ganz offen, sei er eben auch anderen gewesen. Viele Frauen fühlten sich zu dem großen Denker hingezogen: Elisabeth Hauptmann, Marieluise Fleißer, Margarete Steffin, Ruth Berlau.

Die Lebenskunst als höchste Kunst

Dokumentiert werden die Anfänge bis zum plötzlichen Welterfolg mit der "Dreigroschenoper", das Exil in Dänemark, Russland, Schweden, Finnland und den USA und schließlich die Rückkehr nach Deutschland, in die DDR. Spätestens zu diesem Zeitpunkt begann das Missverständnis: Brecht wurde auf Weltanschauungen festgelegt - im Osten als Staatsdichter gefeiert und gleichzeitig immer wieder mit Skepsis beobachtet, im Westen mal als Ideologe, mal als Kommunistenknecht bezeichnet und, wenn auch nur kurze Zeit, boykottiert.

"Er hat Sachen gezeigt und klargestellt, welche die Leute nicht hören wollten", sagt Kortner-Tochter Marianne Brün. "Nicht in Westdeutschland zu der Zeit, aber auch nicht in Ostdeutschland zu der Zeit. Er hat nirgends hingepasst und würde heute noch weniger irgendwo hinpassen." Am 14. August 1956 starb Brecht, der die Lebenskunst stets als höchste Kunst bezeichnet hatte, im Alter von 58 Jahren an einem Herzinfarkt.

ARD, heute, um 23.50 Uhr.

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