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Wegen ihrer unstillbaren Neugier als Zielgruppe entdeckt: Vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender buhlen mit Wissensformaten (hier: „Die Sendung mit der Maus“) um die Gunst der kleinen Zuschauer.

Kinderfernsehen

Wie kommen die Löcher in den Käse?

Wenn Kinder plötzlich wissen, wie die Löcher in den Käse kommen, warum das Meer blau ist oder wie ein Navigationssystem funktioniert, haben sie mit hoher Wahrscheinlichkeit „Die Sendung mit der Maus“ (WDR) angeschaut.

Seit fast dreißig Jahren beantwortet der Klassiker aller Kinderwissenssendungen unermüdlich Kinderfragen – auf so anschauliche und dabei unterhaltsame Weise, dass nicht nur die kleinen, sondern auch eine ganze Menge großer Zuschauer bis heute treue Fans sind.

Doch die „Maus“ hat längst Konkurrenz bekommen. „Edutainment“ liegt – auch im Kinderfernsehen – im Trend. Von „Willi will’s wissen“ (BR) über „Wissen macht Ah!“ (WDR) bis hin zu „Wow – Die Entdeckerzone“ (Super RTL) werden in allen Kinderprogrammen Alltagsfragen beantwortet, Phänomene erklärt, Sprichworte entschlüsselt und Experimente vorgeführt.

Die Gründe für den Boom solcher Wissenssendungen für Kinder sind vielfältig. „Die Komplexität der Welt, in der Kinder aufwachsen müssen, hat zugenommen“, erläutert Sebastian Debertin, stellvertretender Programmgeschäftsführer des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals (Kika): „Es gibt einfach mehr Erklärungsbedarf als noch vor vierzig Jahren.“ Auch die fatalen Pisa-Ergebnisse deutscher Schüler spielten eine Rolle, betont Claudia Wegener von der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) in Potsdam, die derzeit eine Studie mit dem Titel „Kinder – Fernsehen – Wissen“ leitet. „Themen wie frühkindliche Bildung werden plötzlich viel mehr öffentlich diskutiert. Das spiegelt sich auch in den Fernsehangeboten wider.“

Nicht zuletzt sind Kinder mit ihrer schier unstillbaren Neugier auch als ernstzunehmende Zielgruppe entdeckt worden – sei es als erstaunlich kaufkräftige Kundschaft oder als Zuschauer von morgen, die möglichst früh an das Fernsehen herangeführt werden sollen, wie Nadine Kloos vom Münchner Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (JFF) erläutert. „Und schließlich“, sagt wiederum Wegener, „beruhigen diese Wissensendungen auch die Eltern. Wenn Fernsehen bildet, kann man die Sprösslinge guten Gewissens auch mal vor dem Bildschirm sitzen lassen. Das trifft im Moment wirklich den Zeitgeist.“

Kein Wunder also, dass immer neue Wissensendungen den Markt erobern – und das nicht nur bei den Öffentlich-Rechtlichen. „Ohne den Anspruch auf Bildungsfernsehen zu erheben, zeigen wir zahlreiche Formate, die auf spannende Weise nützliches Wissen vermitteln“, verkündet Claude Schmit, Geschäftsführer von Super RTL, nicht ohne Stolz. Doch so sehr sich die privaten Sender vom Image des reinen Unterhaltungsfernsehens distanzieren möchten, ist und bleibt Bildung natürlich das Steckenpferd von ARD und ZDF und findet vor allem dort statt. „Wissenssendungen zu produzieren ist aufwändig sowie zeit- und kostenintensiv. Dass die Mitbewerber hier lieber ins internationale Programmkaufregal greifen, zeigt dies auf“, wagt Sebastian Debertin einen Seitenhieb auf die Konkurrenz.

Kunststück, schließlich finanziert sich der Kika ausschließlich aus Gebühren und ist anders als die privaten Sender nicht auf Quote angewiesen. „Das ist sicherlich ein Vorteil“, so Debertin. „Aber was die Quote angeht, so sind die Wissensformate ein ganz wichtiger und unverzichtbarer Baustein beim hervorragenden Quotenergebnis des Kinderkanals in diesem Jahr.“

Doch wie sinnvoll sind solche Wissenssendungen denn nun wirklich? Macht Fernsehen – anders als früher von so manchem Kritiker angenommen – gar nicht (nur) dumm? „Ich würde sogar behaupten, gutes Fernsehen macht schlau“, sagt Debertin. Experten sehen das skeptischer: „Grundsätzlich kann keine Empfehlung ausgesprochen werden, Kinder und Jugendliche zum Fernsehen zu ermuntern“, verlautet aus dem bayerischen Kultusministerium: „Als alleinige Wissensquelle ist das Fernsehen aufgrund der passiven Nutzungsweise sicherlich nicht geeignet.“ Mit anderen Worten: Dient sie lediglich der Berieselung, nutzt die cleverste Sendung nichts.

Wird durch das Fernsehen geweckte Neugier aber auch außerhalb der Reichweite der Fernbedienung gestillt, muss die Glotze nicht generell verteufelt werden. „Das Fernsehen kann Lernorte der Realität nicht ersetzen, aber es kann sie ergänzen“, sagt Medienpädagogin Nadine Kloos: „Außerdem werden da auch Sachverhalte beleuchtet, denen Mädchen und Jungen in ihrem Alltag kaum begegnen, wie dem Leben in fernen Ländern.“ Wenn sich Eltern die Zeit nehmen, das Gesehene anschließend mit ihren Kindern durchzusprechen und vielleicht sogar das eine oder andere gemeinsam nachzulesen, bleibe von der Bildung, die Kinderwissenssendungen liefern können, auch etwas hängen, ist sich Claudia Wegener sicher. „Deshalb ist für mich ganz klar: Fernsehen an sich macht weder dumm noch schlau. Es kommt ganz einfach darauf an, was man daraus macht.“

Melanie Brandl

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