Krankenhaus-Serien: An chronischer Intrige erkrankt

München - "Schwarzwaldklinik" inklusive Professor Brinkmann, Pfleger Mischa und Glottertal-Idyll, das war seinerzeit Neuland ­ und einmalig. Mittlerweile haben Krankenhaus-Soaps inflationär zugenommen und sich zu den größten Quotenbringern gemausert. In unserer Sommerserie befassen wir uns mit den beliebtesten. Heute: "In aller Freundschaft" (ARD).

"Die Klinik ist die eine Seite, das Private die andere", ermahnt "Sachsenklinik"-Chefarzt Dr. Roland Heilmann (Thomas Rühmann) seinen Kollegen Dr. Martin Stein (Bernhard Bettermann). Ein programmatischer Satz. Doch was für die Menschen zu gelten hat, von denen hier in bis heute 403 Folgen erzählt worden ist, gilt natürlich nicht für die Drehbuchautoren von "In aller Freundschaft". In der "Sachsenklinik" ist ­ in Abwandlung eines Slogans der Achtundsechziger ­ das Medizinische immer auch das Private. Der oben zitierte Satz fällt übrigens im Zusammenhang mit der Neueinstellung einer Psychologin (Iris Böhm) in Folge 401, die nur deswegen Komplikationen verursacht, weil es da irgendeine alte ­ oder neue ­ (Liebes-)Geschichte mit dem Kollegen gibt, die eine Zusammenarbeit zum Wohle des Patienten zumindest erschwert.

Ganz klar, in der ARD-Endlosserie aus Leipzig wurde die gute alte ZDF-"Schwarzwaldklinik" erfolgreich wiederbelebt. Die Episoden drehen sich weniger um Krankheiten und Therapien, als um die außerordentlich komplizierten Verhältnisse der (be-)handelnden Personen zu- und miteinander. Diese Diagnose lässt sich vor allem für die Belegschaft stellen. Kaum einer, der da nicht eine Leiche im Keller hat, eine alte Affäre beispielsweise, die er nun bitter bereut. Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden ­ kaum eine Folge, in der nicht ein Dritter oder eine Dritte unfreiwillig Zeuge einer Beziehungs-Anamnese wird und den klassischen Satz "Oh, ich stör' hier wohl gerade" (alternativ: "Ich geh' dann mal lieber") zu sagen hat.

Längst sind die Ärzte im deutschen Fernsehen nicht mehr nur gut, auch arbeiten sie nicht mehr bis zur Erschöpfung, jedenfalls nicht alle. Manchmal dient schon die Fachrichtung als Kontrastmittel. Dr. Rolf Kaminski (Udo Schenk), der in der gerade abgelaufenen elften Staffel sehr im Fokus steht, ist nicht etwa (Schönheits-)Chirurg, sondern Urologe. Und wer fürs "Untenrum" zuständig ist, dessen Kittel kann nicht ganz weiß sein. Und richtig, Kaminski ist ein Mini-Mephisto, der allerdings in Dr. Vera Bader (Claudia Wenzel) seine Meisterin findet. Die ist ein richtiges Biest, aber dafür auch nicht (mehr) praktizierend, sondern Verwaltungsdirektorin des Krankenhauses, also per se nicht dem hippokratischen Eid verpflichtet.

An ihr zeigt sich am deutlichsten, dass die Schauspielkunst in der "Sachsenklinik" oft an Krücken geht. Da wird vor Zeugen brüskiert ("Ist noch etwas, Frau Marquardt?!"), diabolisch gelächelt oder mit Enthüllungen gedroht. Da ist die Intrige chronisch geworden. Auch den anderen Hauptfiguren gesteht die Regie nicht viel Individualismus zu, auf dem Rezept stehen allzu oft die hochgezogene Augenbraue, der kritische Blick über den Brillenrand, die spöttische "Ach-Ihr-Männer-seid-doch-alle-gleich"-Attitüde aus der Anstaltspackung.

Insgesamt dramatischer ist die Lage bei den Patienten, die dafür aber auch schneller wieder die Klinik und damit die Serie verlassen dürfen. Hinter der akuten Erkrankung steht oft die Beziehungs-Krisis, an so manchem Krankenbett wird die Bilanz eines Lebens(-Abschnitts) gezogen. Immerhin ist man diagnostisch auf dem neuesten Stand, in Folge 401 geht es um einen Fall von Bulimie bei einem Mann. Auch die Pharmakologie hat wohl schon vom Fachwissen der TV-Doctores profitiert. Da wurde vor Jahren einmal derart emphatisch ein tolles neues Präparat gegen Epilepsie beworben, dass dem Hersteller ­ und dem ARD-Programmdirektor ­ die Ohren geklungen haben müssen.

Serien sollen angenehm unterhalten, auch wenn's auf der Intensivstation schon einmal zum Herzstillstand kommt. Deswegen bleibt die Realität des (deutschen) Gesundheitswesens draußen vor der Notaufnahme. In der "Sachsenklinik" gibt's keine Wartezeiten, keine Bürokratie und keine endlosen Schichten bei Ärzten und Pflegern. Hier ist nur das Blut rot und nicht die Bilanz des Unternehmens. Hier kommt der Operateur vor dem Eingriff noch persönlich vorbei und sagt: "Es geht gleich los ­ alles klar bei Ihnen?" Und auch die "Weg vom Tisch!"-Action, den pittoresken Mediziner-Trab neben der Trage her in den OP hat man klugerweise lieber den Amerikanern überlassen.

Professor Simoni, Dr. Heilmann, Oberschwester Ingrid ­ sie kommen weiterhin zur Visite in die deutschen Wohnzimmer (wieder ab September) und sorgen ganz nebenbei dafür, dass Zuschauer, die einmal selbst ins Krankenhaus kommen, plötzlich keine gute Meinung mehr von Medizinern haben. Denn anders als in der "Sachsenklinik" lässt sich in der Realität der behandelnde Arzt bisweilen viele Stunden lang nicht beim Patienten blicken. Weil er es einfach nicht mehr schafft ­ und nicht, weil er gerade seine Affäre mit der Nachtschwester aufarbeiten muss.

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