Krankenhaus-Serien: Von Zynismus zerfressen

München - "Schwarzwaldklinik" inklusive Professor Brinkmann, Pfleger Mischa und Glottertal-Idyll, das war seinerzeit Neuland - und einmalig. Mittlerweile haben Krankenhaus-Soaps inflationär zugenommen und sich zu den größten Quotenbringern gemausert. In unserer Sommerserie befassen wir uns mit den beliebtesten. Heute: "Dr. House" (RTL).

Vorbei sind die Zeiten, in denen ausschließlich Halbgötter in Weiß durch Arztserien schwebten, milde lächelnd kleine und große Wehwehchen heilten und dabei selbst die Höhen und Tiefen des Lebens zu spüren bekamen. Zwar geistert diese klebrig-zuckrige Spezies à la Dr. Brinkmann oder Schwester Stefanie noch immer durch diverse TV-Praxen, für knackige Quoten aber sorgt längst einer, der mit den immer bestens gelaunten Gutmenschen im weißen Gewand rein gar nichts mehr gemein hat: Dr. House, Held der gleichnamigen amerikanischen Serie, die in Deutschland bei RTL ausgestrahlt wird, ist der Anti-Arzt schlechthin.

Ein Kotzbrocken ganz ohne Kittel, ein fachliches Genie, das zwischenmenschlich vollkommen versagt, ein Arzt, der seine Mitarbeiter terrorisiert und seinen Patienten nur mit größter Abneigung gegenübertritt. Niemand ist weiter davon entfernt, als verehrungswürdige Identifikationsfigur zu taugen, der man selbst gern sein Leben anvertrauen würde. Warum also fesselt der von Zynismus zerfressene House mit seinen müden Augen, dem unrasierten Gesicht und dem ewig schmerzenden Hinkebein bereits seit 2004 Millionen Zuschauer in den USA, kassierte dafür so renommierte Auszeichnungen wie den Emmy oder den Golden Globe Award und galt in Deutschland in der TV-Saison 2007/08 als das erfolgreichste Format überhaupt in der werberelevanten Zielgruppe?

Ein Grund ist sicherlich der britische Schauspieler Hugh Laurie, der den kauzigen Diagnostiker Dr. Gregory House so genial mimt, dass dessen verbitterte Ironie und sein von Tablettensucht geprägter Charakter eine ganz eigene Art von Komik und scharzem Humor vermitteln. House ist Satire pur. Und dennoch wirkt er bei aller Unmenschlichkeit mit seinen Schwächen und Defiziten, die die Serie genüsslich auswalzt, vielleicht menschlicher und realistischer, als es Dr. Brinkmann je war. Und so traurig es ist: Wahrscheinlich laufen in den Kliniken von heute mehr Zyniker à la House durch die Gänge, als uns allen lieb ist...

Überhaupt wird Realismus in der Serie großgeschrieben. Zwar gehen die Meinungen der Experten darüber, ob der medizinische Kontext bei "Dr. House" immer korrekt vermittelt wird, auseinander, doch technisch perfekte Inszenierungen und computeranimierte Innenansichten des menschlichen Körpers vermitteln zumindest dem Laien den Eindruck, live am Krankenbett dabei zu sein. Dabei ist "Dr. House" eher aufgebaut wie ein Krimi denn wie eine klassische Arztserie: In jeder Folge reiht der geniale Mediziner ein Indiz ans andere, forscht mit raffinierten Methoden nach Beweisen und schnappt über haarsträubende Theorien den "Täter". Kein fieser Virus, kein noch so seltenes Bakterium, keine exotische Krankheit bleibt von ihm unentdeckt. Ähnlich wie beim amerikanischen Polizei-Dauerbrenner "CSI" sorgen dann schnelle Schnitte, aufwändige Kameraführung und die professionelle Produktion dafür, dass die Handlung buchstäblich unter die Haut geht - wobei zartbesaiteten Gemütern beim Anblick von offenen Hirnen sicherlich ab und an die abendlichen Kartoffelchips im Halse stecken bleiben.

Doch bei aller Neuerung läuft auch das Konzept "Dr. House" schon wieder Gefahr, sich totzulaufen: Selbst die modernste Erzählweise wirkt irgendwann altbekannt, und auch die seltensten Krankheitsbilder ähneln sich auf Dauer. Also werfen die Macher der Serie dem bärbeißigen Despoten in der vierten Staffel Frischfleisch zum Fraß vor und geben so inhaltlichen Sprengstoff: Junge Ärzte bewerben sich als Assistenten für House. Das sollte seinen Hunger nach Opfern, die er tyrannisieren und schikanieren kann, vorerst stillen - und dem Zuschauer, der diese Art von Humor und Spannung rund um das Krankenbett mag, mindestens ein, zwei weitere unterhaltsame Staffeln garantieren.

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